Samstag, 21. Januar 2012 - 13:37 Uhr

Es war eine große Bühne, auf der sich Borussia Mönchengladbach zum Rückrundenauftakt präsentieren durfte. Die Bayern zu Gast, Liveübertragung im Free-TV und in 200 Ländern. Und das als Überraschungsteam der Saison, das in der Winterpause die Nachricht vom bevorstehenden Abgang des zum Superstar gehypten Marco Reus zu verkraften hatte.
Nicht wenige prophezeiten, die Gladbacher würden dem Druck der äußeren Begleitumstände nicht gewachsen sein und gegen die Bayern einbrechen. Doch weit gefehlt. Die eigentlich verpönte Phrase, man ‚denke nur von Spiel zu Spiel‘, entpuppte sich auch im Duell gegen den Rekordmeister als Schlüssel zum Erfolg. Lucien Favre schaffte es zum wiederholten Mal, seine Mannen voll und ganz auf Spiel und Gegner zu fokussieren. Dass die Gladbacher Spielweise dabei so gar nicht der Philosophie des Schweizers entsprach, war gewollt.
»Du musst defensiv eine Topleistung bringen, sonst hast du gegen Bayern keine Chance«, erklärte der 54-Jährige. »Und wir haben sehr, sehr gut verteidigt«.
Dass die Bayern das spielbestimmende Team waren und die Borussen nur reagierten, nahm Favre in Kauf. »Es ist schwer, gegen Bayern anders zu spielen«, sagte er mit fast um Entschuldigung bittendem Augenaufschlag.
Seine Spieler jedenfalls folgten den Vorgaben ihres Trainers geschlossen. »Wir haben genau das umgesetzt, was wir uns vorgenommen hatten«, bestätigte Roel Brouwers, der den gesperrten Dante mit einer schon beängstigenden Selbstverständlichkeit tadellos vertrat. »Jeder hat mitgearbeitet«, hob der Niederländer die Teamleistung heraus. »Taktisch haben wir sehr klug gespielt«, ergänzte Mike Hanke, der bis zur Erschöpfung ackerte.
Dass das Duell der alten Rivalen für die Fohlen einen solch optimalen Verlauf nahm, hatte natürlich auch ein wenig mit Glück zu tun. Oder besser gesagt mit Manuel Neuer, der wie schon im Hinspiel entscheidend am Führungstreffer beteiligt war. Diesmal spielte der Nationaltorwart den Ball fahrig in die Füße von Marco Reus, der dieses Geschenk zum frühen 1:0 nutzte.
»Dieser Fehler hat der Borussia in die Karten gespielt«, sagte Bayern Coach Jupp Heynckes. »Danach konnten sie sich noch mehr auf ihr Spiel konzentrieren: gut verteidigen und exzellent auf Konter spielen«.
Bayern hatte deutlich mehr Ballbesitz (67%), blieb aber bis auf wenige Ausnahmen in den Aktionen zu statisch. Ein wenig verwunderlich war es schon, dass die beste deutsche Mannschaft gegen die aufmerksamen und sich fleißig verschiebenden Gladbacher so wenig Kreativität entwickelte. Arjen Robben wurde – wie schon gewohnt gegen Borussia – komplett aus dem Spiel genommen und so war niemand in der Lage, eine überraschende Einzelaktion zu starten. Dass Jupp Heynckes anschließend monierte, dass zu wenig über die Flügel gespielt wurde, obwohl seine Mannschaft 43 Flanken schlug (Gladbach gerade mal 7), deutet auf eine gewisse Hilflosigkeit der Bayern hin.
Diese zeigte sich besonders in der 41. Minute, als Robben sich an der Mittellinie von Daems und Arango den Ball abluchsen ließ und Schiedsrichter Kinhöfer auf die anschließende Flugeinlage des Niederländers nicht hereinfiel. Arango schaltete blitzschnell und Hanke spielte schließlich einen wunderbaren Pass auf Herrmann, der nervenstark gegen Neuer bestand. Ein erstklassiges Kontertor und »der Knackpunkt des Spiels«, wie Heynckes bekannte.
Die Bayern mussten nach der Pause mehr Risiko nehmen, ohne allerdings vollends auf zu machen. Die Borussen ließen sich auf diese Konstellation ein und warteten auf den entscheidenden Konter. »In der Halbzeit habe ich gesagt, wir müssen das 3:0 machen um zu gewinnen«, sagte Lucien Favre. Und seine Spieler folgten ihm auch diesmal. In Person von Arango, der Reus schickte. Und der wiederum mit einem herrlichen Zuspiel den genau im richtigen Moment gestarteten Herrmann bediente, der Neuer aus spitzem Winkel erneut bezwang. Ein Kontertor der Kategorie „Weltklasse“.
Welche Fortschritte die Borussen unter Lucien Favre gemacht haben, zeigte sich nach dem Anschlusstor der Münchener. Unbeirrt verteidigten die Gladbacher weiter und selbst leichte Wackler führten nicht dazu, dass das Gesamtgebilde ins Wanken geriet. So blieben die Bayern trotz ihrer Anhäufung von Topstars am Ende fast chancenlos gegen die nun mit 12 Gegentoren beste Abwehr der Bundesliga.
»Es ist sehr schwer, gegen uns zu spielen«, sagte Lucien Favre nicht ohne gewissen Stolz in der Stimme. »Auch für Bayern München«.
Doch Favre wäre nicht Favre, wenn er nicht sofort auf die Haare in der so wohlschmeckenden Suppe hinweisen würde. »Eine Spitzenmannschaft braucht unbedingt mehr Ballbesitz«, sagte er. Dass seine Mannschaft vor allem im zweiten Durchgang die Bälle fast ausnahmslos lang nach vorne spielte, dort kaum sichern konnte und sich prompt dem nächsten Angriff der Münchener ausgesetzt sah, ließ Favre wohl nur gegen diesen Gegner durchgehen. »Bayern ist ein ganz spezielles Spiel. Es ist anders als gegen die anderen«.
Da muss ein Trainer seine Mannschaft auch schon mal mit einer Marschroute entgegen der eigenen Prinzipien auf den Platz schicken. Wenn es so gut klappt wie beim erneuten Coup gegen die Bayern, kann auch Lucien Favre damit leben. »Das ist so«, sagte er. »Manchmal«.