Am Ende gingen die Köpfe auf Gladbacher Seite kollektiv nach unten. Die Borussen haben das hektische, raue und fußballerisch wenig ansehnliche Derby verloren. Unterm Strich verdient, aber irgendwie auch wieder nicht. Denn so stark war der heimische FC nicht, als dass man von einer deutlichen Überlegenheit sprechen könnte. Umso ärgerlicher ist es, dass die Mannschaft erneut als Verlierer vom Platz schlich.
Der Weg führte Trainer und Spieler vor die Gästekurve, aus der sich Teile der Anhängerschaft nicht gerade mit Ruhm bekleckert hatten. Zwar ist es absolut unverständlich, dass zwischen dem Gästebereich und dem angrenzenden Block keine Ordner postiert waren, sodass Tumultsituationen vorprogrammiert waren. Das rechtfertigt jedoch keinesfalls, dass aus dem Gladbacher Block Böller und Leuchtraketen in die Zuschauerränge gefeuert wurden. Eine Rechtfertigung oder auch nur Relativierung dieser Vorfälle darf es nicht geben. Borussia Mönchengladbach muss sich für derartige »Fans« schämen.
Unstimmigkeiten vor der Kurve
Als die geschlagenen Gladbacher sich vor dem Block zeigten, gab es Unstimmigkeiten. »Teilweise wollten sie, dass wir weggehen«, schilderte Alexander Blessin anschließend die Ereignisse. »Aber da sage ich: Nein, wir müssen da einfach auch Kante zeigen und stehen bleiben. Wir stehen das gemeinsam durch. Wir sind alle enttäuscht und das Ergebnis ist scheiße, aber trotzdem ist da eine Mannschaft, die 90 plus 7 alles reingeworfen hat. Trotz aller Frustration muss man das anerkennen und deshalb war es mir wichtig, mich in dieser Situation zu positionieren.«
Blessin fand lobende und aufbauende Worte für die Leistung seiner Mannschaft. »Wir sind gut gestartet, hatten eine Stabilität gegen den Ball, und auch das 0:1 hat uns nicht umgeworfen, wir sind in der Struktur geblieben. Wir gehen verdientermaßen mit dem 1:1 in die Pause.« Doch dann passierte das, was man in Mönchengladbach schon so oft gesehen hat. Die Mannschaft wurde zu passiv, die Giftigkeit und Präsenz der ersten Halbzeit waren verflogen und Köln bekam Rückenwind. Borussia wackelte – und fiel schließlich, auch wenn das Tor durch El Mala in der 69. Minute durchaus umstritten war.
Passivität nach der Pause
»Krauß geht aktiv mit voller Wucht mit dem Knie voraus in Hashioka rein. Er schmeißt ihn eigentlich um«, sagte Blessin zur Entstehung des zweiten Kölner Tores. Doch der ohnehin extrem unsichere Schiedsrichter Badstübner hatte nichts gesehen und auch der VAR sah keinen Grund, einzugreifen. So behielt das Kölner Tor Gültigkeit und Borussia lag – zu diesem Zeitpunkt vom reinen Spielverlauf her verdient – wieder hinten.
In den letzten zwanzig Minuten berappelten sich die Gladbacher, während die Kölner plötzlich Angst vor der eigenen Courage bekamen. Die Einwechslungen von Blessin brachten zusätzlich Dynamik ins Spiel: Mohya, Fleck und Uno waren absolut belebend und die Borussen drängten auf den Ausgleich. Dass dieser nicht glückte, lag an der fehlenden Konsequenz beim Abschluss, auch weil nun überhaupt kein Zielspieler mehr im Strafraum zu finden war. So blieb auch der Lucky Punch mit der Brechstange in den Schlussminuten aus und die Kölner durften den Derby-Sieg bejubeln.
Blessins Premiere misslingt
Nun müssen die Borussen die nächste Niederlage verarbeiten, die erneut nicht unbedingt nötig war. In der ersten Halbzeit zeigte die Mannschaft durchweg die Bissigkeit und Aggressivität, die nicht nur Alexander Blessin einfordert. Doch nach Wiederbeginn verfiel man immer mehr in Passivität, was selbst alles andere als starke Kölner ausnutzen konnten. »Wir hatten Probleme, reinzukommen«, sagte Blessin mit zerknirschtem Gesichtsausdruck. Er hat jetzt live und in Farbe mitbekommen, wie instabil diese Mannschaft ist.
»Es ist bitter«, sagte Blessin, der aber trotz seiner misslungenen Premiere logischerweise Optimismus verbreiten muss. »Wir haben junge Spieler, die richtig Gas geben können. Das freut mich. Wir werden weiterarbeiten und müssen diesen Weg gehen. Er ist steinig und unbequem, aber wenn wir weiter dranbleiben, kommen die Ergebnisse.« Im Herbst 2015 stand Borussia ebenfalls am fünften Spieltag nach einer Derbyniederlage mit null Punkten am Tabellenende. Damals gewann man unter dem neuen Trainer André Schubert die nächsten sechs Spiele und landete am Ende auf Platz 4. Ein solcher Durchmarsch ist mit der aktuellen Mannschaft unmöglich, aber er sollte allen vor Augen führen, dass Borussia noch längst nicht abgestiegen ist – auch wenn es sich am Sonntag in Müngersdorf ein wenig so angefühlt hat.
von Marc Basten

