Mittwoch, 08. April 2009 - 19:17 Uhr

Fußball ist ein simples Spiel. Wer mehr Tore erzielt als der Gegner, geht als Sieger vom Platz. So einfach kann Erfolg sein. Warum es dann in manchen Vereinen dauerhaft nicht funktioniert oder warum es mal funktioniert und mal nicht, ist dann Interpretationssache: der falsche Trainer, die charakterlosen Spieler, der ungnädige Fußballgott – die Varianten sind so mannigfaltig wie unschlüssig. Fußball zu verstehen ist entweder eine Gnade oder eine Anmaßung. Wäre es anders, wäre Fußball langweilig und doch denken und rechnen und analysieren Tag für Tag und Woche für Woche Millionen Menschen über die möglichen Ursachen von Sieg und Niederlage. Wissenschaftler ähneln in dieser Hinsicht den Fußballern, denn die einfachsten und besten Lösungen werden nicht erdacht sondern erfühlt.
Die Debatte zwischen den Vereinen und der Nationalelf im Allgemeinen und Löw und Völler im Besonderen ist noch frisch. Dahinter scheint sich eine grundsätzliche Frage zu verbergen:
Wird der deutsche Vereinsfußball durch Schnelligkeit alleine wieder erfolgreich?
Löw fordert eine Verbesserung der Schnelligkeit auf mehreren Ebenen während aus Völlers Sicht darin kein nachhaltiger Gewinn liegt. Da das Ziel fußballerischen Handelns darin liegt, den Raum schneller zu erobern als der Gegner dies verhindern kann, ist Löws Erwartungshaltung zunächst nachvollziehbar. Erstaunlich an der Löwschen Argumentation ist aus wissenschaftlicher Sicht allerdings der Weg dorthin. Man müsse Fußball denken, das sei effizienter und spare Kraft, so das Credo des Bundestrainers.
Kognitionspsychologische und neurobiologische Erkenntnisse legen nahe, dass dies zumindest als strittig bezeichnet werden kann. Nervennetzwerke, die das bewusste und rational-analytische Denken unterstützen, sind für die schnelle Umsetzung von sportmotorischer Handlung im Sportspiel Fußball nicht geeignet. Sie arbeiten schlichtweg zu umständlich für diesen Anspruch.
Nervennetzwerke, die das ganzheitliche Fühlen unterstützen, sind da wesentlich effektiver, weil sie komplexer verschaltet sind. Das Stichwort embodied cognition umreißt das Phänomen sehr gut: fußballerische Kognitionen müssen eine hochintelligente Entscheidungsfindung durch simultane Wahrnehmung leisten und das funktioniert eben nur durch die Überlegenheit der „gefühlten“ Entscheidungsfindung über Netzwerke, die eng an die Körperwahrnehmung und die Emotionen gekoppelt sind.
Dies wurde von einer Osnabrücker Forschungsgruppe überprüft: experimentelle Trainingsstudien mit Jungtalenten der Bundesligen machten deutlich, dass in der Zeit zwischen Ballannahme und erfolgreicher Weitergabe (Handlungsschnelligkeit) sowohl für den Torerfolg als auch für die Superkompensation Handlungsabläufe (Algorithmen) sichtbar werden, die mal mehr und mal weniger effizient für den jeweiligen Spieler sind. Entscheidend ist, dass die Schwelle zwischen gefühlter und gedachter Handlung (Bewusstwerdung) nicht überschritten wird.
Gekoppelt ist das System an eine Dynamik, die bisher wenig mit Fußball in Verbindung gebracht wurde, nämlich die Affektregulation. Es gibt exakt definierte (und durch EEG-Studien belegbare) Zeitpunkte, wo es für die Spieler nicht sinnvoll ist, den Ball abzuspielen.
Einige der Talente haben dies in ihre unbewusste Handlungsstruktur übernommen ohne dass sie dazu bewusst instruiert worden wären, denn das kann auf Millisekundenniveau nicht funktionieren. Andere Spieler haben dies nicht gelernt.
Die Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen sind fundamental, denn sowohl Fragebogenkennwerte als auch Spielleistungen gehen nach den Erkenntnissen der Forscher deutlich auseinander, zum Nachteil der Spieler, die ihr Spiel nicht an ihre Affektregulation angepasst haben.
Allerdings ist dieses System fragil und kann durch äußere und innere Einflüsse beeinträchtigt werden, so dass die Spieler in das Denken fallen und damit den Spielfluss aufheben. Hier wieder in den Rhythmus zurück finden zu können, gehört dann wohl zu den markantesten Fähigkeiten eines mental starken Spielers. Voraussetzung: ein guter Umgang mit den eigenen Emotionen und ein Verein, der dies auch zu fördern weiß…