Sonntag, 28. August 2011 - 23:45 Uhr

So hat man Lucien Favre in Gladbach noch nie gesehen. Als der Ex-Borusse Alex Baumjohann mit dem Borussencoach in der Schlussphase der Partie zwischen Schalke und Mönchengladbach in der Coaching-Zone zusammen rasselte, drohte der Schweizer für einen Moment die Kontrolle zu verlieren. Er ging Baumjohann förmlich an die Gurgel, weil dieser – ziemlich ungestüm und unüberlegt – nach dem sich bereits im Seitenaus befindlichen Ball schlug und dabei Favre traf, der den Ball stoppen und schnell zum Einwurf weitergeben wollte. »Hier, unter dem Knie hat er mich getroffen«, zeigte Favre im Anschluss an die Pressekonferenz in der Schalker Arena die Stelle, an der ihn Baumjohann erwischte.
Eine große Sache wollte er, nachdem sich alle wieder beruhigt hatten, daraus nicht machen. »Er war in der Kabine, wir haben kurz gesprochen. Alles ist okay«, sagte Favre, der sogar Verständnis für Baumjohann zeigte. »Als Spieler hätte ich es vielleicht auch so gemacht. Es war nicht unsportlich, sondern intelligent«.
Ein wenig mehr Intelligenz, oder zumindest Abgebrühtheit, hätte seinen Spielern in der Schalker Arena nicht schlecht zu Gesicht gestanden. Denn nach relativ gutem Beginn verloren die Borussen mit zunehmendem Spielverlauf immer mehr an Boden. »Wir haben insgesamt zu viele Chancen zugelassen und der Schalker Sieg geht in Ordnung«, bekannte Mike Hanke an alter Wirkungsstätte. »Ein Punkt war eigentlich drin, aber es hat die letzte Spritzigkeit gefehlt, das Tor zu machen«, ergänzte Roel Brouwers.
Ausschlaggebend für die Niederlage war sicherlich die Tatsache, dass die Borussen nicht effektiv und konzentriert genug für Entlastung sorgten. »Es war keine schlechte Leistung«, sagte Lucien Favre zwar, doch er legte gleich den Finger in die Wunde. »Wir hatten zu viele Ballverluste, das technische Tempo war zu hoch für uns«.
Manchmal ging es tatsächlich zu schnell für die Borussen, die etwas den Überblick verloren. »Es ist ein technisches Problem, wenn du die Bälle so verlierst«, erklärte Favre.
Zwar gab es einige sehr gut herausgespielte Angriffe, bei denen »der letzte Pass fehlte«, wie Favre bemerkte. Oder wie es Kapitän Filip Daems ausdrückte: »Wenn wir auswärts etwas holen wollen, muss eine der Chancen rein«.
Zumal Schalke – im Gegensatz zu den Vorwochen – defensiv nicht viel falsch machte und offensiv besonders nach der Pause für einigen Wirbel sorgte. »Durch die leichten Ballverluste rollte eine Welle nach der anderen an«, hatte Sportdirektor Max Eberl festgestellt.
Zu Beginn des zweiten Durchgangs hatte die Rangnick-Truppe ganz klar die Oberhand. »Sie kamen kontinuierlich zu Chancen und hatten viel zu viele Standards. Da waren wir zeitweise am Limit«, sagte Lucien Favre. »Fast alle zweiten Bälle landeten bei den Schalkern«, fügte Filip Daems an.
So wurde es öfters ziemlich eng, auch wenn Max Eberl richtigerweise feststellte, dass »Schalke eigentlich nur nach Standards wirklich gefährlich wurde«.
Von daher war es nicht verwunderlich, dass der Treffer des Tages in Folge eines ruhenden Balles erzielt wurde. »Der Freistoß wurde schnell ausgeführt, wir haben nicht richtig aufgepasst und hatten etwas Unordnung«, gab Roel Brouwers zu. »Es war nicht eindeutig, ob es ein Foul war«, sagte Lucien Favre und verwies darauf, dass Raul diesen Pfiff mit ein paar Mätzchen provoziert habe. »Aber das ist kein Grund, dass wir diskutieren und nicht aufpassen«.
»Diese zwei, drei Sekunden der Unaufmerksamkeit bringen dieses unglückliche Gegentor«, haderte Borussias Coach. Gleich dreimal durfte sich Raul unbedrängt gegen den tapferen ter Stegen aus kürzester Distanz versuchen und stocherte das Leder schließlich über die Linie.
»Danach haben wir Druck aufgebaut«, sagte Max Eberl und konnte zumindest mit der Reaktion seiner Mannschaft nach dem Gegentor zufrieden sein. »Es gab noch die Gelegenheiten, den Ausgleich zu machen«, fügte Filip Daems an.
Doch am Ende reichte es nicht und letztlich konnte man attestieren, dass Schalke an diesem Abend einfach den entscheidenden Tick besser war. »Die Bäume wachsen nicht in den Himmel«, kommentierte Max Eberl den „Sturz“ des Tabellenführers. »Es gibt keinen Grund zu träumen«, so der der Sportdirektor. »Es kann doch niemand ernsthaft erwarten, dass der Fast-Absteiger des Vorjahrs jetzt die Bundesliga überrollt«.
Stattdessen zog Eberl ein sachliches Fazit der ersten vier Saisonspiele »Sieben Punkte sind ein guter Start, vor allem bei dem Kaliber der Gegner. Natürlich drückt die Niederlage auf Schalke etwas, weil sie am langen Ende nicht nötig war«.
Aus der Spur bringen soll die erste Saisonniederlage freilich niemanden. »Natürlich überwiegt im Moment die Enttäuschung«, sagte Tony Jantschke. Aber er verwies darauf, dass die Mannschaft weder abgeschossen noch in sich zusammengefallen sei. »Die Basis steht seit mehreren Monaten. Jetzt haben wir das Ding vergeigt, aber wir nehmen den Kopf hoch und richten den Blick auf Kaiserslautern«.
Bis dahin sind es noch zwei Wochen, in denen hoffentlich die angeschlagenen Marco Reus (Leiste) und Marc-André ter Stegen (Oberschenkel) wieder fit werden. Und auch Lucien Favre sollte die Attacke von Baumjohann bis dahin gänzlich verarbeitet haben.