Dienstag, 06. Dezember 2011 - 15:32 Uhr

TF: In den letzten Wochen und Tagen gerät der Fußball bzw. die aktive Fan-Szene immer mehr in Verruf. Wie erlebt ihr als Fanprojekt-Mitarbeiter die momentane Diskussion über Pyrotechnik und Gewalt im Fußball?
Neumann: Natürlich bestimmt diese Diskussion auch unseren Arbeitsalltag im Fanprojekt. Ich bin aber der Überzeugung, dass es in Gladbach bei weitem nicht so schlimm ist und nie so schlimm sein wird wie anderswo in Deutschland. Allgemein betrachtet ist Fußball eben auch nur ein Spiegelbild der Gesellschaft und Gewalt gibt es in allen Bereichen. Allerdings muss man z.B. beim Stichwort „U-Bahn Schläger“ feststellen, dass die Schwelle zur Gewalt in unserer Gesellschaft enorm gesunken zu sein scheint, was wiederum von den Boulevard-Medien dankbar ausgeschlachtet wird.
Hülsen: Ich glaube auch, dass tatsächlich viel weniger passiert als in der Vergangenheit. Wenn man sich bei den Älteren der Szene umhört, klingt immer wieder an, wie heftig es damals noch zur Sache ging und das Auswärtsfahrten fast immer mit gewalttätigen Auseinandersetzungen verbunden waren. Es hängt also einerseits mit der verstärkten medialen Betrachtung und andererseits mit der massiven Polizeipräsenz rund um Fußballspiele zusammen. Denn erst durch das gewaltige Polizeiaufgebot können heutzutage Straftaten aufgedeckt werden, die früher schlichtweg niemand mitbekommen hat.
Dresden als Sinnbild der Frankfurter Daily-Soap
TF: Welche Rolle spielt eurer Meinung nach die Außendarstellung des DFBs in der Entwicklung der öffentlichen Diskussion?
Neumann: Ich sehe das so, dass der DFB in den letzten Monaten relativ kopflos agiert. Im Sommer ein Gesprächsangebot zu unterbreiten, um über die Möglichkeit der Legalisierung von Pyrotechnik zu verhandeln und dabei aber keinen echten Fan-Vertreter miteinzubeziehen, wirkt auf mich wie gewollt und nicht gekonnt. Die gesamte Kommunikation des DFBs findet momentan statt, ohne auch mal Rücksprache mit der Basis in Form von uns Fan-Vertretern zu nehmen. Es wird von Verbandsseite viel zu viel übereinander statt miteinander geredet. Was da in Frankfurt läuft, ist Daily-Soap vom Allerfeinsten.
Hülsen: Mit dem Leugnen der Gespräche um eine Legalisierung von Pyrotechnik, hat sich der DFB ordentlich verkalkuliert, spätestens als die Beweis-Protokolle aufgetaucht sind. Da kommen die aktuellen Geschehnisse natürlich gelegen um Pyrotechnik und Gewalt miteinander in Verbindung zu bringen und die Debatte so zu emotionalisieren.
TF: Passt in diesem Zusammenhang der Ausschluss von Dynamo Dresden aus dem Pokal ins Bild? Mit dieser Maßnahme dürfte ja nun die Messlatte für die Beurteilung von zukünftigen Ausschreitungen ziemlich hoch liegen …
Hülsen: Ja, die Vorfälle rund um Dresden und Rostock sind Dinge, die man meiner Meinung nach nicht mit der Gesamtdebatte in einen Topf werfen darf. Gerade bei den Ostvereinen ist die Problematik viel komplexer. Da können z.B. auch die Umstände wie Arbeits- und damit verbundene Perspektivlosigkeit eine Rolle spielen. Es ist ja auch nicht so, als würde der Verein tatenlos zusehen.
Neumann: Das ist ein absoluter Nackenschlag für Dynamo. Einen Traditionsverein wie Dresden aus dem Pokal ausschließen und ihm somit die wichtigen Einnahmen zu verwehren, die eben auch für die Fan-Arbeit dringend benötigt werden, ist kontraproduktiv. Hätte man sich mit den Vertretern aus der Fan-Szene zusammengesetzt, wäre es sicher nicht zu so einem Urteil gekommen. Man wollte einfach ein Exempel statuieren und hat sich dabei von der derzeitigen Medienhetze treiben lassen.
»Die Ultra-Kultur ist im Grundsatz etwas positives«
TF: Als Hauptverantwortliche für Ausschreitungen werden fast ausschließlich Fans aus der Ultra-Szene ausgemacht. Wie beurteilt ihr in diesem Zusammenhang die Ultra-Thematik?
Neumann: Es wäre zu einfach, die ganze Problematik nur auf Ultra-Gruppierungen zu beziehen, weil für mich der Eventcharakter mittlerweile auch eine große Rolle spielt. Natürlich fasziniert die lautstarke und emotionale Auslebung der Ultra-Kultur gerade junge Fans. Aber gerade der Eventcharakter des Fußballs seit der WM 2006, zieht viele junge Leute an, die sich vom ganzen Drumherum vielleicht blenden lassen und in diesem Rahmen Dinge tun, deren Konsequenz sie sich gar nicht wirklich bewusst sind.
Hülsen: Man sollte im Rahmen dieser Diskussion nicht vergessen, dass die Ultra-Kultur im Grundansatz auf positiven Eigenschaften beruht, wie z.B. Choreografien, Fahnen und Gesängen. Dass es aufgrund der Selbstwahrnehmung und der damit verbundenen Mentalität zwischen rivalisierenden Ultra-Gruppierungen zu Auseinandersetzungen oder dem Einsatz von Pyrotechnik kommen kann, ist unbestritten. Aber Rivalitäten sind im Fußball nichts Neues! Ich denke, dass ein betrunkener Familienvater auf der Tribüne theoretisch ebenso „gefährlich“ sein kann, wie ein junger Ultra …
Neumann: Das hat man ja vor kurzem beim Spiel zwischen Hansa Rostock und St. Pauli erleben müssen, als sogar ein Großteil der Haupttribüne das Schießen von Leuchtraketen in den Gästeblock mit Standing Ovations bejubelt hat.
TF: Beim Derby zwischen Borussia und dem FC Köln scheint sich dagegen die Lage immer mehr zu entspannen. Wie erklärt ihr euch in diesem Zusammenhang die konträre Entwicklung?
Neumann: Nach den Vorfällen rund um den Fahnenklau vor drei Jahren, hat man sich dazu entschlossen einen „Fan-Dialog“ ins Leben zu rufen, der sich aus aktiven Fans, dem Verein und den Sicherheitsbehörden zusammensetzt. In dieser Zeit ist es in Form von regelmäßigem Austausch gelungen, eine Vertrauensbasis für alle Beteiligten zu schaffen. Die Ergebnisse dieser Arbeit hat man in diesem Jahr gesehen. Während im letzten Jahr vor dem Spiel in Köln noch ein riesiges Polizeiaufgebot am Mönchengladbacher Hauptbahnhof herrschte, konnte man sich dieses Mal fast frei bewegen. Das zeigt, dass die Selbstregulierung unter den Fans - und dazu zählen auch die Ultras - in Mönchengladbach funktioniert.
Hülsen: Der Vorteil an solch einem Dialog besteht für mich auch darin, dass es den Fans möglich ist, zu erklären, welche Situationen zu Ausschreitungen geführt haben. So war es der Polizei wahrscheinlich nicht bewusst, welche Dimensionen der Diebstahl einer Fahne annehmen kann. Genauso wichtig ist es für den Fan, auch einmal konstruktive Kritik an polizeilichen Maßnahmen äußern zu können.
»Pyrotechnik gehört zum Derby dazu«
TF: Sind das Zünden einer Rauchbombe sowie zahlreiche Böller und Bengalos im Rahmen eines Derbys also zu verschmerzen bzw. gehören sie eurer Meinung sogar dazu?
Hülsen: Naja… auf der einen Seite ist Pyrotechnik natürlich etwas Gefährliches, das auch schnell außer Kontrolle geraten kann. Deshalb sind diese Vorkommnisse gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte und den drastischen Maßnahmen des DFBs ein Thema, was man innerhalb der Fan-Szene diskutieren muss. Wenn ich dieses Derby aber in Relation zu den vergangenen Jahren oder zu anderen Vorfällen in letzter Zeit setze, dann sind diese vereinzelten Aktionen viel mehr ein kleiner Wermutstropfen, als ein Skandal.
Neumann: Da stimme ich dir voll und ganz zu, Peppo! Meiner Meinung nach gehört es in gewissem Maße auch einfach zum Derby dazu. Wichtig dabei ist aber - und das ist auch der Standpunkt den wir als Fanprojekt vertreten - dass es weitgehend sicher abläuft …
TF: Kann man in einem prall gefüllten Block mit alkoholisierten Fans überhaupt von „sicher“ sprechen?
Neumann: Sicher heißt, dass Unbeteiligte nicht zu Schaden kommen können und darum sehe ich die Vorfälle in Köln auch kritisch. Denn da hat es teilweise an allen Ecken gebrannt und somit war der Sicherheitsaspekt nicht gewährleistet. Aber wir fahren besser damit, uns nicht an der künstlich aufgebauschten öffentlichen Diskussion zu beteiligen, sondern die Dinge intern anzusprechen und aufzuarbeiten.
Hülsen: Klar ist, eine absolute Sicherheit im Zusammenhang mit Pyrotechnik gibt es nicht! Aber es ist ja nicht so, als würde es von Seiten der Fans keine Initiative geben, eine sichere Lösung für den Umgang mit Pyrotechnik zu finden. Leider hat der DFB es nicht verstanden die große Chance des runden Tisches in der Sommerpause zu nutzen - was die Situation eher verschlimmert hat. In Mönchengladbach hat es jedenfalls nach unserem Kenntnisstand bisher keine Verletzten gegeben, was einen verantwortungsbewussten Umgang unserer Fans mit Pyrotechnik voraussetzt …
Neumann: …. Fakt ist aber auch, dass das Zünden von Pyrotechnik eine Straftat darstellt. Das ist den organisierten Fangruppen zwar bekannt, aber ich sehe dieses Problem vor allem bei jüngeren Trittbettfahrern, die den bereits erwähnten Eventcharakter nutzen und sich ihrer Taten nicht voll bewusst sind.
»Jugendliche profilieren sich durch Zünden von Pyrotechnik«
TF: Aktuell sorgt der Fall eines 17-Jährigen Borussen-Fans für Aufsehen. Der Junge hatte beim Derby vor zwei Jahren Pyrotechnik gezündet und wurde im Zusammenhang mit einer Belohnung vom Verein durch Zeugenhinweise überführt. Nun fordert Borussia rund 20.000 Euro Schadensersatz. Werden solche Maßnahmen der Art und dem Ausmaß einer Tat des damals 15-Jährigen gerecht?
Hülsen: Natürlich lassen wir einen 15-Jährigen nicht ins offene Messer rennen. Deshalb haben wir als Fanprojekt aktiv und intensiv versucht, zwischen dem Verein und dem Jugendlichen zu vermitteln. Borussia hätte auch alles möglich gemacht um diese Angelegenheit anders sozialverträglich zu lösen. Leider hat der Betroffene durch eigenes Fehlverhalten selbst dafür gesorgt, dass die Situation erst derart eskalieren konnte und eine harmonische Lösung nicht mehr möglich war.
Neumann: Dass seitens der Borussia eine Belohnung zur Enttarnung des Täters ausgesetzt wurde, klingt auf den ersten Blick vielleicht hart. Aber nüchtern betrachtet, halte ich diese Maßnahme des Vereins für nachvollziehbar. Wir sehen es hier im Fanhaus nach jedem Spieltag. Ich kann jedes Mal wieder neue Wimpel an die Wand tackern, weil irgendwer sie geklaut hat - ich habe inzwischen den siebten Wasserhahn montiert, weil irgendwer der Meinung ist, ihn vor lauter Freude abzutreten … Da sag ich ganz klipp und klar, dass ich auch jedem dankbar wäre, der mir die Namen der Verursacher nennt. Von daher ist Borussias Verhalten für mich völlig legitim.
TF: Worin besteht gerade für viele junge Fans die Faszination am Anblick oder Zünden von Pyrotechnik?
Neumann: Der Aspekt des Profilierens spielt bei vielen jungen Fans sicherlich eine nicht zu unterschätzende Rolle. Während der Familienvater am Montag auf der Arbeit stolz seinen Arbeitskollegen die Eintrittskarte vom Spiel zeigt, reicht das des Jugendlichen heutzutage nicht mehr. Da kann man vor allem mit Youtube-Videos beeindrucken. Wenn man auf dem Schulhof diese Videos von Pyro-Aktionen zeigt und behaupten kann daran beteiligt gewesen zu sein, hinterlässt das schon Eindruck.
Hülsen: Pyrotechnik hinterlässt nicht nur bei jungen Leuten einen bleibenden Eindruck. Selbst wenn man von einem neutralen Platz im Stadion auf die Kurve schaut, die lauten Gesänge hört und dazu die bengalischen Feuer sieht, dann hat dieser Anblick eine gewisse Magie. Ich würde es mit einem beleuchteten Tannenbaum an Weihnachten vergleichen, der im Zusammenhang mit Weihnachtsliedern eben auch eine emotionale Atmosphäre präsentiert.
Nicht nur reden, sondern handeln
TF: Was macht ihr als Fanprojekt um präventiv solchen Entwicklungen vor allem bei jungen Fans vorzubeugen?
Hülsen: Dazu haben wir unser Jugendzentrum „De Kull“ ins Leben gerufen, das in erster Linie jugendlichen Borussia-Fans als Anlaufstelle dient. In dieser Einrichtung versuchen wir den Jugendlichen gewisse Wertevorstellungen, wie z.B. den Borussen-Kodex zu vermitteln und auch vorzuleben. Weiterhin bieten wir zu Auswärtsspielen U-18 Fahrten an, bei denen die Jungs und Mädels unter Aufsicht und striktem Alkohol- und Nikotin-Verbot, erste Schritte in die aktive Fan-Szene unternehmen können. So bauen wir auch Vertrauen auf. Hinzu kommen noch unsere Bildungsfahrten, bei denen wir z.B. die Konzentrationslager in Ausschwitz und Buchenwald mit den Jugendlichen besuchen und so versuchen aufzuklären.
Neumann: Da habe ich ein gutes Beispiel. Diesen unsäglichen Gesang über den FC Köln, in dem es um Türken, Zigeuner und Juden geht, wird man von den Jugendlichen, die mit uns in den Konzentrationslagern waren, sicher nicht mehr hören. So etwas ist auch ein wichtiger Teil unserer Arbeit.
TF: Jetzt da bald Weihnachten vor der Tür steht, beginnt auch die Zeit der Wünsche. Was würdet ihr euch vom DFB wünschen, um das Verhältnis zwischen Vereinen, Fans und dem Verband zu verbessern?
Hülsen: Ich würde mir wünschen, dass der DFB sich ein Beispiel an uns Fan-Organisationen nimmt und zu einer sachlichen und vor allem internen Diskussion zurückkehrt. Im Moment fehlt, was die Kommunikation angeht, ein Stück weit Professionalität, die wir versuchen vorzuleben.
Neumann: Dem kann ich mich nur anschließen. Man verlangt von uns immer Besonnenheit und die würde ich mir auch vom DFB wünschen. Da muss man als Verband auch mal was aushalten können, ohne direkt mit Kanonen auf Spatzen zu schießen.