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Nachdreher zum Spiel gegen Hannover

»Wir strotzen nicht vor Selbstvertrauen«

von Marc Basten, Nadine Basten und Jan van Leeuwen

Sonntag, 01. Oktober 2017 - 16:06 Uhr

Durchatmen bei Borussia Mönchengladbach. Der Last-Minute-Sieg über Hannover 96 brachte das dringend benötigte Erfolgserlebnis nach der Abreibung von Dortmund. Punktemäßig ist man im grünen Bereich, fußballerisch nicht.

Grifo wird von Sane in der 94. Minute gefoult (Foto: Dean Mouhtaropoulos / Bongarts / Getty Images)
Grifo wird von Sane in der 94. Minute gefoult (Foto: Dean Mouhtaropoulos / Bongarts / Getty Images)

»So ist Fußball«, sagte André Breitenreiter nach dem Schlusspfiff. Seine Mannschaft hatte die drei Auswärtspunkte quasi schon eingetütet, als Martin Harnik in der 87. Minute ansetzte, den Siegtreffer im Borussia-Park zu erzielen. Doch der Ball klatschte völlig unerwartet nur an die Latte und wenige Minuten später bekam Gladbach den spielentscheidenden Elfmeter zugesprochen.

«Jetzt stehen wir hier und haben gewonnen«, wunderte sich Matthias Ginter weit nach Schlusspfiff noch über die verrückte Schlussphase. »So läuft das manchmal im Fußball, es geht um kleine Details.« Die Gladbacher behielten die drei Punkte, was angesichts der Leistung durchaus als glücklich bezeichnet werden kann. Ein Remis wäre das gerechtere Ergebnis gewesen. Aber wann ist der Fußball schon mal gerecht?

Die Borussen waren jedenfalls heilfroh, dass sie der sich anbahnenden Krise von der Schippe gesprungen sind. »Wenn man jetzt zwei Wochen auf einer Niederlage sitzen müssten, würde es schon sehr an einem nagen«, sagte Ginter. »Deshalb war es gut, dass wir noch den Lucky Punch hatten.«

Bis zur hochemotionalen Schlusssequenz bekamen die Zuschauer eine Gladbacher Mannschaft zu sehen, die sich mit den gleichen Problemen wie schon in den letzten Wochen abmühte. »Wir strotzen nicht vor Selbstvertrauen«, sagte Max Eberl. »Das hat man heute gemerkt. In der ersten Halbzeit haben wir uns echt schwergetan. Wir haben uns zwar ein Übergewicht erarbeitet, ohne dass wir richtig zwingend waren. Und auch nach der Pause fangen wir mit ein paar unglücklichen Situationen an.«

»Ein 1:6 steckst du nicht so einfach weg, da können wir unter der Woche noch so viel reden«, führte Dieter Hecking aus. »Das merkst du schon in der einen oder anderen Situation, wo man schneller spielen könnte und das Risiko nicht nimmt. Wir haben in der Pause darauf hingewiesen, dass wir das Risiko gehen müssen. Aber in der zweiten Halbzeit sind wir auch nicht so gut reingekommen, haben uns dann über den Kampf ins Spiel reingebissen.«

Matthias Ginter erzielte den Führungstreffer nach einer Freistoßhereingabe von Mikael Cuisance. Der junge Franzose feierte seine Startelfpremiere und brachte durchaus frischen Wind. »Er ist ein brillanter Fußballer, gerade wenn man überlegt, dass er im August erst 18 geworden ist«, sagte Eberl. »Mit seinen Qualitäten kann er uns schon weiterhelfen, er ist ein Instinktfußballer.«

Die jugendliche Unbeschwertheit von Cuisance hätte für den Sportdirektor fast gesundheitliche Folgen gehabt. »Er ist echt der erste Junge, der mich mit seiner Aktion fast zu einem Herzinfarkt gebracht hat«, sagte Eberl. Kurz nach der Pause legte Cuisance für Hannover eine Chance auf, als ihm im eigenen Strafraum ein Hackentrick missglückte. »Der Marc-André ter Stegen hat schon so verrückte Sachen gemacht im ersten Spiel. Aber das war ein großes Ding. Es zeugt von Selbstbewusstsein, wenn man es positiv auslegt. Er kann besondere Momente erzeugen, muss aber die Bundesliga auch erst lernen.«

Die Freistoßflanke von Cuisance brachte die Führung, über die sich die Gladbacher jedoch nur wenige Minuten freuen konnten. Hannover glich nach einer Ecke aus. »Sehr ärgerlich«, grummelte Hecking. »Jannik Vestergaard war nach der Behandlung noch draußen, Hannover wechselte mit Füllkrug einen weiteren Kopfballspieler ein und in diesem Augenblick war nicht die richtige Zuordnung da. Das wird sofort bestraft.«

Nach dem Ausgleich »war es ein offener Schlagabtausch«, sagte Hecking. Immerhin hatten die Borussen ihr Pulver noch nicht verschossen. »Es war gut, dass wir von der Bank nachlegen konnten«, erklärte Eberl. »Alle drei Einwechslungen waren sehr gut. Ob ein Bobadilla, der uns geholfen hat, oder Vince und Zakaria, die dem Spiel gutgetan haben.«

Genutzt hätte es freilich nicht viel, wenn Harnik seine Megachance genutzt hätte. So aber blieben die Borussen im Spiel und drängten in der Nachspielzeit auf den Sieg. Vincenzo Grifo holte mit einer beherzten Aktion den Elfmeter heraus, was zu einem echten Nervenkrimi wurde. Schiedsrichter Dingert entschied spontan auf Strafstoß, doch es dauerte annähernd drei Minuten, bis die Entscheidung durch den Videoschiedsrichter und einer abschließenden Kontrolle am Bildschirm durch Dingert selbst bestätigt wurde.

»Lars hat mir gesagt, dass ich schießen kann«, erzählte Thorgan Hazard später. »Also habe ich mir den Ball geschnappt.« Doch dann dauerte es schier endlos, bis der Belgier anlaufen konnte. »Das war natürlich nicht einfach, die Wartezeit war lang. Ich hatte sehr viel Zeit zu überlegen, in welche Ecke ich schießen kann. Die Entscheidung habe ich aber erst in der letzten Sekunde getroffen.«

Trotz des Drucks verwandelte Hazard eiskalt. »Toto ist ein Eisvogel«, sagte Hecking anschließend. Hazard selbst zeigte sich vor allem erleichtert. »Mein Tor hat der Mannschaft geholfen, deshalb bin ich sehr glücklich. Das bringt uns wieder Selbstbewusstsein, auch mir. Besonders nach den vergebenen Chancen in Dortmund.«

In das allgemeine Aufatmen mischte sich auch eine gewisse Portion Trotz gegenüber den Kritiken der letzten Tage. »Ein kleiner Hinweis, guckt auf die Tabelle«, sagte Hecking. »Wir sind vorne dabei und haben bisher gegen fünf Mannschaften gespielt, die unter den ersten acht sind. Da sind elf Punkte gut. Ich finde, dass wir im grünen Bereich sind.« Zumindest rechnerisch - im fußballerischen Rahmen fehlt trotz des dritten Heimsiegs der Saison noch einiges.

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