Ein Jahr ist es her, da gewann Borussia Mönchengladbach das Heimspiel gegen RB Leipzig mit 1:0, und vor dem Schlussspurt der Saison standen für die Borussen die Türen nach Europa weit offen. Ohne Druck, aber mit jeder Menge Perspektive konnte der damalige Trainer Gerardo Seoane mit seiner Mannschaft um den neuen Nationalspieler Tim Kleindienst das Saisonfinale angehen. Doch was passierte? Die Mannschaft versagte auf ganzer Linie, gewann kein Spiel mehr, und die Saison trudelte trostlos aus. Hoffnungsträger Tim Kleindienst zog sich zudem eine vermeintliche Allerweltsverletzung zu, die ihn elf Monate später immer noch außer Gefecht setzt.
In der Nacht nach dem Leipzig-Spiel wurden die Uhren auf Sommerzeit umgestellt – und Borussia verspielte in den folgenden Wochen nicht nur die Chance auf Europa, sondern startete eine absurde Sieglosserie. Unfassbare 15 Bundesligaspiele in Folge blieben die Fohlen ohne Sieg. Erst als die – zu späten – Wechsel in der sportlichen Führungsebene vollzogen waren und wieder Winterzeit herrschte, gab es beim FC St. Pauli den ersten Dreier. Die folgenden Monate verliefen zwar insgesamt deutlich erfolgreicher, doch fest steht: Eine solche Vorstellung wie im Vorjahr darf sich Borussia nach der neuerlichen Zeitumstellung schlicht nicht erlauben.
Es geht ums nackte Überleben
Noch sieben Spiele stehen aus, und ohne mindestens zwei Siege wird Borussia die Klasse nicht halten. Es ist eng im Tabellenkeller, und mehrere Teams mit eigenen Problemen sind ebenfalls in der Verlosung. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich die Fohlen in den nächsten Wochen so weit absetzen können, dass sie an den letzten Spieltagen nicht mehr wirklich unter Druck stehen. Genauso real ist aber das Gegenteil: Sowohl das Abrutschen auf den Relegationsplatz als auch der direkte Abstieg sind ohne Weiteres möglich.
Borussias Restprogramm mit Heidenheim (H), Leipzig (A), Mainz (H), Wolfsburg (A), Dortmund (H), Augsburg (A) und Hoffenheim (H) hat es durchaus in sich. Selbst ein vermeintlich leichtes Spiel gegen Tabellenletzten Heidenheim birgt hohes Stolperpotenzial. Aktuell können sich Eugen Polanski und sein Team immerhin darauf stützen, dass in den letzten Partien eine gewisse Stabilität eingekehrt ist. Die Siege gegen Union und St. Pauli waren fußballerisch alles andere als eine Offenbarung – aber angesichts der Ausgangslage war der pragmatische „Karo-Einfach-Ansatz" richtig. Es ist nicht die Zeit, irgendetwas zu entwickeln oder Stilfragen zu diskutieren. Es geht ums nackte Überleben, und da sind alle Mittel recht.
Erfahrung als Trumpf im Abstiegskampf
In der Crunchtime der Saison könnte es Borussia zugutekommen, dass der Kader überdurchschnittlich viel Erfahrung mitbringt. Vor Nicolas (28) verteidigen mit Sander (28), Elvedi (29) und Diks (29) keine Grünschnäbel. Im Derby standen mit Honorat (29), Stöger (32) und Tabaković (31) weitere Haudegen in der Startelf. Reitz (23) und Scally (23) haben ebenfalls ordentlich Bundesligaerfahrung, und Engelhardt spielt zwar seine erste Saison im Oberhaus, ist aber immerhin schon 25 Jahre alt. Der Jüngste in Köln war Castrop mit 22 Jahren. Im Schnitt war die Startelf 27,2 Jahre alt – also im besten Fußballeralter.
Es besteht also Anlass zur Hoffnung, dass die Erfahrung in der stets unberechenbaren Schlussphase einer Saison dafür sorgt, dass die Mannschaft nicht vollständig den Boden unter den Füßen verliert und den Ligaerhalt ohne den Umweg über die Relegation schafft. Das wäre für den Fortbestand von Borussia Mönchengladbach existenziell, denn ein Abstieg bedeutete keinen reinigenden Neuanfang, sondern den Anfang vom Ende. Hannover, Schalke, Kaiserslautern, Karlsruhe, Hertha – sie alle zeigen Jahr für Jahr, wie wenig ein einstmals großer Name und eigentlich gute Standortbedingungen helfen, wenn es darum geht, in die Bundesliga zurückzukehren.
Rouven Schröder muss die Leitplanken errichten
Borussia muss den Abstieg um jeden Preis vermeiden. Und dann wartet die zweite große Herausforderung dieser Sommerzeit: Rouven Schröder muss die Leitplanken errichten, an denen sich der Klub künftig sportlich und konzeptionell orientiert – und das unter erschwerten finanziellen Bedingungen. Wie schlecht es um die einstmals „gesunde, aber nicht reiche" Borussia bestellt ist, dürfte mittlerweile jedem klar sein. Es bedarf endlich wieder kreativer Transfers – das war es, was Borussia in den erfolgreichen Eberl-Jahren stark gemacht hat – und eines klaren Plans. Die Phase, in der vermeintlich interessante Spieler geholt wurden, weil sich gerade die Gelegenheit ergab, muss vorbei sein. Verpflichtet werden dürfen künftig nur noch Spieler, die in ein festgelegtes Konzept passen.
In diesem Sommer muss der so oft angekündigte und nie vollzogene Umbruch endlich Realität werden. Niemand darf mehr behaupten, dass nur an ein paar Stellschrauben gedreht werden muss. Die Verantwortlichen müssen dabei mit aller notwendigen Transparenz vorgehen und die Fans mitnehmen. Es braucht einen echten Schulterschluss – und die klare Botschaft, dass die Träume vom Europapokal auf Jahre hin ausgeträumt sind. Jetzt geht es darum, sich Schritt für Schritt zu festigen und entlang neu definierter Leitplanken wieder in eine Richtung zu bewegen, mit der sich alle identifizieren können. Doch bevor all das in Angriff genommen werden kann, muss zunächst der elementar wichtige erste Schritt gelingen: der Klassenerhalt in dieser Saison. Ihm muss in den ersten Wochen der Sommerzeit alles untergeordnet werden.
von Marc Basten

