Donnerstag, 22. Dezember 2011 - 10:25 Uhr
So sehen Sieger aus? Ja klar, die Spieler von Borussia Mönchengladbach feierten auf dem Rasen den Einzug ins Viertelfinale des DFB-Pokals ausgiebig mit den Fans. Beide Seiten bedankten sich gegenseitig für ein unglaubliches Jahr. Doch der Baumeister des Erfolgs, Lucien Favre, hatte auch in diesen Momenten nur eins im Kopf: Fußball.
»Das war katastrophal, eine große Enttäuschung für mich«, sprach der Schweizer aus, was so gar nicht in den allgemeinen Jubel nach dem 3:1-Erfolg über Schalke 04 passen wollte. Favre bezog sich auf das Verhalten seiner Mannen nach dem 2:0, als in Überzahl das Spiel leichtfertig fast noch hergegeben wurde. »Fällt in der Phase das 2:2, dann kann sowas deine Hinrunde kaputt machen«.
Es ist gutgegangen, doch nicht nur Lucien Favre hatte erkannt, dass es nochmal eine verdammt knappe Sache war. »Aufgrund der ersten Halbzeit haben wir verdient gewonnen«, resümierte Martin Stranzl. »Aber ich weiß nicht, was nach dem 2:0 los war. Da waren wir zu passiv«.
Zu diesem Zeitpunkt schien das Pokalspiel unerwartet früh gelaufen zu sein. Juan Arango hatte den VfL in der ersten Halbzeit mit einem abgezockten Schuss verdient in Führung gebracht. »Vor der Pause war es gut, vor allem taktisch und in der Balleroberung«, lobte Lucien Favre. »Danach war es sehr speziell«.
Nach der Gelb-Roten Karte für Schalkes Huntelaar (aus der Kategorie „Oberdämlich“) hatten die Borussen ein paar Probleme, sich auf das Überzahlspiel einzustellen. Da Schalke allerdings kaum ein Aufbäumen zeigte, mutete das 2:0 durch Marco Reus wie die Entscheidung an.
»Das 2:0 kam überraschend für uns alle auf der Bank«, sagte Favre mit Blick auf die Entstehung, aber auch den Zeitpunkt des Treffers. Im Anschluss daran ließen es die Gladbacher zunächst arg lässig angehen und gerieten dann in Probleme gegen die plötzlich fightenden Schalker.
»Wir haben uns da ein bisschen einlullen lassen«, sagte Mike Hanke. »Die Konzentration ging total verloren und nach dem Anschlusstor war es sehr gefährlich«, ärgerte sich Lucien Favre. »Wir haben alle gelitten«.
Auch weil Marc-André ter Stegen vor dem Schalker Treffer patzte. »War mein Fehler, das darf mir nicht passieren«, zeigte sich der Keeper selbstkritisch. »Ich sehe den Ball zwar spät, aber ich muss ihn halten. Ich habe nicht viel drauf bekommen – vielleicht war das das Problem«.
Am Ende reichte es zum Weiterkommen, weil sich die Mannschaft in der Schlussphase nochmal zusammenriss und schließlich Marco Reus mit seinem zweiten Treffer dem Titelverteidiger den Knockout besorgte.
Ausgerechnet Reus, werden sich die Schalker sagen, die vergeblich mit allen Mitteln versucht hatten, den Nationalspieler zu stoppen. Vorne weg ‚Bad-Boy‘ Jermaine Jones, dem Beobachter in Gelsenkirchen eigentlich eine positive Entwicklung bescheinigen. Doch dieses Spiel war ein Rückfall in schlimmste ‚Proll-Zeiten‘. Hinterhältig lief Jones in einer Spielunterbrechung um Marco Reus herum und trat ihm auf den gebrochenen Zeh.
»Was soll ich dazu sagen?«, erklärte Marco Reus später. »Alle haben es gesehen, nur der Schiri nicht. Ich könnte da so viel zu sagen, aber das will ich nicht. Ich habe mich auf das Spiel konzentriert im Gegensatz zu den Schalkern, die mehr mit Meckern beschäftigt waren. Ich freue mich jetzt einfach riesig über den Sieg«.
Und das zurecht, denn Borussia Mönchengladbach steht im Viertelfinale des DFB-Pokals und darf dort schon mal Berliner Luft schnuppern. »Wir hätten gerne zuhause gespielt, aber es ist kein Wunschkonzert«, sagte Sportdirektor Max Eberl nach der Auslosung. Dass Hertha jedoch kein ‚Katastrophenlos‘ ist, darüber waren sich alle einig.
Bis zum Viertelfinale im Februar ist es noch etwas hin. Zunächst geht es in die kurze Winterpause. »Ich bin froh, dass jetzt Urlaub ist«, sagte Tony Jantschke stellvertretend für seine Kollegen, die sämtlich ‚platt‘ wirkten.
»Es ist Wahnsinn, was wir in diesem Jahr geleistet haben«, blickte Martin Stranzl auf bewegende Monate zurück. »Dieses Jahr ist für Borussia Mönchengladbach ein Jahr, was reif ist, darüber ein Buch zu schreiben. Ein Jahr, was unvergesslich bleibt«, sagte Max Eberl mit gewissem Stolz.
Und ein wenig klang es wie eine Drohung, als Martin Stranzl anfügte: »Wir sind noch nicht am Ende. Noch sind wir nicht da, wo wir hinwollen«.
Derweil sah sich Lucien Favre unzähligen Lobeshymnen ausgesetzt. Dass Bundestrainer Jogi Löw ihn zum Trainer des Jahres erkor, nahm er zur Kenntnis. »Danke schön, ich akzeptiere«, sagte Favre. »Er hat Recht«. Und während um ihn herum die Journalistenschar lachte, weil sie die Bemerkung als Scherz einstufte, schwieg der Schweizer freundlich lächelnd. Von wegen Scherz. Er weiß, dass es so ist, aber er geht damit nicht Hausieren.
Genauso wenig ließ er sich zu einer Kampfansage für die Rückrunde hinreißen. »Wir haben schon enorm viel geschafft. Das Wunder findet statt und es geht weiter«, sagte er lediglich. Der Frage nach der Spitzenmannschaft wich er wie gewohnt aus. »Wir sind eine Überraschungsmannschaft. Wir sind solide, wird sind da, können gut Fußball spielen und es ist schwer, gegen uns zu spielen. Aber wir dürfen nicht träumen. Es ist schon mehr als ein Wunder ...«.
»Es gibt keinen Grund, etwas zu ändern. Wir werden weiter machen und nur von Spiel zu Spiel schauen«, sagte er. »Der nächste Gegner ist Bayern, das sagt doch alles. Und danach gibt es zwei schwere Auswärtsspiele. Wir gehen alles Schritt für Schritt an«.
Doch zunächst geht es in den Weihnachtsurlaub. »Darüber bin ich froh«, atmete Favre zu später Stunde in den Katakomben des Borussia-Parks durch. Der Akku muss aufgeladen werden – bei Trainer, Spielern aber auch den Fans. Denn solch ein fantastisches Jahr geht an niemandem spurlos vorbei ...