Samstag, 15. Dezember 2012 - 11:31 Uhr
Bei den Bayern war alles auf große Feierlichkeiten eingestellt. Ein Feuerwerk mit Lasershow nach dem Spiel sollte ein vorangegangenes auf dem Platz krönen, mit dem der Ligaprimus gleichzeitig einen neuen Punkterekord für eine Hinrunde aufgestellt hätte.
Dumm nur, dass die Bayern ausgerechnet gegen ihren neuen Angstgegner aus Mönchengladbach antreten mussten. Nicht nur gegen Borussia Dortmund, auch gegen die Borussia vom Niederrhein können die Bayern nicht mehr gewinnen.
Die ‚Borussia-Phobie‘ der Heynckes-Truppe wurde auch am Freitag deutlich. Obwohl mit deutlich mehr Spielanteilen, taten sich die Münchener gegen eine äußerst diszipliniert und laufstark agierende Gladbacher Mannschaft sehr schwer. Die Bayern liefen mit einer Gesamtdistanz von 118 Kilometern schon viel, die Borussen überragten sie mit außergewöhnlichen 125 Kilometern nochmals deutlich.
Diese läuferische Power, angesichts des Mammutprogramms in der Hinrunde mehr als bemerkenswert, war die Grundlage für die taktischen Änderungen, die Lucien Favre vorgenommen hatte. Patrick Herrmann spielte wieder auf der rechten Seite, der neu ins Team gekommene Tolga Cigerci verstärkte die Mittelfeldreihe, aus der die Münchener im Spielaufbau immer wieder effektiv gestört wurden. Vor allem Dante, sonst für den kontrollierten Aufbau beim Rekordmeister von hinten heraus zuständig, wurde ständig von Nordtveit angelaufen und unter Druck gesetzt.
»Wir haben probiert so hoch wie möglich zu spielen«, sagte Lucien Favre. »Unser Pressing in der ersten Halbzeit war gut«.
»Mit diesem taktischen Konzept haben die Bayern nicht gerechnet«, erklärte Sportdirektor Max Eberl. »Wir haben es ihnen richtig schwer gemacht«.
Das auch, weil sich die Mannschaft nicht nur auf Störaktionen in der Münchener Hälfte beschränkte, sondern dann in hohem Tempo kollektiv nach hinten rückte und die Räume besetzte.
»Die Mannschaft hat gut funktioniert und gut gespielt«, freute sich Lucien Favre. Und sie ging durch den von Thorben Marx verwandelten Handelfmeter in Führung. Die Bayern fanden den Pfiff des Schiedsrichters gegen Boateng naturgemäß überzogen, die Borussen hielten ihn für gerechtfertigt. »Den kann man geben«, sagte Lucien Favre, der sich vor allem über die vorangegangene Balleroberung und die gute Kombination freute. »Das war stark, wir haben es provoziert«.
Bis zum Pausenpfiff machten es die Borussen mit der Führung im Rücken mehr als ordentlich. Sie kombinierten einige Male sehr gefällig aus der eigenen Hälfte, fanden jedoch in vorderster Front nicht zum An- und Abschluss.
Nach dem Seitenwechsel reagierten die Bayern auf die früh störenden Gladbacher, unterstützten Dante und Boateng im Spielaufbau, indem sich die Mittelfeldspieler fallen ließen. »Bayern stellte um und wir konnten nicht mehr so hoch spielen«, erklärte Favre.
Sein Team wurde zusehends hinten rein gedrängt und schaffte es nicht, wie im ersten Durchgang zu kombinieren. So gab es überhaupt keine Entlastung. »Die Bayern haben sehr viel Druck gemacht«, so Favre.
Der Ausgleich kam dann auch nicht wirklich überraschend, wobei er ein halbes Eigentor war. »Wir bereiten den Treffer ein stückweit selbst vor«, sagte Max Eberl diplomatisch. ‚Sünder‘ Thorben Marx nahm die Schuld komplett auf sich. »Das war ein dummer Fehler von mir«, ärgerte sich der Routinier. »Es wäre sicherlich besser gewesen, den Ball nach vorne zu hauen. Aber ich stand schlecht zum Ball und dachte, dass Tony hinter mir in dem Moment keinen Gegenspieler hat«.
In der Schlusssequenz verteidigten die Borussen den Punkt mit Mann und Maus. »Letztendlich muss man in München Glück haben, und das hatten wir«, sagte Mike Hanke. »Man kann gegen die Bayern auch nicht jede Torchance verhindern«.
Tatsächlich hatte der Rekordmeister einige hochkarätige Möglichkeiten, doch fanden die Münchener in Marc-André ter Stegen ihren Meister. »ter Stegen war großartig«, schwärmte Lucien Favre. »Er hat einige herausragende Paraden gezeigt, das war nötig. Er ist ein Supertorhüter und hat großes Potential«.
»Wenn du bei den Bayern punkten willst«, so Favre weiter, »brauchst du einen Top-Torhüter«.
»Schön, wie der Junge aus dem Loch herausgekommen ist«, lobte Max Eberl seinen Keeper. »Er krönt sein phantastisches Jahr mit einer tollen Leistung«.
»Wir haben uns den Punkt als Mannschaft erkämpft und erarbeitet«, gab sich ter Stegen bescheiden.
Und so verließen die Borussen am Ende mit einem breiten Grinsen im Gesicht die Allianz-Arena. »Ich bin extrem zufrieden mit dem Punkt«, sprach Lucien Favre aus, was alle Gladbacher dachten. Und die Bayern zündeten derweil ihr Feuerwerk in etwas gedrückter Stimmung. Die ‚Borussia-Phobie‘ hinterlässt beim Herbstmeister doch ein paar fragende Gesichter.