Borussia Mönchengladbach muss sich nach dem geglückten Klassenerhalt neu aufstellen und einen Schnitt machen. Darüber gibt es keine zwei Meinungen. Der Umbruch, der in den vergangenen Jahren mehrfach angekündigt und dann nur halbherzig umgesetzt wurde, liegt nun in der Verantwortung von Rouven Schröder. Hinter den Kulissen hat der 50-Jährige schon einiges in die Wege geleitet – die Neubesetzung im Scouting und bei der Kaderplanung mit seinem Vertrauten André Hechelmann war eine dieser Maßnahmen.
Weitere müssen und werden folgen. Der Klub benötigt eine klare Philosophie, neue Leitplanken, und er muss die leere Hülle vom Borussia-Weg endlich mit Leben füllen. Es muss ein Konzept her, das von den Jugendmannschaften bis zu den Profis verfolgt wird und langfristig das Überleben von Borussia Mönchengladbach sichert. Dazu braucht es Veränderungen und Anpassungen in vielen Bereichen sowie den Mut, neue Wege zu gehen und auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen.
Eine stabile Achse und Raum und Fantasie, um junge Spieler zu fördern
Das ist grundsätzlich keine einfache Aufgabe, aber im Profifußball erschwert das Tagesgeschäft langfristig ausgelegte Planungen. Am sportlichen Erfolg hängt alles – und das bedeutet, dass man parallel zum eher zeitlosen großen Ganzen dafür sorgen muss, dass die Wettkampffähigkeit gegeben ist. Es muss jedem klar sein, dass solche sportlichen Drahtseilakte wie in der abgelaufenen Saison nicht immer gut gehen werden. Die Umsetzung aller nachhaltigen Konzepte wird nur dann zu realisieren sein, wenn in Mönchengladbach weiterhin Erstligafußball gespielt wird.
Rouven Schröder muss also zuvorderst eine Mannschaft zusammenstellen, die zum einen über eine stabile Achse verfügt und zum anderen Raum und Fantasie lässt, um junge Spieler zu fördern. Zudem benötigt sie einen Trainer, der Spieler begeistern, entwickeln und besser machen kann und der gleichzeitig über die Fähigkeit verfügt, das Potenzial seines Kaders individuell und kollektiv bestmöglich zu nutzen. In den nächsten Tagen muss Schröder entscheiden, ob er Eugen Polanski wirklich zutraut, dieses Profil zu erfüllen.
Schröder müsste einen rhetorischen Stunt hinlegen
Dass Schröder Zweifel hat, ist klar. Wäre er von Polanski vollkommen überzeugt, hätte er das Thema öffentlich schon nach dem Klassenerhalt mit einem Satz schließen können. Doch selbst nach dem letzten Spieltag lässt Schröder die Trainerfrage bewusst offen, was natürlich die Position von Polanski nicht gerade stärkt. Schröder müsste jetzt schon einen rhetorischen Stunt hinlegen, um ein Festhalten an Polanski als die 1A-Lösung zu »verkaufen«.
Die große Frage ist also, welchen Trainer-Plan Schröder verfolgt, ob er realisierbar ist und ob er die Gremien überzeugen kann. Der »Flurfunk« im Borussia-Park lässt zwar erahnen, dass Polanski keine bedingungslosen Fürsprecher hinter sich vereint, aber die in der Gerüchteküche gehandelten Trainernamen sind auch nicht dazu angetan, in Euphorie zu verfallen.
Trainer, Kader, Konzept – alles hängt zusammen
Klar ist, dass die Trainerposition nur ein – wenn auch wichtiger – Baustein im Gefüge ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein durchschnittlicher Drittligatrainer mit dem Kader von Bayern München eher Meister wird als Pep Guardiola mit den aktuellen Spielern von Borussia, ist ziemlich groß. Ein Trainer ist also weder ein Magier noch kann er der Alleinverantwortliche für Erfolg oder Misserfolg sein. Die Qualität eines Trainers bemisst sich daran, wie nah er seine Mannschaft unter den gegebenen Umständen ans Optimum dirigieren kann. Dafür bedarf es einer Vielzahl an Fähigkeiten beim Cheftrainer, aber auch eines funktionierenden Trainerstabs.
Es wird also darauf ankommen, welches Paket Schröder schnüren wird und ob er die Ankündigung, auch unbequeme Entscheidungen zum Wohle des Vereins zu treffen, tatsächlich umsetzt. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob Rouven Schröder die Substanz mitbringt, die dieser Verein gerade braucht.
von Marc Basten

