Dienstag, 17. Januar 2012 - 07:28 Uhr

Zusätzliches Salz in die offenen Wunden streuten die zweideutigen Aussagen von Trainer Lucien Favre und Abwehrchef Dante, die angesprochen auf ihren Verbleib über den Sommer hinaus, kein klares Bekenntnis zum Verein geben konnten oder wollten.
Doch war diese Entwicklung nicht nur eine Frage der Zeit? Hätten Fans und selbsternannte Fußball-Experten wirklich einem Max Eberl auf die Schultern geklopft, wenn er Reus und Neustädter mit unmoralischen Angeboten kurzfristig zum Bleiben überredet und zumindest Reus in ein bis zwei Jahren für deutlich weniger Geld den Verein verlassen hätte?
Die Erkenntnis, dass Dankbarkeit, Identifikation mit dem Verein sowie sportliche Vernunft den Verlockungen des großen Geldes nichts entgegen zu setzen haben, sollte auch im Jahr 2012 niemanden mehr überraschen. Ebenso wäre es naiv zu glauben, dass sich ein Erfolgstrainer wie Lucien Favre bei einem Mittelklasse-Verein wie der Borussia am Ziel seiner Träume sieht. Der Reiz einer möglichen Offerte eines Top-Klubs im Sommer, dürfte sicher höher liegen, als mit einer am Leistungs-Limit spielenden Mannschaft die nicht für möglich gehaltenen Erfolge auf Dauer zu bestätigen.
Was aber auf den ersten Blick für den Verein und die Fans frustrierend erscheint, ist auch eine große Chance. Denn Spielern und Trainern bleibt heutzutage durch die üblichen Mechanismen im Fußballgeschäft eh nur eine sehr begrenzte Haltbarkeitsdauer, um in einem Klub beständig erfolgreich zu sein. Selbst ein Lukas Podolski oder auf Trainerseite ein Thomas Schaaf, stoßen mit der Zeit an die natürlichen Grenzen ihrer Vereinstreue. In diesem Zusammenhang beweist die Aussage Max Eberls, »Der Verein macht die Spieler, nicht die Spieler den Verein«, die Vernunft und Weitsicht der sportlichen Leitung, sich nicht von zwei Spielern finanziell und sportlich abhängig zu machen.
Die rund 17 Millionen und damit verbundene zwei bis drei Top-Transfers, sind eine viel größere Chance, den Kader gezielt zu verstärken und damit die Mannschaft dauerhaft im oberen Tabellendrittel zu etablieren, als zwei junge Spieler mit deutlich mehr Geld über den Rest der Mannschaft zu stellen und somit offen Neid und Missgunst zu wecken. Selbst wenn Marco Reus fraglos das gewisse Etwas mitbringt - sind es nicht auch ein ter Stegen, ein Stranzl, ein Dante oder ein Arango, die für die aktuelle Leistung mitverantwortlich sind?
Allerdings bedeutet ein derart hohes Transfervolumen nicht automatisch eine Garantie für gute Neuverpflichtungen. Es heißt deshalb überlegt und solide zu investieren und dabei überhöhten Ablöseforderungen sowie überbezahlten Alt-Stars aus dem Weg zu gehen. Dabei sollte die jüngere Geschichte stets als mahnendes Beispiel dafür dienen, dass ehemals „große“ Namen wie Ziege, Helveg oder Elber lediglich einen hohen Trikotverkauf, aber keine sportlichen Leistungen garantieren.
Vor Beginn der Rückrunde gilt es nun also wieder den Sinn für die Realität zurückzuerlangen und sich nicht jammernd seinem Schicksal zu ergeben. Mit zehn Punkten Vorsprung auf einen Nicht-Europapokal-Platz, ist die „historische Chance“ zum Greifen nah. Die Möglichkeit in der nächsten Saison international zu spielen, sollte deshalb auch den letzten Fußball-Romantiker über mögliche Einzel-Schicksale hinwegtrösten. Das Glas ist halb voll und nicht halb leer!