Montag, 04. April 2011 - 19:22 Uhr

Die Zeit - Broich: "Ich habe Verachtung gegenüber meinem Beruf gespürt"
Als Roland Meyer, Sänger der Gruppe Voltaire, den Abend im Mönchengladbacher 'Sonnendeck' mit einem kurzen Live-Intro seiner Filmmusik einläutete, verbreitete sich eine melancholische Stimmung unter den Gästen, die das prägende Gefühl des gesamten Abends bleiben sollte. Die rund 130-minütige Filmschau zeigt einen sehr nachdenklichen Menschen und Fussballprofi Thomas Broich, der sich und seine Umwelt ständig reflektiert und doch 'sehenden Auges' dem großen Fussballzirkus mit all seinen Verlockungen verfällt.
Im Fussballgeschäft des 21.Jahrhunderts, in dem der seelenlose Fussballprofi eher die Regel als die Ausnahme ist, zeichnet der Film einen ganz anderen Fussballprofi. Broich ist dabei nicht nur anders weil er Hemingway liest, bei der Volkshochschule einen Töpfer-Kurs belegt oder zu seiner Kölner Zeit in eine große WG zieht – für den gebürtige Zellerreiter sind auch Gewissen, Demut und Selbstkritik keine leeren Worthülsen.
Umso bemerkenswerter ist es, dass Broich zumindest temporär in seiner Karriere den üblichen Reflexen der Branche verfällt. Plötzlich ist der U21-Nationalspieler arrogant, überheblich und vergisst für einige Zeit die Sorgen und Ängste vor dem Scheitern, die zuvor durch seinen Kopf gespuckt waren. Aljoscha Pause zeigt die Entwicklung des Ex-Borussen besonders durch die Aneinaderreihung von aktuellen und vormaligen Einschätzungen des Protagonisten.
So scheint Broich manchmal selbst zu erschrecken, als er sich, an einem Wasserfall im Springbrook Nationalpark sitzend, in der Vergangenheit reden hört. Vieles sei »scheiße gelaufen« gibt Thomas Broich zu Protokoll, dennoch hat der »neue Netzer«, wie er von Berti Vogts einmal überschwänglich tituliert wurde, einiges erreicht in seinem (Fußballer)-Leben. Die Faszination an seinem Beruf, große Emotionen wecken zu können, ist ihm zumindest machmal gelungen.
Dennoch nimmt die Unlust am 'Traumjob Fussballprofi' bei Broich im Laufe seiner Karriere immer mehr zu und als Broich gar bei seinem Freund Michael Oenning in Nürnberg scheitert, flüchtet der leidenschaftliche Klavierspieler aus der Bundesliga nach Australien. Dort scheint er die latente Angst vor dem Scheitern und die Angst vor zu großen Erwartungen wie »einen Rucksack abgelegt« zu haben und kann wieder befreit aufspielen.
Brisbane Roar, Broichs neuer Arbeitgeber down-under, wird in diesem Frühjahr erstmalig australischer Meister und er selbst als bester ausländischer Spieler der australischen Liga ausgezeichnet. Der nachdenkliche »Mozart«, der sich in der Bundesliga oft unverstanden fühlte, hat die Leichtigkeit seines Spiels wiedergefunden, die ihn besonders auszeichnet und fast bis zur deutschen Nationalmannschaft führte.
Sich wohlzufühlen sei ihm wichtiger als das große Geld in der Bundesliga, sagt Broich einen bemerkenswerten Satz. Eine konsequente Haltung, die Broich oft in seiner Karriere an den Tag legte und dabei bei einigen Trainern anstieß. Weder mit dem diktatorischen Stil von Dick Advocaat in Mönchengladbach noch mit Motivations-Guru Christoph Daum in Köln konnte Broich konform gehen und findet sich, auch deswegen, oft auf der Bank oder Tribüne wieder.
Besser harmonierte »Mozart« Broich mit Trainer Horst Köppel (»Eine sehr menschliche und angenehme Erscheinung«), der an diesem Abend ebenfalls den Film begutachtet und nachher befindet, Pause habe ein authentisches Bild von Thomas Broich gezeichnet.
Die Filmvorführung war die KickOff-Veranstaltung zu einer ganzen Reihe von Veranstaltung rund um die drei WM-Spiele in Mönchengladbach in diesem Jahr. Mit einer 'Woche der Fußballkultur“ soll das heimische Publikum kulturell auf das Großereignis eingestimmt werden. Wer das Geschehen in der Bundesliga einmal aus anderen Blickwinkeln betrachten möchte, sollte die Veranstaltungsreihe der Initiative 'Spocht frei!' im Mai nicht verpassen.