Mittwoch, 09. November 2011 - 08:07 Uhr

TF: Filip, kannst du dich an deinen ersten Strafstoß erinnern?
Filip Daems: Mein erstes Mal, das müsste in der Türkei gewesen sein. Dort habe ich während meiner Zeit bei Gençlerbirliği die Elfmeter geschossen. Sowohl in der Meisterschaft als auch im Europapokal.
TF: Darfst du das Wort ‚Europapokal‘ überhaupt in den Mund nehmen?
Filip Daems: Ich denke nicht, dass wir sagen können oder sollten, unser Ziel sei die Qualifikation für den Europapokal. Im Fußball ist zwar alles möglich, aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Sicherlich träumt man davon, es wäre eine tolle Krönung meiner Karriere, noch einmal international zu spielen. Ich hoffe es, denn solche Partien sind was ganz besonderes, was wirklich außergewöhnliches. Mit dem heutigen Gruppenmodus ist es sowieso lukrativ.
TF: Marco Reus gewinnt die Torjägerkanone oder Borussia spielt nächste Saison international. Was ist realistischer? Worauf würdest du dein Geld setzen?
Filip Daems: Das ist eine schwierige Frage mit einer einfachen Antwort: ich wette nicht. Lasst uns auf dem Boden bleiben.
TF: Ja, ihr wisst wo ihr herkommt, letzte Saison noch Sechzehnter und so weiter und sofort. Es ist aber nicht weg zu diskutieren, dass ihr jetzt schon seit längerem Zeitraum erfolgreich spielt. In der Rangliste des Jahres 2011 steht ihr im oberen Tabellendrittel. Ein klares Zeichen für Konstanz. Seid ihr vielleicht besser als ihr denkt?
Filip Daems: Den Platz, auf dem wir momentan stehen, haben wir uns hart erarbeitet und ist absolut verdient. Bei 'normalem' Verlauf stünden wir sogar noch höher, denn gegen Leverkusen hätten wir gewinnen müssen und in Freiburg zum Beispiel lag mindestens ein Punkt im Bereich des Möglichen. Zählt man die hinzu, stehst du sogar ganz oben.
TF: Habt ihr nicht auch irgendwo Punkte 'gestohlen'? In München etwa?
Filip Daems: Nein, die Bayern erspielten sich doch kaum Chancen gegen uns. Okay, sie hatten mehr Spielanteile und von daher wäre ein Unentschieden vielleicht leistungsgerecht gewesen. Wichtig im bisherigen Verlauf war, dass wir nach der kleinen Negativserie mit einem Punkt aus drei Spielen, wieder die Kurve bekommen haben. Es macht zur Zeit enorm viel Spaß hier Fußball zu spielen, aber über Europapokal wird in unserer Kabine nicht gesprochen.
TF: Dann lass uns wenigstens mal zurückblicken. Du hast ja im letzten Jahrhundert schon UEFA-Cup gespielt.
Filip Daems: Ja, zum ersten Mal mit Lierse SK. In der ersten Runde flogen wir raus gegen den FC Zürich. In der darauffolgenden Saison setzten wir uns in der Qualifikation zur ersten Runde gegen eine Mannschaft aus Litauen durch, bevor wir dann chancenlos waren gegen Girondins de Bordeaux. Im ersten Jahr für Gençlerbirliği war nach Runde eins Halmstad aus Schweden Endstation. Doch in der Saison 2003/2004 schlugen wir namhafte Gegner wie die Blackburn Rovers, Sporting Lissabon und AC Parma. Wir waren die Helden der Türkei, hatten eine richtig gute Mannschaft. Im Achtelfinale beim späteren UEFA-Cup-Sieger Valencia kam das Aus, doch erst in der Verlängerung. Im Hinspiel traf ich zum 1:0-Heimsieg per Foulelfmeter.
TF: Deine Spezialität. Wie ist es dazu gekommen?
Filip Daems: Nachdem wohl jemand verschossen hatte übernahm ich fortan diese Verantwortung. Bis heute ohne Fehlschuss, egal ob in der Liga, im UEFA-Cup oder Pokal. Oft werde ich nach einem Erfolgsgeheimnis gefragt. Gibt es aber keins. Der Schiedsrichter pfeift Strafstoß und dann ... bumm!
TF: Moment, das geht zu schnell. Nach dem Pfiff läufst du zum Elfmeterpunkt. Was geht dir auf dem Weg dorthin durch den Kopf? Entscheidest du dich dann schon dafür, wohin du schießen wirst?
Filip Daems: Ja, das ich habe schon im Kopf und bei dieser Wahl bleibe ich. Konzentriert bleiben und kräftig schießen ist am allerwichtigsten. Die Umgebung versuche ich auszublenden. Ich lasse mich auch nicht auf Psychospielchen ein, schaue dem Torhüter nicht in die Augen. Dann lege ich den Ball hin und laufe bis kurz vor den Sechzehner.
TF: Viele Elfmeterschützen ziehen sich in dem Moment die Stutzen zurecht. Du auch?
Filip Daems: Ich weiß, dass auch ich manchmal ein wenig an den Stutzen rumfummele, eine merkwürdige Gewohnheit. Und ich mache die Schuhsohlen zwischen den Stollen sauber. Das ist ja noch halbwegs funktionell. Dann folgt schon der Anlauf.
TF: Nervös?
Filip Daems: Nein, nicht mal wirklich groß angespannt. Dann anfangen zu denken oder zu zweifeln wäre nicht gut.
TF: Ist der Ablauf bei einem Elfmeterschießen im Pokal, wie zuletzt in Heidenheim, anders?
Filip Daems: Nicht wesentlich. Nach dem Münzwurf würde ich mich, wenn möglich, dafür entscheiden als erster anzutreten. Im Gegensatz zum letztjährigen Pokalspiel daheim gegen Leverkusen als ich den letzten entscheidenden Elfmeter verwandelte, bin ich diesmal als erster Schütze vorangegangen. Yuki Otsu hätte dort den Letzten geschossen.
TF: Wie würdest du dich als Torwart verhalten?
Filip Daems: Der hat die Wahl zwischen stehen bleiben und versuchen zu reagieren oder sich für eine Ecke entscheiden. Wenn der Schuss gut ins Eck geht und der Schlussmann zu lange wartet, dann kommt er mit Sicherheit zu spät. Wenn er dahingegen spekuliert, hat er eine größere Chance wenn er die richtige Ecke wählt. Die meisten legen sich vorher fest. Ich würde es auch so machen. Irgendwie ist es eine Lotterie.
TF: Eine altbekannte aber nicht belegte Fußballweisheit sagt, dass der Gefoulte nie selbst antreten sollte. Was hältst du von diesem Aberglauben?
Filip Daems: Nichts, ich trete auch in dem Fall an. Selbst wenn ich mal verschießen würde ...'klopf, klopf'. Wenn es der Trainer mir danach noch erlaubt. Wir gehen aber davon aus, dass ich weiterhin treffe. Und wenn ich wie in Freiburg oder Hoffenheim nicht dabei sein kann, stehen Martin Stranzl oder Dante bereit.
TF: Sagt dir der Name Rik Coppens was?
Filip Daems: Selbstverständlich, ein Landsmann von mir, ein großer Name im belgischen Fußball. Er war ein hervorragender Spieler.
TF: Im WM-Qualifikationsspiel 1957 gegen Island schob er bei einem Strafstoß den Ball ganz kurz schräg nach vorne, ein heranstürmender Mitspieler legte zurück und Coppens traf. Fünfundzwanzig Jahre später kopierte Johan Cruijff in einem Meisterschaftsspiel für Ajax diese Idee. Die ist aber eine belgische. Was hältst du davon?
Filip Daems: Regeltechnisch ist es erlaubt, ich würde dies jedoch nie machen. Auch nicht, wenn wir hoch führen würden. Einerseits aus Gründen der Fairness, es ist ja ziemlich erniedrigend für den Gegner. Andererseits weil ich eben der Meinung bin, dass man das Ding schnellstmöglich reinhauen sollte. Kurzen Prozess!
TF: Dann ist also ein Panenka-Heber wohl ebenfalls ausgeschlossen?
Filip Daems (grinst): Ja, obwohl ... jetzt fange ich an ein wenig zu grübeln. Sag' niemals nie!