Sonntag, 21. August 2011 - 09:59 Uhr
Das Ergebnis und die Art und Weise, wie die Gladbacher Borussen die Wolfsburger Millionentruppe zeitweise schwindelig kombinierte, hat am Freitag im Borussia-Park jeden Beobachter begeistert. Ein Kollege vom Hörfunk sprach gar davon, dass die Borussia vom Niederrhein solch einen zauberhaften Offensivfußball zelebriert, wie sonst nur die allseits gehuldigte Namenscousine aus Dortmund.
Gut, dass bei aller berechtigten Freude über das Gladbacher Glanzstück an der Seitenlinie ein Mann die Verantwortung trägt, der zwar die Schönheit des Fußballs über alles liebt, gleichzeitig jedoch ein besonnener Analyst ist. Und deshalb trat Trainer Lucien Favre am Rande des teilweise überschwänglichen Jubels als Mahner auf, ohne jedoch den Magie des Augenblicks zerstören zu wollen. »Natürlich bin ich extrem zufrieden mit der Leistung der Mannschaft. Der Sieg war verdient und sieben Punkte nach drei Spielen sind super«, sagte der Schweizer. Nicht ohne sich zu beeilen, dieses Statement in die richtige Relation zu setzen. »Aber es sind eben nur drei Spiele. Ich bestätige das nochmal: Ich spüre, dass es eine schwere Saison wird und wir um jeden Punkt kämpfen müssen. Es geht so schnell im Fußball. Heute können wir das genießen, aber wir müssen den Blick schon wieder auf Schalke richten«.
Dass Lucien Favre auf die Euphoriebremse tritt ist kein politisch korrektes Understatement, sondern vielmehr die Bestätigung, dass der Trainer die Situation korrekt einordnet. Denn auch gegen Wolfsburg war nicht alles Gold, was im Ergebnis und den phasenweise berauschenden Spielzügen glänzte. »Am Anfang war es sehr schwer für uns«, hatte Favre erkannt. Zu allem Überfluss geriet sein Team sogar ins Hintertreffen. Wer weiß, wie der Abend verlaufen wäre, hätte Wolfsburg die Gladbacher nicht tatkräftig in ihrem Bemühen unterstützt, wieder in die Spur zu kommen. »Wir haben vom Unglück der Wolfsburger profitiert«, gab Favre unumwunden zu, als er auf das Ausgleichstor zu sprechen kam. Kjaers Ausrutscher war der Startschuss zum Galopp der Fohlen.
»Das 1:1 hat uns geholfen und viel Selbstvertrauen gebracht«, bestätigte der Coach. Besonders augenfällig war dies bei Torvorbereiter Raúl Bobadilla. Der Argentinier verwandelte sich in Sekundenschnelle von der blassen Raupe aus dem Stuttgartspiel in einen bunten Schmetterling. »Die Vorlage hat ihm Vertrauen gegeben«, befand Favre. »Seine Leistung gegen Stuttgart war durchschnittlich. Jetzt hat er alle überrascht, mich inklusive«.
Letzte Woche sprach Favre noch davon, dass Bobadilla »noch sehr, sehr viel« zu lernen habe. »In einer Woche hat er nicht alles gelernt«, wehrte Favre Fragen nach einer wundersamen Bekehrung des bis dato so launischen Stürmers ab. »Wir sollten nicht vergessen, dass es nur ein Spiel war. Er muss weiter noch viel lernen, z.B. in der Bewegung mit einem Kontakt zu spielen. Aber heute hat er gezeigt, dass er ein Pressing machen, den Ball halten oder in die Tiefe gehen kann. Und dass er der Mannschaft defensiv helfen kann«.
Favre hielt den Ball in Sachen Bobadilla betont flach, genauso wie er sich für den Schachzug, dass Marco Reus ab der 20. Minute mit Juan Arango sehr erfolgreich für das restliche Spiel die Seite tauschte, nicht als ‚Taktikfuchs‘ feiern lassen wollte. »Das war überhaupt nicht geplant«, räumte er stattdessen freimütig ein. »Letzte Saison gegen Freiburg, da haben wir zu Pause bewusst so umgestellt. Aber heute war es die Entscheidung der Spieler«.
»Sie können tauschen, das ist kein Problem«, bestätigte Favre, dass seine Akteure keineswegs stur einem von außen vorgegebenen Plan folgen müssen. »Sie dürfen allerdings auf keinen Fall die Arbeit nach hinten vergessen«, sagte Favre. Wenn diese Ordnung flöten gehen sollte, würde der Coach reagieren.
Und das ähnlich der Situation in der 80. Minute, als das Spiel beim Stand von 4:1 längst entschieden war und seine Mannschaft Helmes eine gute Torchance gestattete, die ter Stegen zunichte machte. Dennoch tobte Lucien Favre fuchsteufelswild an der Außenlinie, als ob der Sieg in höchster Gefahr sei.
»Die Spieler hatten viel Selbstvertrauen und haben viel probiert«, zeigte Favre zwar anschließend Verständnis für die eine oder andere etwas lässig beendete Aktion. Doch mit ‚Hacke, Spitze, 1,2,3‘ mag sich der Schweizer nicht anfreunden. »Sie haben offensiv viele Freiheiten bei mir. Aber unnötiges Risiko im falschen Moment kann gefährlich sein und das gefällt mir nicht«.
Borussias Trainer ist halt ein Perfektionist. »Manchmal will ich auch zu viel«, räumte er ein. Nicht ohne die Mahnung hinterher zu schieben, den Sieg über Wolfsburg richtig einzuordnen. »Wir dürfen diese Leistung nicht überbewerten. Wolfsburg ist eine Mannschaft im Umbruch. Wir haben es gut genutzt, dass ihre Automatismen noch nicht da sind und haben nach vorne Gas gegeben. Wir hatten sieben, acht Torchancen aus guten Kombinationen, aber es wird nicht oft so einfach wie heute. Jedes Spiel ist anders und jedes Spiel wird seine eigene Geschichte haben. Wir dürfen es nicht übertreiben. Es geht schnell im Fußball – genauso wie im Leben …«