Sonntag, 12. Februar 2012 - 21:04 Uhr
Noch einen Tag vor dem Spiel gegen den Tabellennachbarn aus Gelsenkirchen rätselte Lucien Favre über die mögliche Aufstellung des Gegners. Es war vor allem das enorme Offensivpotenzial der Schalker, das dem Schweizer einige Kopfschmerzen bereitete. Dass sich aber mit Huntelaar, Raul, Obasi, Farfan und Jurado gleich die gesamte Offensivgarde des Tabellendritten in der Startelf tummelte, verwunderte schon ein wenig.
»Überrascht war ich nicht, denn so hat Schalke auch die zweite Halbzeit gegen Mainz begonnen«, sagte Borussias Trainer Lucien Favre. Dennoch dürfte der Schweizer ein wenig erstaunt über die nominelle Ausrichtung der Gäste gewesen sein, schließlich sollte sich die Heimstärke der Borussen spätestens nach dem 3:1 im Pokalachtelfinale auch bis in den Ruhrpott rumgesprochen haben.
Betrachtet man die erste Hälfte, könnte man sogar fast behaupten, seine Mannschaft fühlte sich von der taktischen Ausrichtung des Gastes ein wenig beleidigt. So dauerte es nur zwei Minuten bis der wiedererstarkte Marco Reus die Lücken in der Schalker Defensive bestrafte und zur frühen Führung einnetzte. »Ich wollte mich erst zur anderen Seite drehen, aber da kam ein Gegenspieler, dann schaue ich kurz aufs Tor und sehe den Torwart in der kurzen Ecke und mache ihn einfach rein. Es war Gold wert früh zu führen«, schilderte der Torschütze seinen Führungstreffer und dessen Bedeutung.
Wer nach den beiden fußballerisch etwas schwächeren Spielen in Wolfsburg und Berlin einen Abwärtstrend erwartete oder nach den 120 Pokalminuten schwere Beine bei den Gladbachern vermutete, wurde eindrucksvoll eines besseren belehrt. »Es gab viel Gerede darüber, dass wir 120 Minuten in Berlin gespielt haben. Aber das hat uns nichts ausgemacht«, erklärte Reus mit einem leicht süffisanten Lächeln und Roman Neustädter ergänzte: »Wir waren richtig heiß auf das Spiel und hatten uns viel vorgenommen«.
So richtig heiß liefen die Borussen besonders beim 2:0. Nach einem spektakulären doppelten Doppelpass sorgte Mike Hanke bereits nach einer Viertelstunde für die Vorentscheidung. »Das ist der moderne Fußball, der immer weiter zum One-Touch-Spiel hingeht«, war auch der Ex-Schalker von der Spielweise seiner Mannschaft beeindruckt. Dem hatte auch sein sonst so kritischer Trainer nichts entgegenzusetzen und geriet ins Schwärmen. »Wir haben super gespielt. Die Tore waren phantastisch!«
Doch selbst nach der frühen Zwei-Tore Führung marschierten die Gastgeber gnadenlos weiter und nahmen den Platz, den die Schalker ihnen ließen, dankbar an. Nachdem Papadopoulos den schnellen Reus nur mit einem Foul knapp vor dem Sechzehner bremsen konnte, schlug die Stunde des Juan Arango, der mit seinem tollen Freistoßtreffer noch einmal deutlich machte, warum man sich tags zuvor seine Dienste für zwei weitere Jahre sicherte. »Wir haben uns für Juans Variante beim Freistoß entschieden. Das sah sicher nicht so perfekt aus, aber der Ball war drin. Diesmal gab es kein Schnick-Schnack-Schnuck, diesmal haben wir es ausdiskutiert.“, klärte Reus auf.
Mit einer 3:0 Pausenführung war der Drops gelutscht und der Heimsieg eingetütet. »Ein 3:0 vor der Pause war perfekt. Wir haben klar besser gespielt, deshalb waren bei Schalke die Köpfe sehr schnell unten«, wusste Favre um die Wirkung des Ergebnisses. Wie tief die Köpfe der Schalker unten hingen, zeigte die Einwechslung Metzelders für Jurado zur Halbzeit.
Mit dieser Umstellung war klar, dass die Gäste nur noch um Schadensbegrenzung bemüht waren. »In der zweiten Halbzeit mussten wir nicht viel dagegen steuern, weil Schalke nicht mehr viel gemacht hat. Sie haben keinen Druck mehr entwickelt und wir konnten den Ball zirkulieren lassen«, fasste Reus die zweite Halbzeit zusammen.
Allerdings wären die Borussen nicht die Borussen, wenn sie nicht schon das nächste Spiel bei den abstiegsbedrohten Lauterern im Kopf hätten. »Es ist einfacher gegen Top-Teams, da ist man immer sehr motiviert. Das müssen wir aber jetzt auch gegen Kaiserslautern beweisen und zeigen, dass wir aus Spielen wie gegen Freiburg oder Augsburg etwas gelernt haben«, hat Abwehrchef Dante den nächsten Dreier schon fest im Blick. Und auch Trainer Lucien Favre warnt schon einmal vorsorglich: »Es war eine gute Woche, das können wir jetzt zwei Tage genießen. Aber sie kennen mich. Mein Fokus liegt schon auf Kaiserslautern. Diese Partie wird nichts zu tun haben mit dem Spiel heute«.
In einer derart bestechenden Form sollten aber weder das kommende Spiel in Kaiserslautern, noch das Pokal-Los in Form des FC Bayern München die Gladbacher vor unlösbare Aufgaben stellen …