Sonntag, 13. Januar 2013 - 16:33 Uhr

Die Bedingungen in Dubai waren für die Borussen optimal. Die Trainingsintensität war sehr hoch, vor allem die Spielformen auf begrenztem Feld forderten die Akteure in allen Bereichen. Der auf vielen Positionen offene Konkurrenzkampf führte dazu, dass alle Profis hoch konzentriert zu Werke gingen. »Niemand hat seinen Platz sicher«, sagt Lucien Favre. Er stelle unabhängig von Namen, Transfersumme oder sonstigen Privilegien auf, sondern was aus seiner Sicht am besten passt.
Davon losgelöst gibt es natürlich das Grundgerüst, das sich mit Marc-André ter Stegen und der Viererabwehrkette mit Tony Jantschke, Martin Stranzl, Álvaro Dominguez und Oscar Wendt zusammensetzt. Bis auf Wendt, dessen Platz auch der wiedergenesene Filip Daems beansprucht, dürfen sich die anderen relativ sicher sein. Das gilt im Mittelfeld für Håvard Nordtveit, dem man als einzigem Basisspieler gegenüber der letzten Saison eine spürbare Weiterentwicklung attestieren kann. Dazu Patrick Herrmann mit seinem Tempo und natürlich ist Juan Arango, der geniale Ausnahmekönner, gesetzt.
Darüber hinaus ist nur sicher, dass nicht viel sicher ist. Thorben Marx kann mit Routine und seinen sauberen Leistungen in der Hinrunde punkten, Granit Xhaka drängt genauso wie Alexander Ring nach und will einen Platz im zentralen Mittelfeld.
Lukas Rupp, in der Vorrunde plötzlich in die Startelf gerückt, scheint etwas den Anschluss eingebüßt zu haben. In Dubai wirkte es jedenfalls nicht so, als ob er fest zur ersten Elf gehört. Allerdings kann der Eindruck auch täuschen, da Lucien Favre bekanntlich für Überraschungen gut ist.
So wie in München, als er nicht nur mit dem mutigen Spielsystem verblüffte, sondern auch mit der Nominierung von Tolga Cigerci. Der Deutsch-Türke war auch in Dubai einer der auffälligsten Akteure und nicht von ungefähr bot ihn Favre im aussagekräftigen letzten Testspiel gegen Frankfurt in der Startelf auf.
Cigerci begann im 4-4-2 auf der rechten Seite, nach dem Rückstand gegen die Eintracht stellte Favre auf sein ‚neues‘ System um, Cigerci kam über links. Favre spricht von einem 4-3-3 System, was allerdings nicht der klassischen Ausrichtung mit zwei echten Außenstürmern entspricht. Herrmann über rechts mag dies sein, Cigerci auf links nicht. Doch schiebt dieser gut an und da auch Wendt in dieser Konstellation häufig überläuft und sich vorne einschaltet, wirkt Borussia in dieser Ausrichtung offensiver und weitaus aktiver als im abwartenden 4-4-2.
Ein weiterer Pluspunkt des veränderten Systems ist die Variabilität im Mittelfeld. Marx übernimmt die zentrale Absicherung, Arango und Nordtveit auf den Halbpositionen können immer wieder anschließen und nach vorne stoßen. Zudem kann Arango mit Cigerci die Position tauschen, so dass ständig Bewegung herrscht und das Spiel weniger statisch und für den Gegner nicht leicht auszurechnen ist.
Als zentrale Spitze profitiert Luuk de Jong in diesem Fall von den nachdrängenden Mittelfeldspielern. Er hat mehrere Optionen den Ball ‚prallen‘ zu lassen und ist bei flachen Anspielen aus der Zentrale fast immer am und im Strafraum. Da kommen die erstklassigen Qualitäten des Niederländers zur Geltung. Ganz anders, als wenn er von der Mittellinie in meist aussichtslose Laufduelle geschickt wird.
Und ‚gegen den Ball‘ funktioniert dieses System ebenfalls, weil aus dem vermeintlichen 4-3-3 blitzschnell ein 4-1-4-1 wird. Rückt die Viererabwehrkette dann noch früh genug auf, hat der Gegner kaum noch Platz und nach Ballgewinnen geht es dann auch ohne überragende Sprinterqualitäten ziemlich zügig nach vorne.
Die Problematik besteht darin, dass Borussia fast zwingend auf einen gesunden Patrick Herrmann angewiesen ist. Im 4-4-2 spielt Herrmann als zweite Spitze und ist in dieser Rolle trotz reichlich Stürmern im Kader praktisch konkurrenzlos. Denn sowohl de Camargo, Hanke als auch de Jong fehlt es an Tempo. So kommt von diesen Dreien für Favre nur einer in Frage, während zu Herrmann allenfalls Mlapa eine Alternative wäre. Zwar hat dieser etwas weniger Tempo, jedoch mehr Wucht. Doch der U21-Nationalspieler scheint sich seines Potenzials immer noch nicht bewusst und drängte sich auch in der Woche Dubai nicht wirklich auf.
Und auch im neuen 4-3-3 ist Herrmann auf der rechten Seite der einzige, der Sprinterqualitäten einbringen kann. Dass in der Sommerpause die Verpflichtung eines schnellen Stürmers für Sportdirektor Max Eberl oberste Priorität haben sollte, dürfte unstrittig sein.
In der Rückrunde wird Lucien Favre etwas improvisieren müssen. Dass er offensichtlich mit der Systemanpassung liebäugelt und dies auch nachhaltig trainieren lässt, ist auch ein Zeichen, dass Favre etwas mehr Zutrauen zu den Möglichkeiten seiner Spieler gewinnt.
Von daher kann nach der Woche Dubai tatsächlich ein sehr positives Fazit gezogen werden. So wie es aussieht, wird Borussia Mönchengladbach 2013 wieder aktiver Fußball spielen als zuletzt. Und das sind gute Aussichten.