Dienstag, 06. Februar 2007 - 08:09 Uhr

Die Vorbereitung auf das Spiel gegen Bielefeld war nach Aussage Luhukays insbesondere durch eine Präferenz mentaler Aspekte gekennzeichnet, denn die Wiederherstellung des Glaubens an sich selbst stand im Vordergrund. Es mag sicher eine Reihe von zusätzlichen Faktoren geben, die dem plötzlich so erfrischenden Spiel der Borussia zuarbeiteten. Doch wer die Mannschaft über die letzten zehn Spiele beobachtet hat, muss zugeben, dass das hervorstechende Merkmal das neue Selbstbewusstsein war, mit welchem die Mannschaft auftrat.
Was macht die mentale Seite des Fußballs eigentlich so wichtig? Warum waren Einzelgespräche mit den Spielern die Methode der Wahl? Ein paar Fakten aus der experimentellen Neuropsychologie sollen das erläutern.
Selbstbewusstsein kann man nicht sehen. Man sieht nur, dass die Handlungen und die Körpersprache bei selbstbewussten Menschen eine andere Qualität aufweisen als bei weniger selbstbewussten Menschen. Diese Qualität äußert sich im Fußball über einige quantitative Parameter, wie beispielsweise die Handlungsschnelligkeit. Handlungsschnelligkeit ist die Fähigkeit, eine Entscheidung für eine Handlung maximal schnell zu treffen. Mangelhafte Handlungsschnelligkeit erkennt man daran, dass Spieler sich über die Richtigkeit ihrer Handlungen nicht sicher sind und daher zögerlich agieren. Ein wichtiger Indikator für Handlungsschnelligkeit ist die Anzahl der Ballberührungen pro Ballkontakt, denn diese erhöht sich mit zunehmender Zögerlichkeit bei der Entscheidungsführung.
Nun geht es im Fußball ja insbesondere darum, mit überraschenden Entscheidungen den Gegner zu überlisten und schneller als er Räume zu erobern, was zusätzlich erfordert, dass die Entscheidungen des einen Spielers von den anderen Mitspielern frühzeitig erahnt werden (Spielintelligenz). Ist das nicht der Fall, zweifeln die Einzelspieler an ihren Entscheidungen und damit an sich selbst. Die eigene Entscheidungsfähigkeit zu bezweifeln führt wiederum zu Zögerlichkeit im Handeln. Spielintelligenz und Handlungsschnelligkeit bedingen sich also gegenseitig.
Wenn man also Spieler in ihren Entscheidungsfindungen bestärken möchte, dann muss man den Ort im Gehirn aktivieren, der für Entscheidungsfindung besonders zuständig ist. Dies ist der präfrontale Lappen der rechten Gehirnhälfte. Dort befindet sich das SELBST. Selbstwertgefühl, Selbstbewusstsein, Selbstkontrolle haben hier ihr Zuhause. In experimentellen Untersuchungen am Computer konnte gezeigt werden, dass Menschen ihre Aufgaben deutlich besser lösen, wenn dieses Selbst aktiviert wird. Fußballprofis und Profisportler überhaupt haben eine stark emotionale Bindung an ihren Beruf, sehr viel stärker als die Angehörigen anderer Berufe. Das heißt, sie verbinden ausgedehnte Aspekte ihres Berufes mit sich selbst, identifizieren sich damit und beziehen daraus Überzeugungen über ihre Fähigkeit und Selbstwirksamkeit. Sind diese Überzeugungen präsent und bewusst gemacht, dann ist die Durchblutung dieses Hirnareals besser, was durch einige EEG – Experimente belegt werden konnte. Dies wiederum überträgt sich auf die Motorik durch Schnelligkeit und Sicherheit in den Bewegungen. Misserfolgserlebnisse werden besser toleriert und Erfolgserlebnisse finden ihren Niederschlag in der Körpersprache.
Luhukay hat Einzelgespräche geführt. Das heißt, er hat mit einiger Sicherheit die Selbstwirksamkeitsüberzeugungen der Spieler aktiviert und jeder, der das Spiel in Bielefeld gesehen hat, hat sich von der Sicherheit, der Schnelligkeit und der Vehemenz der Aktionen überzeugen können. Jos Luhukay hat die Notwendigkeit erkannt, mentale Aspekte in den Vordergrund zu rücken. Auch Jupp Heynckes hat Handlungsschnelligkeit trainieren lassen, was absolut richtig war. Möglicherweise hat er dabei eher die Motorik im Blick gehabt und weniger den eigentlichen Ursprung motorischer Handlungen, nämlich die Selbstwirksamkeit der Spieler.
Man mag daran erkennen, wie wichtig das regelmäßige Achten auf die mentalen Befindlichkeiten der Spieler ist. Bielefeld war nur ein Anfang und es werden stärkere Gegner kommen. Bleibt zu hoffen, dass die Spieler unter dem neuen Trainer weiter daran arbeiten werden, sich noch mehr selbst und gegenseitig zu vertrauen. Auch für die Zukunft können nun die Weichen gestellt werden.