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Jens Castrop: Unruhestifter zwischen Fortschritt und Selbstsabotage

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Immer voller Einsatz - Jens Castrop (Foto: Norbert Jansen - Fohlenfoto)

Von Derby-Gala bis Platzverweis: Castrops erste Gladbach-Saison erzählt die Geschichte eines Hochbegabten, der Spiele entscheiden – und seiner Mannschaft auch schaden kann.

Jens Castrop kam im Sommer als vergleichsweise leiser Transfer vom 1. FC Nürnberg, tatsächlich aber als klares Signal: Borussia wollte ihrer oft zu braven Mentalität einen unberechenbaren, aggressiven Störfaktor hinzufügen. In seiner ersten Bundesligasaison bestätigte der 22-Jährige dieses Profil mit Wucht – im positiven wie im negativen Sinne. Er brachte Tempo, Mut und giftige Präsenz in ein Gladbacher Spiel, das zu häufig in seine alte Lethargie zurückzufallen drohte, und zeigte zugleich, wie dünn bei ihm die Linie zwischen produktiver Emotionalität und selbstschädigender Überdrehtheit verläuft.

Castrops Einstieg in Mönchengladbach war sinnbildlich für seine gesamte Saison: schnell, auffällig, mit klarer Kante – und einem heftigen Einschlag. Am 4. Spieltag in Leverkusen gab er sein Startelfdebüt, attackierte hoch, schob unermüdlich nach, suchte im letzten Drittel konsequent den direkten Weg und hinterließ mit seiner Bissigkeit einen Eindruck, der sich in der TF-Note 3,0 solide abbildete. Für eine Mannschaft, die mit ihrer Statik zu kämpfen hatte, war er sofort ein Störgeräusch im besten Sinne. Am 8. Spieltag gegen Bayern München kippte die Intensität jedoch in Überdrehtheit: Ein übermotiviertes Einsteigen mit offener Sohle gegen Luis Diaz führte nach VAR-Intervention zu einer frühen Roten Karte – weniger Ausrutscher als Destillat seines Ansatzes, Vollgas auch dann zu geben, wenn das Spiel es nicht hergibt.

Derby als Höhepunkt

Nach der Sperre kehrte Castrop am 11. Spieltag zurück und wurde zu dem, was man in Mönchengladbach lange gesucht hatte: ein offensiver Allrounder, der mehrere Rollen auf hohem Tempo interpretieren kann. Mal agierte er als giftiger Flügelspieler, mal als zweiter Stürmer, in Phasen mit Dreierkette als umtriebiger Schienenspieler. Rund um den 13. Spieltag in Mainz zeigte er als rechter Schienenspieler seine vielleicht kompletteste Phase: Er schloss Räume in der Rückwärtsbewegung, unterstützte den ballnahen Achter und tauchte offensiv immer wieder in Abschlusspositionen auf (Note 2,5). Gleichzeitig wurde sichtbar, wie sehr er vom Kollektiv abhängt: In schwachen Auftritten wie gegen Wolfsburg oder Hoffenheim ging er mit unter, produzierte zu viele Ballverluste in riskanten Zonen und hinterließ einen fahrigen Eindruck (jeweils Note 5,0).

Seinen großen Stempel drückte Castrop der Saison am 27. Spieltag im Rheinischen Derby in Köln auf. Schon nach 29 Sekunden traf er zur Führung, später bereitete er ein weiteres Tor vor und krönte seinen Nachmittag mit einem Distanzschuss zum 3:2 – ein Auftritt, der ihm folgerichtig die TF-Bestnote 1,5 einbrachte. In den Wochen danach blieb er ein wichtiger Taktgeber in Sachen Emotionalität, selbst als er in Leipzig aus der Not heraus als Linksverteidiger einspringen musste und dort mit maximaler Einsatzbereitschaft die ungewohnte Rolle ausfüllte. Parallel dazu arbeitete er sich in der Nationalmannschaft Südkoreas nach oben und schaffte es bis zum WM-Teilnehmer – ein Hinweis darauf, dass sein Mix aus Aggressivität, Laufstärke und Mut auch international gefragt ist.

Rote Karten kosteten Castrop fünf Spiele

So sehr Castrop Gladbach mit seiner Energie pushen kann, so sehr steht er auch für eine andere Konstante dieser Saison: die Kunst der Selbstsabotage in kritischen Momenten. Am 31. Spieltag in Wolfsburg arbeitete er sich über 90 Minuten in die Partie hinein, warf sich in Zweikämpfe, setzte im Pressing Akzente – nur um in der Nachspielzeit mit einem erneut überzogenen Einsteigen seine zweite Rote Karte der Saison zu kassieren. Für ihn bedeutete es das vorzeitige Ende seiner Debütsaison, für Borussia eine weitere selbstverschuldete Schwächung, sodass er in den letzten Spielen gegen Dortmund, Augsburg und Hoffenheim nur zuschauen konnte.

Mit 19 bewerteten Einsätzen und sieben weiteren Partien ohne Note gehörte Jens Castrop trotz der Sperren zu den am häufigsten eingesetzten Feldspielern im Kader. Die Durchschnittsnote von 3,45 ergibt sich aus vielen soliden Auftritten im Dreier-Bereich, gekrönt von der Derby-Gala gegen Köln (1,5) und belastet durch klare Ausreißer wie gegen Wolfsburg und Hoffenheim (je 5,0). Zwei Rote Karten kosteten ihn insgesamt fünf Spiele. In der Gesamtbetrachtung war Castrop der notwendige Störfaktor in einer oft zu bequemen Borussia, ohne schon zum verlässlichen Strukturgeber gereift zu sein. Sein Aufstieg zum Nationalspieler und WM-Teilnehmer unterstreicht das Potenzial, doch der nächste Schritt wird darin bestehen müssen, aus dem ungestümen Allrounder einen kontrollierteren Unterschiedsspieler zu formen.


von Marc Basten

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