Donnerstag, 16. Februar 2012 - 14:39 Uhr
Die Lobeshymnen wollen einfach nicht verklingen in diesen Tagen in Mönchengladbach. Der beeindruckende 3:0-Erfolg gegen Schalke 04, der dritte Tabellenplatz und das Erreichen des Pokal-Halbfinales gegen die Bayern versetzen alle in Euphorie.
Doch zurücklehnen und genießen gibt es nicht. Vor allem nicht für den ewig nach Perfektion suchenden Lucien Favre. »Wir können uns noch steigern«, sagte er folglich auf der Pressekonferenz am Donnerstag im Borussia-Park. Was die Konkurrenz ruhig als Drohung interpretieren darf, liegt für Favre auf der Hand. »Die Ballannahme, die Weitergabe oder das Passspiel, das noch schneller und präziser sein könnte«, zählte der Schweizer auf. Es seien »Details« und die zu ändern, »braucht Zeit«.
Dass die Borussen auch in der aktuellen Besetzung noch nicht am Ende der Entwicklung angekommen sind, zeigt sich anhand der Fortschritte, welche das Team bereits gemacht hat. Auf der Grundlage des stabilen Defensivverbundes entwickelt sich ein immer forscheres Offensivspiel. Und je weiter es perfektioniert wird, desto schwerer sind die Borussen auszurechnen. Jüngstes Beispiel ist die neue Vielfalt in der Angriffsreihe.
Borussia spielt ohne zentralen Stürmer in einer Art 4-2-4-0 System. Gegen den Ball wird daraus ein 6er-Mittelfeld, bei eigenem Ballbesitz blitzschnell umgeschaltet und überfallartig angegriffen. Die Rollen der vier Offensivspieler verschwimmen dabei zusehends. Wechselten zunächst nur die äußeren Spieler (Arango und Herrmann) die Seiten, findet man jetzt einen Hanke minutenlang auf der rechten Seite und Herrmann oder Arango zentral, während Reus ohnehin überall ist.
Es ist für den Gegner schwer, sich zu sortieren und so stehen sie dem schnellen Direktspiel der Borussen oft hilflos gegenüber. Und wenn diese Flexibilität vorne mit einer so disziplinierten Arbeit nach hinten verbunden bleibt, findet sich hier noch einiges an Steigerungspotential.
Ob die Borussen das am Samstag auf dem Betzenberg ausspielen können, bleibt allerdings abzuwarten. Zum einen, weil der Einsatz von Marco Reus noch offen ist. Wegen Leistenproblemen reiste Reus am Mittwoch in Absprache mit Borussia zu Dr. Müller-Wohlfahrt nach München. Eine zweite Meinung wolle sich Reus beim Arzt der Bayern und der Nationalelf einholen, hieß es.
Aus Gladbacher Sicht (Stand Donnerstag Mittag) ist ein Einsatz von Reus jedenfalls nicht ausgeschlossen. »Wir müssen die Diagnose abwarten«, sagte Lucien Favre. »Wir hoffen, dass seine Verletzung nicht so schlimm ist und er in Kaiserslautern spielen kann«.
Für den Fall der Fälle legte sich der Trainer bereits auf Igor de Camargo als Reus-Ersatz fest. »Igor wäre die erste Option«, so Favre.
Darüber hinaus wird es natürlich auch am Gegner liegen, inwieweit sich die Borussen „austoben“ können. Die Erfahrung dieser Saison zeigt, dass sich der VfL gegen kampfstarke Teams sehr schwer tut. Nicht umsonst setzte es beim aktuellen Tabellenletzten Freiburg sowie beim Vorletzten Augsburg eine Niederlage. Und der Gegner vom Samstag steht auf dem drittletzten Platz ...
Aber auch insoweit kann die Mannschaft unter Beweis stellen, dass sie sich weiter entwickelt hat und sich nicht den Schneid abkaufen lässt.
Ein Spieler, der in solchen Situationen gut zu gebrauchen wäre, muss in Kaiserslautern aller Voraussicht nach passen. Martin Stranzl erwischte es beim gestrigen Training am Sprunggelenk und der Österreicher muss erneut eine Zwangspause einlegen. Roel Brouwers wird, wie zuletzt schon, wieder neben Dante auflaufen.
Ansonsten sind die Voraussetzungen für ein spannendes Duell auf dem Betzenberg klar: Kaiserslautern wird versuchen, das Gladbacher Spiel mit allen Mitteln zu zerstören und den Borussen die Lust am Kombinationsfußball zu nehmen. Die Borussen ihrerseits müssen dagegen halten und dann die Fehler der Pfälzer nutzen. Und dass es bei den Gastgebern einige Schwachstellen gibt, wo es anzusetzen gilt, wird Lucien Favre seinen Schützlingen mit auf den Weg geben ...
Update 17.02.12: Marco Reus wird mit nach Kaiserslautern fahren, nachdem er am Freitag beschwerdefrei trainieren konnte. Bei Borussia geht man von einem Einsatz des Nationalspielers aus, allerdings werden zur Sicherheit 19 Spieler nach Kaiserslautern fahren. Dagegen wird Mike Hanke definitiv ausfallen. Der Ex-Schalker laboriert an einem grippalen Infekt. Neben Hanke werden auch Martin Stranzl (Kapselriss im Sprunggelenk) und Thorben Marx (Innenbanddehnung) fehlen.