Sonntag, 06. November 2011 - 13:57 Uhr
Es ist schon eine Augenweide, wenn Marco Reus so hakenschlagend durch die gegnerische Hälfte wirbelt. So wie am Samstag im Berliner Olympiastadion, als er nach 33 Minuten seine bis dahin so eigenartig lethargische Mannschaft erweckte.
Hertha führte zu diesem Zeitpunkt nicht unverdient mit 1:0. »In den ersten fünfundzwanzig Minuten war es kompliziert, wir haben viele Fehler gemacht«, blickte Sportdirektor Max Eberl auf die schwache Anfangsphase der Partie zurück. »Wir fanden gar nicht zu unserem Spiel«.
Das lag auch daran, dass die Berliner anders auftraten, als es die Borussen und ihr Coach Lucien Favre erwartet hatten. »Wir haben uns von Hertha ein bisschen überraschen lassen«, musste Mike Hanke zugeben. »Eigentlich dachten wir, dass sie sehr tief stehen würden. Stattdessen haben sie vorne ordentlich Druck gemacht, waren aggressiv und ließen den Ball gut laufen. Und wir sind erstmal hinterhergelaufen«.
»Wir mussten uns erstmal einordnen«, so Hanke weiter. Das gelang in der Phase nach dem Rückstand, da Berlin sich nun in die erwartet abwartende Haltung zurückzog und keine Anstalten machte, auf den zweiten Treffer zu gehen. Zum Glück für den VfL. »Wenn du das 2:0 gegen Hertha kassierst, bist du tot«, sagte Lucien Favre.
Stattdessen langte die erste wirklich gute Aktion zum Ausgleichstreffer. Patrik Herrmann bediente Marco Reus, der entwischte Berlins Franz im Rücken und vollendete mit einem präzisen Flachschuss ins Eck. »Mit unserer ersten Torchance machen wir aus dem Nichts den Ausgleich«, sagte Max Eberl. »Das war psychologisch für uns sehr, sehr wichtig«, ergänzte Lucien Favre.
»Nach dem Ausgleich waren wir in der Partie drin«, erklärte Marco Reus, der kurz nach seinem Treffer den ganzen Frust von Maik Franz zu spüren bekam, den er zuvor düpierte. An der Mittellinie rauschte Franz ihm von hinten böse in die Beine. Großes Glück für Reus, dass er sich nicht schwer verletzte. Und noch größeres Glück für Franz, dass Schiedsrichter Welz den Berliner nicht vom Platz warf, ja nicht einmal eine Gelbe Karte zeigte.
»Es ist wirklich müßig, noch was zu dem Spieler zu sagen«, meinte Marco Reus nach dem Schlusspfiff und schüttelte nur den Kopf. »Ich hab gehört, er soll außerhalb des Platzes ein cooler Typ sein. Aber auf dem Spielfeld schaltet er irgendwie ab«.
»Ich hoffe, dass ich nicht zum Freiwild werde«, sagte Marco Reus. Wohl wissend, dass die gegnerischen Mannschaften künftig noch vehementer versuchen werden, seine Antritte bereits im Keim zu ersticken. Hier sind auch die Unparteiischen gefordert, den Angreifer zu schützen. Wobei Lucien Favre sich diesbezüglich bei der Referees der Bundesliga keine Sorgen macht. »Ich muss klar sagen: die Schiedsrichter in Deutschland machen das sehr gut«, sagte der Schweizer. »Viel besser als im Ausland. Sie schützen die Spieler, sie intervenieren sehr schnell. Heute war das eine Ausnahme, er hätte Gelb kriegen müssen, das ist klar. Mindestens«.
Maik Franz blieb auf dem Platz, Marco Reus zum Glück auch. Und zu Beginn des zweiten Durchgangs, in dem die Borussen viel wacher und energischer agierten als zuvor, gab Reus die richtige Antwort auf die Unsportlichkeit des Herthaners. Mit einem fulminanten Knaller brachte der Nationalspieler seine Mannschaft in Front und schoss sie damit letztlich zum Sieg.
»Vor Wochen hat man Marco vorgeworfen, nicht clever genug zu sein. Jetzt sind der erste und der zweite Schuss drin. Effektiver kann es nicht sein«, sagte Max Eberl. »Die Wahrheit liegt immer in der Mitte«.
So sieht es auch Marco Reus. »Das ist Fußball. Heute sind mir zwei Tore gelungen, obwohl ich nicht so viele Chancen hatte. Manchmal klappt es, manchmal weniger«.
Reus scheint sich keinen Kopf zu machen, was durchaus als große Stärke zu werten ist. »Er ist ein unglaublich guter Junge, der Fußball spielen und Spaß haben möchte«, erläuterte Max Eberl. »Das dokumentiert er auf dem Platz und all das Drumherum versucht er abzuschütteln«.
»Alle in Deutschland wissen, dass Marco ein Top-Spieler ist«, ergänzte Lucien Favre. »Er hat ein enormes Potenzial, aber auch noch zu lernen, noch viel zu tun. Das ist keine Lüge von mir, ich übertreibe nicht. Er ist 22 Jahre alt und es ist logisch, dass er noch was lernen kann. Viele Details und er wird das mit mir gut machen«.
Doch zunächst muss Favre seinen Schützling zur Nationalmannschaft ziehen lassen. Umso wichtiger, dass das Team mit zwei Siegen im Rücken in die Länderspielpause geht. »Wir wollten unbedingt gewinnen, weil wir es bisher vor den Länderspielpausen vergeigt haben«, sagte Martin Stranzl. »Durch die Ergebnisse wächst das Selbstvertrauen. Da sieht man, dass die Psyche im Sport entscheidend ist«.
Und so können die Borussen mit breiter Brust auf die bis Weihnachten anstehenden Aufgaben blicken, wo noch einige Kracher warten. Die Grundlage passt jedenfalls. »Es ist wichtig, dass wir an das glauben, was wir können«, meinte Max Eberl. »Wir spielen jetzt zwölf Partien lang fast ein Niveau ohne große Schwankungen. Der Level ist durchgehend gut und stabil. Das ist die Basis«.