Mittwoch, 09. Dezember 2009 - 20:31 Uhr
Als gegen 19:35 Uhr der Nachtzug CNL 421 planmäßig den Düsseldorfer Hauptbahnhof gen Wien verlässt, liegen nicht nur zwei Wochenenden, inklusive drei zwischenzeitlichen Arbeitstagen in der Heimat, vor dem reisefreudigen Fußballfan sondern auch über 6.000 km Bahnreise und mehr als 70 Stunden an Bord diverser Züge in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Tagebuch einer Reise an die (nicht nur geographischen) Grenzen.
Freitag 27.11.09, 18:00 Uhr
TSV Sparkasse Hartberg – FC Mohrenbräu Dornbirn 5:3
KM-Stand: 2.100
Die zweite Liga Österreichs hat sich zwar dem Namen nach seit einigen Jahren verbessert und trägt nun den offiziellen Namen „Adeg Erste Liga“, der Fußball der unterhalb der österreichischen Ausgabe der Bundesliga gespielt wird, hat aber oftmals auf und neben dem Platz wenig mit Profi-Fußball gemeinsam. Dennoch ist die Liga für den Fußball in der Alpenrepublik von gewisser Wichtigkeit, da 30 % der eingesetzten Akteure U-23 Spieler sind und über einen österreichischen Pass verfügen.
Die teilnehmenden Vereine in der 12er-Liga, in der jede Mannschaft pro Saison drei Mal gegen jeden Gegner antreten muss, stammen meist aus kleineren Orten der Republik. So gestaltet sich die An- und Abreise zu manchem Team mit öffentlichen Verkehrsmitteln durchaus schwierig. Den Abend zuvor hatte der Groudhopper sich also im Nachtzug in den viel zu engen Liegewagen geworfen, um das Spiel des Tabellenvorletzten gegen den Tabellenletzten am folgenden Abend besuchen zu können. Am Freitag Morgen wurde relativ ausgeschlafen Wien erreicht, wo nach einem kurzen Innenstadt-Bummel über die vorweihnachtliche Kärntner Straße, das Quartier für die kommende Nacht bezogen wurde, bevor der Regionalzug weitere 2,5 Stunden benötigte, um das Örtchen Hartberg mitten in den Weiten der Steiermark zu erreichen. Die Bahn passierte dabei Orte, die selbst studierte Geographen einen fragenden Gesichtsausdruck ins Gesicht zaubern dürften. Von Edlitz-Grimmenstein, Ausschlag-Zöbern und Tauchen-Schaueregg hört der Durchschnittsmensch doch eher selten.
Die Shopping-Mall in Stadionnähe wusste im vom Transit geprägten Hartberg ebenso zu überzeugen wie später das Spiel auf dem grünen Rasen. Immerhin 1.100 Zuschauer fanden den Weg ins Stadion Hartberg, darunter mit den 'Blue White Boys 2000' auch etwa 20 einheimische Jugendliche, die als Ultras fungierten, und neben der akustischen Unterstützung auch einige bengalische Feuer unter Duldung der anwesenden Polizisten entzündeten. Das Spiel überbot später alle Erwartungen und erfreute auch die neutralen Zuschauer mit tollen Toren und wenig taktischem Geplänkel, auch den beiden nur selten souverän agierenden Abwehrreihen sei Dank. Sorgen um den Abstieg muss sich in der 'Ersten Liga' in dieser Saison niemand machen, stehen doch aufgrund einer Liga-Reform die beiden zweiten Mannschaften von Austria Wien und RB Salzburg schon als Absteiger fest. Ebenso fest steht auch, dass nach weiteren drei Stunden Bahn-Rückfahrt nach Wien, etwas Schlaf für den Fußballreisenden dringend nötig war.
Samstag 28.11.09, 14:00 Uhr
SpVgg Weiden – SSV Reutlingen 1:2
KM-Stand: 2.700
Als fünf Stunden nach besagter Ankunft im Hotelbett wieder der Wecker klingelt, kommen doch Selbstzweifel auf, ob das Verhältnis zwischen benötigtem und tatsächlichem Schlaf nicht in einem Missverhältnis steht. Irgendwie 'quält' sich der vom Fußball-Fernweh geplagte doch aus dem Bett und eilt zum Wiener Westbahnhof, wo der erste ICE den Fußballreisenden wieder Richtung Deutschland verfrachtet, schließlich steht bereits um 14 Uhr an diesem Samstag eine Regionalliga-Partie in der Oberpfalz auf dem Programm. Via Regensburg geht es nach Weiden, wo die heimische Spielvereingung im Sommer erstmals den Aufstieg in Deutschlands vierthöchste Spielklasse geschafft hat.
Nach sechs Stunden Bahnfahrt geht es auf dem Fußweg zum feudalen Stadion am Wasserwerk. In Weiden hat der heimische Fußballklub, frei nach den Vorschriften des DFB, ein nettes kleines Stadion mit 8.000 Stehplätzen und einer Tribüne mit 1.000 Sitzplätzen errichtet. Wie sehr die Mindestansprüche von Deutschlands Fußballverband aber größtenteils an der Regionalliga-Realität vorbeigehen, zeigt der Besuch von nur 1.429 Zuschauern an diesem Nachmittag gegen den SSV Reutlingen. Selbst bei interessanten Gegner begrüßt die Spielvereinigung 'am Wasserwerk' selten mehr als 2.000 Zuschauer.
Eine Hand voll heimischer Fans versucht die eigene Elf zu unterstützen, die 60 mitgereisten Reutlinger, welche von ebenso vielen Polizisten begutachtet werden, überstimmen diese aber über weite Strecken der Partie. Auf dem Feld dagegen geben die heimischen Aufsteiger den Ton an, vergeben aber Chance um Chance und kassieren am Ende zwei unverdiente und unglückliche Gegentore des schwäbischen Ex-Zweitligisten. Mehr als einen Anschlußtreffer bringen die Weidener aber nicht mehr zustande. Dennoch geht an diesem Nachmittag kein Fan der Blau-Schwarzen unglücklich nach hause, belegen die Weidener zum Ende der Hinrunde als Aufsteiger den vorzüglichen 8.Tabellenplatz.
Direkt nach Spielende geht die Reise von Weiden über Nürnberg und Karlsruhe weiter nach Freiburg, wo für einige Stunden Schlaf die nächste Pause geplant ist, bevor am nächsten Nachmittag eine Partie in der Schweiz auf dem Reiseplan steht. Während der Fahrt absolviert auch die heimische Borussia ihre Partie. Via Handy und mobilem Internet wird auch im Intercity zwischen Nürnberg und Karlsruhe mitgefiebert und die Anspannung steigt immer dann auf den Siedepunkt, wenn ein Funkloch einige Minuten keine neuen Informationen aus dem Borussia-Park zulässt. Am Ende aber kann sich der Borussen-Groundhopper nach zwei 'Tannenzäpflen' glücklich, nicht nur über den Sieg der Borussia gegen Schalke, im Breisgau für einige Stunden ins Reich der Träume abgleiten.
Sonntag 29.11.09, 16:00 Uhr
Servette Genf – FC Lausanne-Sport 0:0
KM-Stand: 3.500
Fast paradiesische Zustände am nächsten Morgen – erst um 8 Uhr geht es weiter. Via Basel transportiert der Schweizer Intercity seine Fahrgäste in gut fünf Stunden nach Genf. In der Hauptstadt des westlichsten Kantons der Schweiz sind neben der bekannten Seen-Landschaft auch 25 internationale Organisationen beheimatet. Die UNO (Vereinte Nationen) hat einen ihrer Hauptsitze im der von französischem Staatsgebiet umgebenen Stadt. In der Umgebung von Genf leben länderübergreifend etwa 800.000 Menschen, die Spiele des heimischen Clubs Servette Genf aber besuchen in der Regel nur etwas mehr als 3.000 Zuschauer. An sich kein schlechter Wert, wäre da nicht das 32.000 Zuschauer fassende und bei der EM-2008 genutzte Stade de Genève in dem sich auch bei diesem Lokalderby nur knapp 4.000 Fans verlieren. Statt großen Spielen in Europa und gegen Schweizer Größen in der Super League empfängt Servette in den letzten Jahren zumeist Vereine wie den FC Gossau, den SC Kriens oder den FC Le Mont Lausanne zu Zweitliga-Spielen im EM-Stadion.
Seit einem guten Jahr versucht sich Servette nun mit einem iranischen Geschäftsmann an der Vereinsspitze, der auch der Geschäftsführer eines in Dubai ansässigen Investmentfonds ist, und bereits bei seinem Engagement im Nachbarland Österreich bei Admira Wacker Mödling kontinuierlich wenig Erfolg und noch weniger Geld brachte. Der umstrittene Präsident appelliert vor Spielbeginn auf einer Pressekonferenz an alle Medienvertreter mehr Zuschauer und Sponsoren für Servette zu motivieren um den Aufstieg in die höchste Spielklasse in naher Zukunft wieder realisieren zu können und präsentiert mit 'Smag' eine neues Magazin, das „später einmal wöchentlich an alle Haushalte der Region verteilt werden soll“.
Warum aber nur wenige Genfer den Weg ins schmucke Stadion finden, zeigt sich später auf dem grünen Rasen, wo es beide Mannschaften schaffen, in neunzig Minuten nicht einen vernünftigen Spielzug zu Stande zu bringen. Statt über den Aufstieg in der Zukunft zu philosophieren, sollte Servette aufpassen nicht am Ende der Saison aus der zweiten Schweizer Liga abzusteigen und mit einem der größten Stadien des Landes im Amateurfußball zu verschwinden. Von Genf aus geht es nach der Partie wieder auf den Rückweg Richtung Mönchengladbach, der schlappe 800 km beträgt und bis um 7 Uhr des nächsten Tages dauert. Dort fällt der weit Gereiste ins Bett und geht „zwischendurch“ drei Tage seiner Arbeit nach, bevor es im zweiten Teil wieder auf die Schiene Richtung Süden geht.
Fortsetzung folgt...