Samstag, 12. Juni 2010 - 10:26 Uhr
Geoffrey, kurz Geoff, hat mich zu einem Bier eingeladen und dazu sein rotes England-Shirt herausgekramt, das auf der Rückenseite mit einer übergroßen „66“ beflockt ist.
TF: Hey Geoff, mit deinem Shirt reißt du eine tiefe Wunde in meine deutsche Fußballseele...
Geoff: Wieso? 1966 ist nur mein Geburtsjahr, das hat nichts mit der WM zu tun (grins.) Nein im Ernst. Ich bin genau eine Woche nach dem Wembley-Finale geboren...
TF: ...dann haben deine Eltern dich wohl nach dem dreifachen Torschützen Geoff Hurst benannt...?
Geoff: Erraten. Mein Vater ist ein großer Fußballfan und Patriot. Mutter wollte mich eigentlich Gordon nennen, aber Vater sprach ein Machtwort: Der Junge heißt Geoff!
TF: Obwohl Gordon, nach Gordon Banks, eurem damaligen Weltklasse-Keeper, auch keine schlechte Wahl gewesen wäre.
Geoff: Stimmt. Ich sag dir: Hätten wir heute einen Gordon Banks im Tor, ich würde ein ganzes Monatsgehalt auf unseren WM-Sieg in Südafrika wetten. Jetzt hab ich nur ein halbes gewagt...
TF: Hoppla, du bist ja ziemlich optimistisch.
Geoff: Warum nicht? In unserer Liga spielen die besten Spieler, es wird der attraktivste Fußball gespielt und wir haben einen enorm erfahrenen Trainer. Wer soll uns aufhalten?
TF: Moment, die ganzen Weltklasse-Spieler aus der Premier-League sind Ausländer. Ich sag nur Michael Ballack...
Geoff: Ballack ist kein Schlechter. Ich hab `ne Dauerkarte beim FC Chelsea und sehe ihn wirklich gerne spielen. Aber, mal ehrlich: Einem Frank Lampard kann er nicht das Wasser reichen.
TF: In der Nationalmannschaft hat der bisher aber noch keine Bäume ausgerissen, soweit ich mich erinnere.
Geoff: Das liegt doch nur daran, dass er da bisher nicht alle Freiheiten hatte. Lampard spielt seit Jahren bei Chelsea, sowohl in der Liga als auch in der Champions-League, auf Weltklasseniveau. Er ist der Antreiber, der Vorbereiter, der Mann für die Ecken, die Elfer und nicht selten der Vollstrecker. Er macht wichtige Tore, kurzum: er ist der absolute Leader, wenn man ihn nur lässt.
TF: Und du glaubst, Fabio Capello lässt ihn...?
Geoff: Capello weiß um die Qualitäten von Frank...
TF: Aber er hat Steven Gerrard jetzt zu seinem Captain gemacht, einen der bei Liverpool eine ähnliche Position spielt und sicher auch einen Führungsanspruch hat.
Geoff: Das hast du nicht verstanden, mein Freund. Es ist nämlich ein ganz raffinierter Schachzug von Capello. Gerrard ist vielseitig einsetzbar und ohnehin sehr mannschaftsdienlich. Als Kapitän muss er seinem Vaterland dienen, in dem er sich zurück nimmt und Lampard die Führung überlasst. Capello nimmt Gerrard also noch mehr in die Pflicht...
TF: Das ist eine gewagte Theorie, so quer kann nur ein Engländer denken.
Geoff: Wieso? Das ist genial und Capello ist meines Wissens Italiener... (grins)
TF: Ein Lampard macht aber noch keinen Weltmeister...
Geoff: Jetzt hör mal, gibt es einen besseren Stürmer als Wayne Rooney?
TF: Ist der denn überhaupt fit? Gegen Bayern in der CL hat er doch auch nur eine Halbzeit durchgehalten.
Geoff: Das ist doch Monate her! Außerdem: Wir haben ja nicht nur Rooney. Unterschätz mir den Peter Crouch nicht...
TF: Du meinst diesen Spargeltarzan? Das ist nicht dein Ernst.
Geoff: Zugegeben, er bewegt sich nicht wie ein Fernando Torres und hat weiß Gott nicht die Technik von Messi. Dafür kriegt er aber jeden Kopfball und hat seine langen Gräten überall dazwischen. Der Mann hat einen Torriecher, ich sag’s dir.
TF: Kann es sein, dass dein englisches Fußballherz jetzt ein wenig mit dir durch geht? Bleiben wir lieber mal bei den Fakten. Eure Abwehr ist nach Rio Ferdinands Ausfall doch auch arg geschwächt.
Geoff: Ich sag nur ein Wort: John Terry...
TF: Das sind aber zwei Worte...“grins“, den Gag hast du geklaut, den hatte unser Kopfballungeheuer Horst Hrubesch schon mal gebracht...
Geoff: Sei nicht so verdammt spitzfindig - typisch deutsch. Hör mir lieber zu: John Terry ist der kongeniale Partner von Frank Lampard. Die zwei Jungs machen bei Chelsea 2/3 des Erfolgs aus. Es ist völlig egal, wer neben Terry verteidigt. Wenn er auf dem Platz steht, dann braucht sich keiner mehr Sorgen zu machen.
TF: Stimmt, selbst seine Ehefrau nicht!
Geoff: Das war jetzt nicht gentlemanlike, mein Lieber. Ich werde dir diese Bemerkung nur verzeihen, wenn du uns noch ein Bier holst...
TF: Daran soll’s nicht scheitern. Du kannst derweil weiter vom Titel träumen. Und weißt du was? Ich würde es euch nach all der Zeit sogar gönnen...
Geoff: Sag’ das mal den deutschen Spielern. Vielleicht nehmen die dich beim Wort und vergeigen im Achtelfinale gegen uns das Elfmeterschießen. Denn nur wenn ihr Deutschen raus seid, gibt’s für uns was zu holen...