Dienstag, 24. Januar 2012 - 18:15 Uhr
TF: Mit dem 3:1 gegen die Bayern ist Euch ein toller Start in die Rückrunde gelungen. Ihr scheint den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen …
Martin Stranzl: Warum auch nicht? Die Vorrunde war ja kein Zufall.
TF: Als Du letztes Jahr im Winter zur Mannschaft dazu gestoßen bist, dürfte die Stimmung eine ganz andere gewesen sein. Wie hast Du Dein turbulentes erstes Jahr bei der Borussia erlebt?
Martin Stranzl: Ich war schon im Trainingslager im letzten Jahr fest davon überzeugt, dass wir es schaffen. Damals habe ich allerdings noch geglaubt, mit 31 oder 32 Punkten die Klasse zu halten. Dass wir am Ende 36 brauchten, um in die Relegation zu kommen, war Wahnsinn. Dann gewinnst du in letzter Sekunde zuhause und das Stadion bricht fast zusammen. In Bochum das Gleiche. Das war einfach nur überragend! Inzwischen ist Bochum abgerutscht und wir starten durch nach oben. So etwas kann man rationell eigentlich nicht erklären, das gibt es eben nur im Fußball.
TF: Gibt es für Dich trotzdem eine Erklärung dafür, dass ihr auf einmal so erfolgreich spielt?
Martin Stranzl: Mir gefällt, dass wir guten Fußball spielen. Unser Spiel ist nicht auf langen Bällen oder auf Zufall aufgebaut. Es war keine Partie dabei, in der wir chancenlos waren und es ist eine deutliche Entwicklung in Bezug auf System und Spielaufbau zu erkennen. Sich das so zu erarbeiten, das habe ich noch bei keinem Trainer in dieser Form erlebt.
TF: Über den Trainer wird derzeit viel spekuliert. Glaubst Du, Lucien Favre fürchtet nach dem bevorstehenden Abgang von Reus und Neustädter eine Wiederholung des Niedergangs mit Hertha?
Martin Stranzl: Ich glaube nicht, dass er Angst davor hat, dass hier was auseinanderbricht. Es ist natürlich immer schwierig für einen Trainer, wenn Leistungsträger weggehen, zumal eine intakte Mannschaft da ist mit der er etwas aufgebaut hat. Aber er wird seine Arbeit weitermachen. Es ist für den Trainer auch eine reizvolle Aufgabe, neue Spieler so zu formen, dass es wieder passt.
TF: Dass Marco Reus im Sommer geht, hat uns nicht überrascht. Schon eher der Abgang von Roman Neustädter. Ist er nur dem Ruf des großen Geldes gefolgt?
Martin Stranzl: Das kann ich nicht beurteilen, da ich die Angebote nicht kenne und bei den Gesprächen mit den Vereinen nicht dabei war. Jeder muss seine eigenen Entscheidungen treffen. Er wird sicherlich auch wissen, welchen sportlichen Stellenwert er hier genießt und dass er hier einen super Trainer hat, der ihm viel Selbstvertrauen gibt. Deshalb ist es für viele schwer, seine Entscheidung sportlich nachzuvollziehen. Jeder Spieler weiß selbst am besten, was gut für ihn ist. Ob es am Ende richtig war, werden wir später sehen.
TF: Und beim Reus-Transfer werden über 17 Millionen Euro bewegt. Ist das nicht Wahnsinn?
Martin Stranzl: Es ist schon eine gewaltige Summe, aber da kann ja der Spieler nichts für. Für Gladbach ist es jedenfalls Super-Geld.
TF: Du selbst giltst als Führungsspieler, der auf dem Platz lautstarke Kommandos gibt. Einige Außenstehende bezeichnen Dich sogar als heimlichen Mannschaftskapitän. Welche Rolle würdest Du Dir selbst zuteilen?
Martin Stranzl: Als heimlichen Kapitän würde ich mich nicht bezeichnen. Wir haben eine gute Aufgabenteilung zwischen Filip, Dante und mir. Wenn man erfolgreich sein will, braucht man drei, vier Spieler die das Ruder in die Hand nehmen und die Ansagen machen. Das ist notwendig, um die Grüppchenbildungen, die es nun mal in jeder Mannschaft gibt, aufzufangen.
TF: Wird man als Führungsspieler geboren?
Martin Stranzl: Nein, diese Rolle muss man erst lernen. Du kannst nicht von Anfang an ein Leader sein, da muss man reinwachsen. Matthias Sammer würde Euch das bestätigen. Als ich unter ihm als Trainer bei Stuttgart gespielt habe, war ich in keiner Weise so weit wie jetzt. Für einen jungen Spieler ist es unheimlich schwer, sich gleichzeitig auf Fußball und eine Führungsrolle zu konzentrieren. Das kostet nämlich Substanz, was letztendlich zu Fehlern führt.
TF: Allerdings hat man mittlerweile immer mehr den Eindruck, dass junge Spieler sich selbst schon früh in einer solchen Rolle sehen und sich dementsprechend zeitig zu einer höheren Aufgabe in einem großen Verein berufen fühlen. Überschätzen sich heutzutage viele Nachwuchstalente?
Martin Stranzl: Früher hat man ein, zwei junge Spieler eingebaut, um das Gefüge nicht zu schwächen. Heute wird den jungen Spielern mehr Vertrauen entgegen gebracht und durch die Ausbildung in den Nachwuchszentren rücken sie immer stärker in den Fokus. Das führt bei dem einen oder anderen dazu, dass die Selbsteinschätzung ein wenig leidet.
TF: Wie beurteilst Du die Entwicklung in puncto Nachwuchsförderung?
Martin Stranzl: Die fußballerische Ausbildung in den Internaten und Fußballschulen ist ausgezeichnet. Dennoch bleibt meiner Meinung nach etwas die Selbständigkeit auf der Strecke. Sie kriegen ihr Essen, müssen nicht selber waschen, es gibt einen Lehrer für die Hausaufgaben... Selbstständigkeit ist auch ein Stück weit Kreativität und die geht einem auf dem Platz verloren. Wenn man gewisse Dinge nicht außerhalb lernen muss, dann wird das Lernen auf dem Spielfeld auch schwer. Deswegen ist es heutzutage so, dass man gewisse Sachen auf dem Platz drei-, viermal sagen muss.
TF: Was machst Du als gestandener Spieler, wenn junge Spieler überheblich werden?
Martin Stranzl: Das ist mir so noch nicht passiert. Bei mir hat sich zumindest noch keiner getraut eine große Klappe zu haben (grinst). Aber man nimmt sich die Jungs schon mal beiseite oder packt sie im Training etwas härter an. Solange man so etwas anspricht, auch wenn man dabei im Training oder in den Spielen mal einen forscheren Ton anschlägt, dann zeigt es ja nur, dass einem was an dem anderen liegt. Solche Dinge sind wichtig für die Weiterentwicklung. Man muss das nachher nur trennen können und nicht beleidigt sein.
TF: „Hart aber fair“ scheint auch das Motto Deiner Spielweise als Abwehrspieler zu sein. So manchem Zuschauer stockt bei deinen Grätschen wie im Spiel gegen Dortmund oft der Atem. Ist das knappe Timing Deiner Tacklings gewollt oder eher eine Art Berufsrisiko?
Martin Stranzl: Als ich jung war, gab es hin und wieder Zweikämpfe in denen ich zwei, drei Zentimeter zu spät gekommen bin. Da hat es dann auch mal gescheppert. Mittlerweile kann ich es aber ganz gut einschätzen, wann und wie ich in den Zweikampf zu gehen habe. Das ist alles Erfahrungssache. Es schaut zwar teilweise wild aus, auch durch meine Größe, aber bei mir ist es noch nicht vorgekommen, dass ich einen Spieler verletzt oder ein rohes Foul begangen habe.
TF: Ähnlich kompromisslos hast Du bereits im Sommer verkündet, dass Du nach der nächsten Saison Deine Fußballschuhe definitiv an den Nagel hängen wirst und mit Deiner Familie nach Österreich zurückkehrst. Was hat Dich zu diesem ungewöhnlich frühen Zeitpunkt zu dieser Entscheidung bewogen?
Martin Stranzl: Die Zeit in Moskau war für meine Familie nicht leicht. Als mein Sohn zur Welt kam, war die Familie ein halbes Jahr in Österreich und dann wieder ein halbes Jahr in Moskau, weil ich in Russland immer viel unterwegs war. Ich konnte gerade mal die Geburt meines Sohnes miterleben und war dann gleich wieder sechs Wochen von ihm getrennt. Von seinen ersten drei Lebensjahren habe ich lediglich ein halbes Jahr mitbekommen. Das wollte ich bei meiner Tochter nicht noch einmal erleben und habe mich deshalb im letzten Winter für Gladbach entschieden. Im nächsten Sommer kommt mein Sohn in die Schule und das ist für mich der perfekte Zeitpunkt in die Heimat zurückzukehren. Ich bin dann fast siebzehn Jahre weg von Zuhause. Das ist eine lange Zeit und ich sehne mich wieder nach einem etwas ruhigeren Leben abseits der Großstädte.
TF: Trotzdem bist Du dann erst 33 Jahre alt und immer noch im besten Fußballeralter. Hast Du nicht die Sorge, dass du diesen endgültigen Schritt zu einem solch frühen Zeitpunkt bereuen könntest?
Martin Stranzl: Den richtigen Zeitpunkt aufzuhören gibt es eigentlich nicht. Natürlich bin ich noch fit, das zeigen auch meine Werte. Für mich ist es aber wichtiger aufzuhören, wenn es noch gut läuft. Bevor eine Verletzung meine Karriere beendet oder ich ein paar Jahre nur noch als Randfigur agiere, höre ich lieber etwas früher auf. Momentan ist zwar alles sehr gut, aber wer weiß schon, was in einem Jahr passiert?
TF: Welche Pläne verfolgst Du für die Zeit nach Deiner aktiven Laufbahn? Siehst Du Deine Zukunft auch weiterhin im Fußball?
Martin Stranzl: Ich muss sehen, ob es im Fußball etwas Entsprechendes für mich gibt. Einen Job als Trainer konnte ich mir früher nie vorstellen, da ich so viele Spieler-Charaktere erlebt habe, mit denen ich nicht unbedingt gerne zusammenarbeiten würde. Mittlerweile sehe ich das etwas anders. Ich plane daheim die Trainer-Lizenz zu machen. Es wird sich zeigen, was daraus wird.
TF: Würdest Du vielleicht Deine aktive Zeit doch noch verlängern, wenn Borussia künftig international spielt?
Martin Stranzl: Nein, die Entscheidung steht. Um mich geht es in keiner Weise. Ich werde mein Bestes dazu beitragen, dass wir es hinkriegen. Und wenn es gelingt, hätte ich in dem Fall meine Aufgabe hier in Mönchengladbach gewissermaßen erfüllt.