Sonntag, 05. Februar 2012 - 10:25 Uhr
Dass durch den Punktgewinn in der Autostadt die magische 40 Punkte-Marke geknackt und somit endgültig das Primärziel Klassenerhalt sensationell nach nur 20 Spieltagen erreicht wurde, interessierte nach dem Spiel so recht niemanden. »Ich habe gehört, dass die Fans ‚Nie mehr zweite Liga‘ gesungen haben. Mit den 40 Punkten brauchen wir uns darum jetzt nicht mehr zu kümmern«, erwähnte Roel Brouwers fast beiläufig.
Viel mehr waren Mannschaft und Trainer damit beschäftigt, das Ergebnis richtig einzuordnen. Zwar gelang den Gladbachern mit sieben Punkten aus drei Spielen ein ähnlich hervorragender Start wie bereits in der Hinrunde, doch allzu große Freude wollte bei allen Beteiligten nicht aufkommen. Da half es auch nicht, dass Trainer Lucien Favre versuchte Bescheidenheit auszustrahlen und den Punktgewinn zu würdigen. »Ich bin mit dem Punkt zufrieden und kann damit gut leben«. Die Frage eines Journalisten, ob das Ergebnis nicht als Rückschlag im Vierkampf um die Meisterschaft zu werten sei, entgegnete er sogar auf seine ganz eigene sympathische Art, mit der Gegenfrage: »Sind Sie verrückt?«.
Allerdings waren es vor allem zwei Szenen, die den Borussen das Unentschieden ein wenig madig machten. Das galt vor allem in Bezug auf den zu Unrecht aberkannten Führungstreffer von Mike Hanke. »Es war sehr knapp und für den Linienrichter extrem schwer zu sehen. Aber normalerweise heißt es: Im Zweifel für den Angeklagten«, konnte der Ex-Wolfsburger seinen Ärger nicht verbergen. Insgesamt satte 13 Mal entschieden die Unparteiischen auf Abseits zu Ungunsten der Gäste und lagen damit, bis auf die wohl wichtigste Entscheidung des Tages, immer richtig. »Die meisten Abseitsentscheidungen waren berechtigt. Wolfsburg spielt sehr hoch, so wie wir es die ganze Saison praktizieren«, erklärte Tony Jantschke die zahlreichen Abseitsstellungen.
Als Patrick Herrmann dann jedoch wieder einmal mustergültig Marco Reus in Szene setzte und die Fahne des Assistenten endlich unten blieb, hatte der knapp 5.000 Mann starke Gladbacher Anhang schon den Torschrei auf den Lippen. Frei vor dem Wolfsburgs Keeper Benaglio hatte Reus schließlich die Qual der Wahl. Ablegen auf den mitgelaufenen Sturmpartner Mike Hanke, oder den Ball cool in die lange Ecke schieben. Doch Reus vergab leichtfertig und misslungener Abschluss landete neben dem Wolfsburger Tor. »Ich habe gedacht, dass ich den rein mache, aber ich hätte abspielen müssen. Dann macht Mike das Ding. Habe ich nicht gemacht, sondern zur Eckfahne geschossen. Das tut mir leid für die Mannschaft«, ging der Shootingstar hart mit sich selbst ins Gericht. Max Eberl sah die vergebene Chance weniger dramatisch. »Marco ärgert sich am meisten über die vergebene Chance. Er soll sich den Grell für die nächsten Wochen aufheben«.
Trotz der starken zweiten Hälfte der Wolfsburger, die laut ihrem Trainer Felix Magath noch in der Halbzeit zu viel Respekt vor den Gästen zeigten, wäre am Ende der dritte Rückrundensieg in Folge möglich gewesen. Deshalb überwog beim verhinderten Matchwinner Hanke am Ende die Enttäuschung. »Es war ein ausgeglichenes Spiel, aber wir wollten gewinnen. Von daher ist das Ergebnis am Ende etwas enttäuschend«.
Dass intern vielleicht doch bereits höhere Ziele angepeilt werden, zeigt auch Hankes Reaktion im Sky-Interview unmittelbar nach Abpfiff, als er sich zur Einschätzung des Unentschieden erst einmal nach dem Ergebnis der Schalker erkundigte. Sportdirektor Max Eberl wertete das neue Selbstbewusstsein der Mannschaft jedoch keinesfalls als einen verfrühten Höhenflug. »Dass die Mannschaft sich ärgert weil sie weiß hier wäre mehr drin gewesen, das ist legitim«.