Montag, 03. Oktober 2011 - 13:34 Uhr
Lucien Favre sah nicht wie der Trainer einer Mannschaft aus, die soeben den Sprung auf den ersten Tabellenplatz der Fußball-Bundesliga verpasst hat. Der Schweizer absolvierte den ‚Medien-Marathon‘ nach der Partie gegen den SC Freiburg in seiner gewohnt freundlichen und verbindlichen Art und seinem verschmitzten Lächeln.
»Freiburg war am Anfang präsenter bei der Balleroberung und hat schneller gespielt. In der zweiten Halbzeit waren wir besser, hatten definitiv mehr Torchancen als Freiburg. Leider hat es nicht geklappt, mindestens ein Tor zu machen. Das müssen wir akzeptieren«, so die knappe wie treffende Zusammenfassung des Schweizers zur zweiten Saisonniederlage.
Etwas später, nach dem offiziellen Teil der Pressekonferenz, wurde Favre im kleineren Kreis konkreter. »Wir spielen auswärts ohne Angst, bekommen Möglichkeiten nach vorne, das ist schon gut. Aber es fehlt etwas. Punkt!«, sagte er mit ungewohntem Nachdruck.
Und damit meint der Schweizer nicht fehlende Bereitschaft oder mangelnde Einstellung, sondern schlichtweg die Qualität der Mannschaft. »Die 16 Punkte sind nicht unverdient, aber wir spielen mehr als das Maximum. Besser können wir nicht spielen. Du kannst noch so viel arbeiten, aber es gibt Grenzen«.
»Da muss man auch mal überlegen, was man erwarten kann«, so Favre weiter. »Ich denke, viele wollen viel zu viel«.
Trotz des dritten Tabellenplatzes nach acht Spielen ist Borussia Mönchengladbach für Lucien Favre kein Spitzenteam. »Das ist die gleiche Mannschaft, die gegen Bochum in der Relegation ein Wunder schaffte. Wie soll das gehen? Das Maximum ist schon lange erreicht«.
»Ich wiederhole mich, aber es wird eine ganz schwere Saison. Das hat sich in Freiburg bestätigt«. Tatsächlich fanden die Borussen bei allem Willen gegen aufopferungsvoll arbeitende Breisgauer keine wirkliche Lösung.
»Das ist ein technisches Problem«, so Favre. »Wir müssen klar reden: Es sind technische Probleme in der Bewegung. Heute brauchst du diese Qualität. Bei Ballbesitz musst du spüren, wann der richtige Moment für die Beschleunigung ist. Du brauchst Technik, die richtige Bewegung und Schnelligkeit. Und damit meine nicht nur schnell zu laufen, sondern gedankliche Schnelligkeit, das Antizipieren. Die Ballannahme, der flache Pass über zwanzig Meter und das Spiel schnell machen. Das hat total gefehlt heute, aber das ist keine Überraschung für mich«.
»Sicher ist es schade, dass wir die Torchancen nicht genutzt haben. Aber es fehlt auch die richtige Vorbereitung dieser Möglichkeiten. Mehr Geduld, die Beschleunigung und der richtige Moment«.
Kritik an Marco Reus, der die beiden besten Gladbacher Möglichkeiten ungenutzt ließ, wies Favre zurück. »Marco hat die Torchancen provoziert, er kann den Unterschied ausmachen«, so Favre. »Er arbeitet sehr viel in der Defensive. Ich frage mich klar, ob es nicht besser ist, mit Marco vorne zu spielen. Manchmal ist seine Fahrt nach vorne einfach zu lang«.
Etwas lang war auch die Leitung, die die Borussen hatten, als Lucien Favre in der Schlussphase Patrick Herrmann für Tony Jantschke brachte und sich hinten neu sortiert werden sollte. Die beabsichtigte Umstellung auf eine Dreierkette mit Stranzl, Dante und Nordtveit wurde erst nach einiger Verwirrung umgesetzt. »Ich wollte alles Risiko nach vorne nehmen«, erklärte Favre den Wechsel. »Patrick sollte es eigentlich besser erklären, aber sie haben es nicht richtig verstanden«, schmunzelte Favre. »Das war letztlich nicht weiter schlimm. Schlimm ist nur die unnötige Niederlage«.
Denn auch wenn der Mannschaft tatsächlich die Qualität für ein Spitzenteam fehlt – in Freiburg wäre auch für ‚diese‘ Borussia mindestens ein Punkt drin gewesen …