Sonntag, 16. Oktober 2011 - 12:48 Uhr
Ein wenig genervt wirkte Marco Reus schon, als er nach dem Spiel gegen Leverkusen vor die wartende Journalistenschar trat. Hatten er und seine Kollegen doch in den vorangegangenen 92 Minuten zeitweise berauschend gespielt, nur um sich am Ende mit einer Punkteteilung abfinden zu müssen.
»Hätten wir gewonnen würde ich jetzt sagen, dass wir überragend gespielt haben«, sagte der Neu-Nationalspieler. »Durch das Unentschieden wird das ein bisschen zur Seite geschoben. Trotzdem haben wir ein gutes Spiel gemacht«.
Tatsächlich war es beeindruckend, wie die Borussen den hochkarätig besetzten Champions-League-Teilnehmer beherrschten und teilweise aus den Schuhen spielten. »Normal hätten wir 5:2 gewinnen müssen«, trauerte Kapitän Filip Daems den guten Chancen hinterher, welche die Gladbacher (wieder einmal) liegen ließen.
»Leverkusen war in den ersten 25 Minuten ganz gut, dann haben wir immer besser ins Spiel gefunden und sehr gute Möglichkeiten bekommen«, sagte Martin Stranzl. »Wir müssen kaltschnäuziger werden«.
Die mangelnde Chancenverwertung kostete den Sieg. »Das ist, was uns ein bisschen fehlt«, erklärte Stranzl. »Aber es wird kommen, davon bin ich überzeugt«.
So sieht es auch Marco Reus, der seit Wochen grandios auftritt und sich Chance um Chance erspielt, jedoch auch gegen Bayer mehrfach ganz knapp scheiterte. »Es ist im Fußball nunmal so, dass nicht immer alles klappt«, behielt Reus zumindest äußerlich die Ruhe. »Ich denke nicht nach vor dem Tor, sondern versuche einfach zu treffen. Es wäre schlimmer, wenn wir uns die ganzen Chancen nicht herausspielen würden. Klar, müssen wir die Bälle reinmachen. Aber der Knoten wird bei uns allen irgendwann platzen«.
Dass die Torausbeute angesichts des immensen Aufwands nicht befriedigend ist, hat auch Sportdirektor Max Eberl festgestellt. Doch er beschwichtigt. »Man sollte nicht nur immer punktuell das rausnehmen, was gut oder schlecht war, sondern die Gesamtheit sehen. Und da spielen wir bisher eine stabile Runde. In den ersten neun Partien haben wir ein konstantes Niveau und einen sehr guten Level was die Defensive betrifft. Offensiv hatten wir in jedem Spiel Torchancen und es wird auch wieder die Phase kommen, da werden die unmöglichsten Bälle reingehen«.
»Die Art und Weise wie wir stehen, wie wir Fußball spielen, das ist das, was wichtig ist«, so Eberl weiter. Und deshalb ist der Tabellenplatz in der Spitzengruppe auch nicht unverdient. »Es war nicht nur Glück oder nur ein gutes Spiel, sondern es sind mehrere gute Leistungen notwendig, um nach neun Spielen diese Punktausbeute zu haben«, erklärte der Sportdirektor. »Von daher haben wir es auch verdient, in dieser Tabellenregion zu stehen. Aber das ich auch nur eine Momentaufnahme. Wir nehmen das jetzt mit, was wir geleistet haben. Doch wir haben letzte Saison die Bedeutung des Wortes ‚Demut‘ gelernt«.
Marco Reus machte deutlich, dass dem so ist. »Wir dürfen nicht vergessen wo wir herkommen und gegen wen wir heute gespielt haben«, sagte er. »Wir sind kein absolutes Spitzenteam«.
Dessen ungeachtet ist Borussia Mönchengladbach fraglos auf einen guten Weg. Auch weil ein Ausfall wie der von Igor de Camargo kompensiert werden konnte. Marco Reus rückte in die Spitze (»Ich habe mich da sehr wohl gefühlt«), Patrick Herrmann kam neu in die Elf und übernahm die ‚Reus-Rolle‘ auf der Seite. Das machte der Youngster ordentlich und bei seinem Tor zum 2:1 überzeugte er mit Nervenstärke. »Wir haben uns vor dem Spiel unterhalten und ich habe ihm gesagt, er solle sich was zutrauen«, sagte Martin Stranzl. »Patrick ist gut drauf, hat ein gutes Länderspiel gemacht und sich auch im Training gezeigt. Er hat es heute gut gemacht, seine Schnelligkeit eingesetzt und Kadlec einige Probleme bereitet. Patrick hat sehr gute technische Voraussetzungen. Es ist so, dass er eine gute erste Aktion braucht, dann wird es teilweise ein Selbstläufer für ihn. Er muss noch lernen, dass er auch in schwierigen Phasen präsent ist«.
»Wir sind froh, dass wir solche Spieler vom Potenzial und den Entwicklungsmöglichkeiten her in der Hinterhand haben«, so Stranzl weiter.
»Patrick hat ein Riesenspiel gemacht«, lobte auch Mike Hanke. Dies galt ebenso für ihn selbst, obwohl er erneut ohne eigenen Torerfolg blieb. »Ich habe ihn wieder nicht gemacht«, ärgerte sich der Ex-Schalker über seinen Lattenschuss. »Trotzdem denke ich, dass es ein gutes Spiel von mir war. Irgendwann wird mein Knoten auch platzen«.
»Wir entwickeln uns weiter und harmonieren immer besser«, fuhr Hanke fort. »Das war gegen Leverkusen zeitweise sensationeller Fußball. Doch wir haben verpasst, das dritte Tor zu machen und jetzt fühlt sich das Unentschieden an wie eine Niederlage«.
Doch nicht nur die ausgelassenen Torchancen brachten den VfL um den verdienten Sieg. Erstmals in dieser Spielzeit gab es zwei Gegentore. Das erste fiel nach einem Standard. »Wir haben vorher analysiert, dass Leverkusen genau so die Ecken spielen wird«, ärgerte sich Marco Reus. »Da passen wir dann in der Situation nicht richtig auf. Das darf so nicht passieren und das müssen wir klar ansprechen«.
Und der Ausgleich in Unterzahl war ebenso vermeidbar, auch wenn es natürlich ein absoluter Sonntagsschuss von André Schürrle war. »Ich gehe an der Außenlinie gegen Kadlec nicht richtig hin«, zeigte sich Reus selbstkritisch. »Der spielt den Ball dann zu Schürrle und der macht es natürlich klasse«.
So müssen sich die Borussen nach einem wirklich guten Spiel einmal kurz schütteln und dann geht der Blick nach vorne. »Abhaken, analysieren und schon geht es in die nächste Woche«, sagte Martin Stranzl. »Es geht jetzt Schlag auf Schlag«. Hoffenheim, Heidenheim im Pokal und Hannover warten auf dann hoffentlich etwas kaltschnäuzigere Borussen.