Dienstag, 14. Oktober 2008 - 21:14 Uhr
Diskussion in der TF-Fankurve: Gladbach sollte sich entscheiden
Ex-Borusse, Armin Veh, hat etwas verstanden. Denn er knüpft seine Vertragsverlängerung beim VfB Stuttgart an eine Bedingung. Diese lautet: sofern beim VfB nicht offensiver investiert wird, müssen die Erwartungen im Club heruntergesetzt werden. Was Veh damit im Blick hat, ist die Schere, die die Liga teilt. Zudem habe er keine Lust, um die Plätze sechs bis zehn zu spielen.
Eine Sorge, die Borussia Mönchengladbach gerne hätte.
Anders als Veh, hat Christian Ziege vor der Saison das Ziel „Klassenerhalt“ ausgegeben. Wahrscheinlich sieht auch er die Situation in den beiden oberen Bundesligen. Ab der Zeit Wolfsburg scheidet sich das Ober- vom Unterhaus. Vereine, die regelmäßig in internationalen Wettbewerben spielen, distanzieren finanziell die Vereine, die lediglich im nationalen Wettbewerb spielen. Das heißt, dass etwa zwischen Platz elf (den FC Bayern, der in einer Umorientierung steckt, ausgenommen) der ersten und Platz acht der zweiten Bundesliga sechszehn Vereine rangieren, die um die Erstklassigkeit kämpfen. Die Vereine der beschriebene „Zwischenwelt“ können keine teuren Transfers stemmen.
Denn alle Vereine, die in den hinteren Tabellenplätzen der ersten oder in der zweiten Liga spielen, verfügen nicht über die finanziellen Möglichkeiten, der Vereine, die um den Einzug in internationale Wettbewerbe - sprich um die große Kasse – spielen.
Der 2007-er Abstieg Gladbachs kann in diesem Sinne nicht mehr als Ausrutscher abgetan werden, da der Abstieg erhebliche finanzielle Einbußen bedeutete. Doch wenn Borussia die Klasse halten willen, muss sie etwas anders machen, als das Bundesliga-Oberhaus und der unmittelbare Wettbewerb. Also, kann der Blick in den Geldbeutel hier nicht die Entscheidung „teuere Spieler kaufen“ nach sich ziehen.
Was finanzkräftige Vereine durch geschickte Einkaufpolitik erreichen, müssen Vereine wie Borussia Mönchengladbach, durch Innovationen kompensieren.
Was in der Branche an Infrastrukturentwicklung, wie z.B. das Scouting-System, computergestützte Video-Analyse, etc., Gang und Gäbe ist, wurde auch in Gladbach eingeführt. Das ist der Status Quo - immerhin -, mehr aber auch nicht.
Was aber könnten die Verantwortlichen tun, um bei der Borussia – außer tragbaren Neuverpflichtungen - einen entscheidenden Unterschied einzuführen?
Die Ära unter der Philosophie von Jos Luhukay hat für kontinuierliche Arbeit gestanden. Dies an sich ist in Gladbach eine Neuerung. So verdienstvoll jedoch die Arbeit von Jos Luhukay auch gewesen sein mag, so sehr muss er den Trainern zugerechnet werden, die den Schwerpunkt auf den fußballerischen Prozess legen. Eine weiterführende, echte Innovation im taktischen Umfeld aber, hat auch er in Gladbach nicht eingeführt.
Die Gestaltung des Umfeldes heißt Infrastrukturentwicklung im Fußballbetrieb mit der unmittelbaren Zielrichtung „Leistungssteigerung“. Mit infrastrukturellen Maßnahmen kann häufig ein größerer und vor allem nachhaltigerer Effekt erzielt werden, als durch den Kauf eines treueren Spielers. Und dabei stehen diese Ausgaben in keinem Verhältnis zum Beispiel zu den Investitionen in einen Federico Insúa.
Welche infrastrukturellen Maßnahmen (taktischer Bereich, siehe „Borussia ein Team!?“ in seitenwahl.de vom 17.04.07) sind also in Mönchengladbach sinnvoll?
Einführung einer Spieler-Diagnostik:
Die regelmäßige Durchführung biochemischer und psychologischer Diagnostik ist ein Instrument, mit dem unter anderem Bayer Leverkusen (unter Michael Skibbe) oder Schalke 04 (unter Mirko Slomka) bereits gute Erfolge erzielt haben. Sie gehen weit über den Laktattest hinaus. Zum Beispiel können durch die Messung des Cortisolwertes Maßnahmen zur Entwicklung der Affektregulierung und Handlungsschnelligkeit vorangetrieben werden (S. Raadts in torfabrik.de, 03.02.2008). Qualitäten, die im Gladbacher Spiel seit den goldenen Zeiten vermisst werden. Aber dies ist nur eine, wenn auch wichtige Facette. Das „Milan Lab“ des italienischen Top-Clubs Inter Mailand ist der Vorreiter diagnostischer Verfahren zur individuellen Leistungsmessung und –verbesserung. Mit Hilfe von 3D-Bodyscans werden zum Beispiel Fehlhaltungen und muskuläre Disbalancen erkannt und in der Folge behoben. Kleinigkeiten, sagen viele, aber vielleicht sind Spieler, die körperlich auf der Höhe sind, den entscheidenden „Tick“ schneller und besser am Ball. Spieler, wie Roberto Colautti und Sebastian Schachten könnten zeigen, was sie können und dem Verein helfen. Die Gladbacher Verantwortlichen müssen jedoch nicht gleich nach Mailand reisen, denn in Köln und Wuppertal sitzen Spezialisten dieses Faches.
Mehr Leistung durch kognitive Denk- und Aktionserweiterung
Ein anderer Spezialist steht beim VfB Stuttgart unter Vertrag. Allerdings darf Werner Schoupa hier nur im Jugendbereich ran. Er verbindet das Technik- und Koordinationstrainings mit Denkaufgaben um die Bewegungsmuster der Spieler zu erweitern. Durch die Ausführung von Spielaufgaben, durch indirekte Kommandos, wie Farb-, Städte- oder Zahlenzuordnungen zu Übungsaktionen (zum Beispiel links, rechts, geradeaus, rückwärts orientieren) werden unterentwickelte Gehirnregionen aktiviert, Bewegungsmuster erweitert, die Wahrnehmungsfähigkeit gesteigert. Viele Spieler haben eine Rechtsdominanz, das heißt, dass sie Vieles, was im linken Spielfeldbereich abläuft, nicht wahrnehmen. Diese und viele Schwächen mehr, können durch kognitive Erweiterung behoben werden. Der DFB, unter Jürgen Klinsmann, sowie andere Profivereine haben die Bedeutung dieser Verfahren bereits erkannt. Für Gladbach geht es darum, fähige Ressourcen zu akquirieren, bevor es andere tun und ein Wettbewerbsvorteil verschenkt wird.
Mentales Coaching
Diagnostische Verfahren betreffen auch die psychische Verfassung der Spieler. Zuletzt wurde in Gladbach lediglich festgestellt, Sascha Rösler sei „im Moment zu sehr mit sich selbst beschäftigt“. Scheinbar wurde mit dieser Erkenntnis wenig angefangen. Wesentliche Konsequenz: Tribüne, Bank, Kurzeinsätze. Der Ausfall eines hoch bezahlten Angestellten und Führungsspielers zudem, ist finanziell und vor allem sportlich schwerlich hinnehmbar. Mit einem verhältnismäßigen Aufwand kann die professionelle Behebung von Blockaden sowie die Förderung von Teamprozessen, um als Einzelner wieder Top-Leistungen abzurufen und als Team zu funktionieren, erzielt werden. Fußball wird zu etwa 50% im Kopf entschieden. Da hat die Beschäftigung eine Mentalcoaches nichts mit der freudschen Couch zu tun, wie viele Fußballurgesteine diesen Neuerungen häufig vernichtend skeptisch begegnen. Trainer allein sind mit dieser Aufgabe überfordert.
Infrastrukturentwicklung mit Zielrichtung „Profi-Leistungskader“ fordert Personal, welches diese umsetzt. An erster Stelle steht hier der Trainer. Natürlich steht die Sicherung der Liga-Zugehörigkeit an erster Stelle. Aber Christian Ziege & Co. will nicht nur einen Feuerwehrmann verpflichten. So steht direkt hinten den „Quick Wins“ gleich die Nachhaltigkeit. Borussia sollte also einen Trainer verpflichten, der, neben allen sonstigen menschlichen und fachlichen Anforderungen, Neuerungen gegenüber offen ist und diese auf den Weg bringt, wie zum Beispiel Ralf Rangnick mit seinem Funktionsteam in Hoffenheim. Managementqualitäten, die Präsident Königs und Geschäftsführer Schippers in betriebswirtschaftlicher und organisatorischer Hinsicht eingebracht haben, sollten – aller fussball-asservaten Kritik zum Trotz - auch in den sportlich-taktischen Funktionsbereichen Einzug halten. Denn moderne und fähige Trainer bewerten das Potenzial der Möglichkeiten, wie Ex-Borusse Armin Veh, am Geldbeutel und an der Kompetenz, derer, die schon da sind – in sportlicher und methodischer Hinsicht. Der Weg nach oben führt für Gladbach über entschiedene, exzellente Arbeit.
Hinweis der Redaktion: Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Leserbrief von Henning Isenberg. Wir bedanken uns recht herzlich bei ihm für diesen Beitrag, weisen den Leser allerdings darauf hin, dass dieser Artikel nicht die Meinung der TF widerspiegelt.