Freitag, 13. Januar 2012 - 14:56 Uhr
TF: Kann man bei einem Verein wie Borussia als Manager überhaupt gewinnen oder steht man in der jetzigen Situation immer als der Dumme da?
Max Eberl: Nein, ich sehe mich nicht als der Dumme. Ich versuche meine Arbeit bestmöglich zu machen und glaube nicht, dass der Manager eines Vereins als Gewinner oder Verlierer dastehen kann. Es kommt darauf an, ob er gute oder schlechte Arbeit macht.
TF: Wie erleben Sie persönlich die derzeitige Berichterstattung rund um Borussia Mönchengladbach?
Max Eberl: Die öffentliche Kritik scheint ein Teil des Spiels zu sein. Es gibt immer Erklärungen, die man hören will oder eben nicht. Solange man es sich selbst erklären kann, muss oder kann ich mit dieser Wahrnehmung leben. Es sollte allerdings alles bei Fakten bleiben, nicht so wie in diesem Spiegel-Artikel, der sich nur auf Hirngespinste und Spekulationen beruft.
TF: Macht es denn überhaupt noch Spaß, wenn Spieler, die Sie selbst hervorgebracht haben, nach so kurzer Zeit den Verein wieder verlassen?
Max Eberl: Ich habe bei der Entwicklung, die ein Marco Reus bei uns genommen hat, damit gerechnet. Mich trifft das nicht völlig überraschend. Ich kann seine Entscheidung als Sportler akzeptieren und verstehen. Wenn ich an 2009 denke, da haben wir Marko Marin und Alexander Baumjohann abgegeben und damals gab es den gleichen Aufschrei. Als wir dann einen Marco Reus und Roman Neustädter holten, haben viele gezweifelt, dass diese beiden Nobodys das auffangen können. In diesem Zusammenhang dürfen wir nicht vergessen, dass uns die jetzigen Abgänge fast das doppelte Geld eingebracht haben. Jetzt gilt es - und dies ist dabei die Schwierigkeit - das Geld sinnvoll zu investieren, um dich nachhaltig auf die nächste Stufe zu bringen. Wir müssen das Treppensystem weiter gehen.
TF: Nach der Euphorie der Hinrunde, haben die Wechsel von Reus und Neustädter für eine Art Schockzustand gesorgt. War es für Sie richtig, die Wechsel so kurz vor dem Start ins Trainingslager und die Vorbereitung für die Rückrunde bekanntzugeben?
Max Eberl: Im ersten Moment habe ich schon gedacht, warum jetzt? Aber für eine solche Nachricht gibt es eben keinen richtigen Zeitpunkt. Es wäre immer eingeschlagen wie eine Bombe und so haben wir einen Eiertanz mit den Medien vermieden. Man kann eine solche Meldung auch deshalb schwer zurückhalten, weil ein Verein wie Dortmund natürlich eine solch positive Nachricht schnellstmöglich öffentlich machen will.
TF: Sind Sie von den Dortmunder Verantwortlichen über die Verhandlungen mit Marco Reus informiert worden?
Max Eberl: Nein, mit uns hat kein Verein über mögliche Verhandlungen gesprochen, aber ich stand mit Marcos Berater in sehr engem Kontakt und wusste über die jeweiligen Sachverhalte Bescheid. Ich bin kein Fußballromantiker, sondern Realist. Das Geschäft ist so wie es ist und somit ist eben jeder auf seinen Vorteil bedacht.
TF: Haben die Abgänge von beiden einen negativen Einfluss auf Lucien Favre?
Max Eberl: Ich habe Lucien Favre als einen Trainer kennengelernt, der hier etwas aufbauen möchte. Nicht umsonst wollte er vor einem Jahr einen Vertrag über zweieinhalb Jahre bei uns unterschreiben. Er möchte mit dem Verein etwas aufbauen. Wir haben durch den Klassenerhalt zwei Jahre gewonnen und stehen durch den sportlichen Erfolg so gut da, wie lange nicht. Da wäre es doch Wahnsinn zu sagen, er will es jetzt nicht mehr.
TF: Könnte seine Berliner Vergangenheit und die Angst vor einem Rückschlag in der nächsten Saison, ihn nicht vielleicht doch ins Grübeln bringen?
Max Eberl: Das Spieler den Verein verlassen, hat es immer schon gegeben. In den glorreichen 70er Jahren war das nicht anders. Selbst der BvB musste den Ur-Dortmunder Nuri Sahin im Sommer trotz der Deutschen Meisterschaft ziehen lassen.
TF: Wir hatten aber auch schon im letzten Sommer nicht den Eindruck, dass der Trainer sich für Neuzugänge wie Rupp, Zimmermann und Otsu begeistern konnte…
Max Eberl: …ich hole keinen Spieler, den der Trainer nicht will! Als Sportdirektor würde ich nie einem Trainer 20 Spieler vor die Nase setzen und ihm sagen: „Mach was draus!“
TF: Mit 17 Millionen lassen sich im kommenden Sommer natürlich nicht nur Perspektivspieler verpflichten. Welche Kriterien verfolgt der Verein bei der Suche nach gleichwertigem Ersatz für Neustädter und Reus?
Max Eberl: Unsere Philosophie sollte in der Mischung liegen. Wir setzen auch weiterhin auf junge Spieler, aber für den nächsten Schritt sind jetzt eben auch gestandene Spieler notwendig, die ihre Qualität bereits unter Beweis gestellt haben, über einen entsprechenden Namen verfügen und uns sofort verstärken. Es ist allerdings gefährlich, viel auf die Schultern eines Einzelnen zu legen, da dadurch das Mannschafts- und Gehaltsgefüge ins Wanken gerät. Wir haben eine gewachsene Mannschaft, die ihre Stars wie einen Dante oder einen Marc-André ter Stegen selbst produziert.
TF: Sind Spieler der Kategorie wie Petric und Cacau, die momentan in den Medien gehandelt werden, die Art von möglichen Kandidaten, die diesen Kriterien entsprechen?
Max Eberl: Wenn ich Stufe für Stufe gehen und mich nachhaltig unter den Top 8 der Bundesliga etablieren will, dann ist das mit Qualität verbunden. Man muss über solche Spieler, die im Sommer auf dem Markt sind, natürlich nachdenken. Auch wenn das jetzt nicht bedeuten soll, dass wir uns aktiv mit diesen Namen beschäftigen.
TF: Noch vor wenigen Monaten bestand Ihre Hauptaufgabe fast ausschließlich darin, mit wenig Geld möglichst junge und entwicklungsfähige Spieler zu verpflichten. Spüren Sie mit 17 Millionen im Rücken einen neuen Druck seitens der Fans und des Trainers?
Max Eberl: Der Druck ist da, aber solch wichtige Entscheidungen treffen wir bei Borussia Mönchengladbach im Team und das besteht nicht nur aus Max Eberl. 17 Millionen im Portemonnaie sind auch kein Selbstläufer. Das ist nicht wie bei FIFA auf der Playstation – im wirklichen Leben haben wir es mit Menschen zu tun. Und die Konkurrenz aus Stuttgart und Hamburg schläft nicht. Aber selbst die haben es mit deutlich mehr Geld bisher nicht geschafft, sich nachhaltig oben festzusetzen.
TF: Kommt der von Ihnen angesprochene nächste Schritt in Form des Erreichens eines europäischen Wettbewerbs vielleicht zu früh?
Max Eberl: Wenn man einen großen Schritt macht, steht man nicht mehr so stabil. Deshalb ist es wichtig, dass wir auf einem guten Fundament stehen. Der Klub hat sich die historische Möglichkeit erarbeitet, sich nach vielen Jahren wieder für Europa zu qualifizieren und wir wären dumm, wenn wir nicht alles dafür täten, diese Chance zu nutzen.
TF: Wie groß ist die Gefahr, dass durch die Unruhen der letzten Tage, diese historische Chance verpasst wird?
Max Eberl: Es wäre mein größter Albtraum, sollten wir uns das, was wir uns so mühsam erarbeitet haben, kaputt machen lassen. Es geht hier immer noch um den Verein und nicht um Einzelschicksale.
TF: Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang die Fans, die vor allem bei Facebook und in diversen Internet-Foren ihrem Unmut über die Entscheidungen von Reus und Neustädter freien Lauf lassen?
Max Eberl: Hätten wir im letzten Jahr alles an uns herangelassen, was bei Facebook und in Internet-Foren geschrieben wurde, dann wären wir jetzt nicht mehr hier. Bisher wurden beide Spieler bis zur Bekanntgabe ihrer Entscheidungen immer positiv wahrgenommen und unterstützt. Bei aller Enttäuschung der Fans, könnte ich es nicht verstehen, wenn sich dies von nun an ändern sollte. Noch einmal, es geht hier für den Verein um die Chance, etwas Großes zu erreichen. Deshalb sollte der Verein unterstützt und nicht einzelne Spieler kaputtgemacht werden. Der Verein macht die Spieler, nicht die Spieler den Verein!
TF: Am besten schießen Neustädter und Reus mit ihren Treffern die Bayern mit 2:0 aus dem Borussia Park, aber dann heißt es wohl „wie kann der Eberl diese Spieler gehen lassen“…
Max Eberl: … das würde ich gerne auf mich nehmen. Da schließt sich dann der Kreis mit Eurer ersten Frage „Kann man als Manager ein Gewinner sein?“.