Samstag, 26. November 2011 - 12:54 Uhr
Lucien Favre ist alles andere als ein Schreihals. Der Schweizer spricht sehr leise und selbst wenn er Kommandos gibt, sind sie nicht wirklich laut. Wenn der 54-Jährige bei einem Bundesligaspiel etwas aufs Feld ruft, geht das im Getöse im Stadion unter. In der zweiten Halbzeit in Köln war Favre allerdings bis auf die Tribüne zu verstehen. Nicht, weil er Grund hatte, besonders laut zu werden, sondern weil es in Müngersdorf sehr ruhig war.
Beim Stand von 3:0 schwiegen die Kölner Fans oder befanden sich bereits tief frustriert auf dem Weg nach Hause. Und die Gladbacher hatten irgendwann auch nicht mehr so richtig den Elan, die Geißböcke zu verspotten. So krass war der Klassenunterschied an diesem Freitagabend in einem Derby, das bereits frühzeitig entschieden war.
»Nach dem ersten Tor war es ein sehr großer Unterschied zwischen den beiden Mannschaften«, musste Kölns Trainer Ståle Solbakken später eingestehen. Sein Kollege Favre hatte sein Team mit der Ausrichtung ins Spiel geschickt, das Heft des Handelns direkt in die Hand zu nehmen. »Wir wollten auch auswärts sofort ein Pressing machen, hoch bleiben und Köln unter Druck setzen«, erklärte Favre.
»Wir wollten unbedingt in Führung gehen«, so der Schweizer weiter. Und das Vorhaben klappte, auch weil Mike Hanke nach 1037 torlosen Minuten wieder traf. »Ich freue mich für uns und ihn, dass er endlich wieder getroffen hat«, meinte Favre. Hanke selbst spielte, zumindest für die Öffentlichkeit, seine lange Torabstinenz als unbedeutend herunter. »Ich habe mir da eh nie Gedanken gemacht«, behauptete er. »Auch ohne eigenes Tor habe ich gute Spiele gemacht und mir war klar, dass ich irgendwann für meine Arbeit belohnt werde«.
Der Führungstreffer nach zwanzig Minuten verhalf den ohnehin schon überlegenen Borussen zu weiterer Stabilität, die sich in einer erstaunlichen Dominanz ausdrückte. Diese zeigte sich in einer exzellenten Ballsicherheit und einem druckvollen Kurzpassspiel, das sonst nur wirkliche Spitzenteams bieten.
»Gladbach hat ein sehr hohes Balltempo, aber auch die Sicherheit, wenn sie ruhiger spielen müssen«, lobte Ståle Solbakken. »Sie sind in einer sehr guten Verfassung, alle Spieler kennen ihre Rolle. Wir haben gegen die derzeit beste Mannschaft in der Bundesliga verloren«.
Und tatsächlich agierten die Borussen mit der Selbstverständlichkeit einer Spitzenmannschaft. Sicher, souverän, keineswegs am Limit und dennoch hoch überlegen. Als Juan Arango nach einer halben Stunde den Freistoß zum 2:0 ins Eck zirkelte, war das Derby praktisch schon gelaufen.
Während das Selbstvertrauen der Gladbacher weiter wuchs, knickten die Kölner vollends ein. Lukas Podolski darf hier als Paradebeispiel herhalten: Erst ging Prinz Poldi übermotiviert zur Sache, dann tauchte er unmotiviert komplett ab.
Köln rettete sich in die Pause und hätte vielleicht mit einem guten Start in den zweiten Durchgang den geschockten Anhang nochmal hinter sich bringen und sich aufbäumen können. Doch die Borussen machten ihnen wieder einen dicken Strich durch die Rechnung.
»In der Halbzeit habe ich gesagt, die Mannschaft soll auf das 3:0 gehen«, erläuterte Lucien Favre. Und da seine Spieler offenbar gute Zuhörer sind, erledigten sie diese Aufgabe umgehend. »Das haben sie sehr schnell gemacht«, lächelte Favre zufrieden. Mike Hanke schloss einen Konter im Anschluss an eine Kölner Ecke ab und damit war auch der letzte Funken Kölner Hoffnung verglüht.
»Danach war die Partie gelaufen«, sagte Favre, der sich im weiteren Verlauf ob der einen oder anderen, im Überschwang der sicheren Führung, etwas lässigen Aktion grämte. Gut hörbar in der mittlerweile nur noch zur Hälfte gefüllten Kölner Arena.
Am Ende fuhren die Borussen den schon traditionellen Auswärtssieg im rheinischen Derby mit einer wunderbar abgeklärten Vorstellung ein. Kein Hurrafußball, sondern dominanter Klassefußball, der den VfL zumindest vorübergehend an die Tabellenspitze bringt.
»Wir sind keine Spitzenmannschaft«, wiegelte Mike Hanke stellvertretend für die gleichlautenden Äußerungen seiner Kollegen ab. »Dazu muss man über Monate und Jahre konstant oben mitspielen. Die derzeitige Situation ist eine wunderschöne Momentaufnahme, aber wir sind absolut klar im Kopf und lassen uns ganz sicher keinen Sand in die Augen streuen«.
Sein Coach Lucien Favre nimmt die Bodenhaftung seiner Spieler wohlwollend zur Kenntnis. Unter Wert verkaufen will Borussias Trainer die Momentaufnahme allerdings nicht. »Wir haben 29 Punkte nach 14 Spielen. Und diese 29 Punkte sind verdient«.
Und deshalb dürfen sich die Borussen auch verdientermaßen über den klaren Derbysieg und die Topposition in der Bundesliga freuen.