Sonntag, 03. Februar 2008 - 18:22 Uhr
Wenn Kinder und Jugendliche ihre Freizeit im Fußballverein verbringen, sehen wir das zunächst mit Wohlwollen, denn der angesprochene Bewegungsdrang wird bedient und die Kinder tun etwas Sinnvolles anstatt auf der Straße „abzuhängen“. Doch welche Auswirkungen haben andere Faktoren wie der soziale Kontext und die Beziehung zu wichtigen Personen wie z. B. dem Trainer? Was erwarten Heranwachsende eigentlich von „ihrem“ Verein und was passiert, wenn diese Erwartungen enttäuscht werden?
Ein Blick in die Statistiken des Amateurfußballs weist darauf hin, dass die Entwicklung alles andere als rosig ist. Immer weniger Vereine bekommen eine dauerhaft spielende Mannschaft zusammen und müssen gelegentlich schon mal ein Ligaspiel „acht gegen acht“ austragen. Es wird händeringend nach Nachwuchs gesucht. Dies erstaunt auf den ersten Blick, denn im Zuge der immer noch wachsenden Fußballbegeisterung in Deutschland drängen tatsächlich sehr viele Kinder in die Vereine. Etwa ab der D- oder C-Jugend jedoch ändert sich das Bild und viele, der zunächst begeisterten kleinen Kicker verlassen die Vereine um sich einer anderen Beschäftigung zu widmen, was zur Folge hat, dass die B- und A-Jugenden so mancher Clubs abgemeldet werden müssen.
Wie der DFB-Experte Dr. Gerd Thissen von der Universität Bochum unlängst auf einer Fachkonferenz ausführte, ist dies kein Zufall, denn der Mangel an einfachsten pädagogischen Kenntnissen bei vielen Trainern sei eklatant. Dies sei nicht zuletzt darauf zurück zu führen, dass auf eine einschlägige Fachausbildung verzichtet wird und so mancher Vater diesen Job zwischen Arbeit und Abendessen in Jeanshosen (und nicht im Trainingsanzug) macht. Diesem Extrem stehe ein anderes gegenüber, denn Untersuchungen haben gezeigt, dass viele Trainer, die sich bei DFB-Lehrgängen pädagogisch ausbilden lassen, nur wenige Wochen später unter Vereinsdruck alles Gelernte beiseite schieben. Nicht selten wurde beobachtet, dass die Kinder dann auf weitem Feld elf gegen elf spielen und somit vorwiegend laufen, jedoch nicht spielen.
Es ist offensichtlich, dass auf diese Weise keine Talente entwickelt werden können. Was jedoch noch weiter im Vordergrund steht, ist der damit unabdingbar einher gehende Verlust an Interesse am Fußball. Neben dem Spaß am Spiel erwarten Kinder vor allem auch, eine Beziehung zum Trainer eingehen zu können. Dem steht allerdings ein großer Erwartungsanspruch gegenüber, den der Verein auf den Trainer und der Trainer auf die Kinder ausübt. So sollen die Kinder vor allem darauf trainiert werden, erfolgreich zu spielen, was einerseits dazu führt, dass sich weniger talentierte Kinder auf der Bank wieder finden und andererseits ein dem Alter unangemessener Erfolgsdruck auf die Kinder ausgeübt wird. Die Beziehung zum Trainer – und nicht selten auch die zu den eigenen Eltern – steht vermehrt unter der Bedingung, erfolgreich zu sein. Die Folge ist unnötiger Stress – Stress der sich auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirkt.
Wie bereits in einem früheren Artikel (Affektregulation und Handlungsschnelligkeit) erläutert, wird Stress insbesondere über das Hormon Cortisol im Körper kommuniziert. Wenn der Cortisolspiegel über ein bestimmtes Maß hinaus ansteigt, erleidet der Hippocampus im Gehirn Verletzungen. Dies ist insbesondere dann prekär, wenn es sich um ein in der Reifung befindliches Gehirn handelt, also das eines Kindes. Der Hippocampus ist eine der zentralen Schaltstellen in der Vermittlung von sportlich-motorischen, sozial-affektiven und kognitiven Kompetenzen. Man stelle sich also eine Mannschaft von 9-jährigen vor, die regelmäßig vor einer johlenden Zuschaueransammlung und einem kritischen Trainer ihre Leistung abrufen muss, was in der Realität leider keine Seltenheit ist. Der damit einher gehende Dauerstress kann in diesem Alter nicht kompensiert werden und beeinträchtigt Lebensfreude und Leistungsfähigkeit und kann im schlechtesten Fall erste Dispositionen zu depressiven und abhängigen Störungen herbeiführen. Dieser Zusammenhang ist pathophysiologisch lange bewiesen und wird im zeitgenössischen Kulturgut Fußball dennoch nicht zur Kenntnis genommen.
Doch wie sieht dieser Zusammenhang bei Profivereinen aus? Jüngste Studien zeigen: auch hier ist der Wunsch der Heranwachsenden nach tragfähigen Beziehungen zentral und macht sich in Maßen der Erholungsfähigkeit und Belastungsresistenz bemerkbar. Hier liegt jedoch aufgrund des finanziellen Investments der Vereine eine durchaus nachvollziehbare Erwartungshaltung vor, denn die Spieler werden als mögliche Talente für den Profibereich betrachtet. Der damit einher gehende Faktor Stress dürfte als noch wichtiger für die Entwicklung der Talente und für die Entwicklung ihrer Persönlichkeit – denn die hört ja auch auf diesem Niveau nicht auf – erachtet werden.
Im Grunde bieten sich hier zwei Möglichkeiten an: entweder man schneidet sich ins eigene Fleisch oder man schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe. Ins eigene Fleisch schneidet man sich, wenn man dem Stressfaktor keine oder nur wenig Beachtung schenkt. Der Hippocampus ist für das blitzschnelle Erfassen von Kontexten und die darauf erfolgende sportmotorische Reaktion eine entscheidende Komponente und somit wichtig für die fußballerische Entwicklung. Es gibt keinen Grund, den Körper und seine sportliche Leistungsfähigkeit auf Muskeln und Laktatwerte zu reduzieren.
Zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt man dagegen, wenn man versucht die sozio-affektiven Rahmenbedingungen im eigenen Verein auf den Prüfstand zu stellen und systematisch herauszufinden, welche Spieler auf welche Stressoren mit erhöhten Cortisolwerten reagieren. Man würde mit einiger Überlegung recht bald auf motivspezifische Zusammenhänge stoßen, insbesondere was Machtstrukturen und Beziehungswünsche angeht. Der dauerhafte Effekt wäre eine zusätzliche Stütze in der fußballerischen Talententwicklung und eine größere Sicherheit, dass die jungen Spieler Selbstwert erarbeiten und als begabte Persönlichkeiten ihren Weg gehen.
Zusammengefasst: Wer mit jungen Menschen Fußball trainiert, entwickelt immer auch deren Persönlichkeit mit. Dem Faktor Stress und den Erwartungen der Spieler an ihre Bezugspersonen kommt dabei eine besondere Rolle zu, die von vielen Trainern – egal auf welchem Niveau sie trainieren – noch nicht so deutlich erkannt wurde. Es wird Zeit – auch im Hinblick auf die gesellschaftliche Dimension des Fußballs in unserer Kultur, diesem Zusammenhang mehr Gewicht zuzumessen.