Sonntag, 14. August 2011 - 23:40 Uhr

»Am Ende ist das 1:1 sicher ein gerechtes Ergebnis«, sagte Lucien Favre. »Es war kein schlechtes Spiel, sondern es war auf beiden Seiten viel Tempo drin«, ergänzte er.
Viel mehr mochte der Schweizer an positiven Dingen nicht erwähnen. »Wir waren lange nicht so kompakt, wie man denkt«, sagte er in Anspielung auf die Bemerkung seines Trainerkollegen Bruno Labbadia, der gerade dieses herausgestellt hatte. »Nach Ballverlusten waren wir oft sehr offen, was gefährliche Konter einbrachte. Hinten kam es häufig zu 1:1-Situationen und es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis Stuttgart trifft«.
Vor allem über die rechte Seite machte Stuttgart Dampf. »Tony Jantschke war viel in Unterzahl, es war oft am Limit«, sagte Favre. Dass auf der Seite so ein Ungleichgewicht entstand, lag auch an der Defensivarbeit von Marco Reus, der sich, anders als gewohnt, zurückhielt. So standen mit Reus, Bobadilla und Hanke mehrfach drei Mann vor dem Ball, was Stuttgart Raum gab.
Auch deshalb, weil Lucien Favre am 4-4-2 System festhielt, obwohl ihm klar war, dass seine beiden 6er, Håvard Nordtveit und Roman Neustädter, ständig in die Bedrängnis gerieten. »Für sie ist es extrem schwer, weil sie immer in Unterzahl sind und es ist unmöglich, 90 Minuten ohne Probleme durchzukommen«. Der Schweizer zählte die Vorteile des 4-2-3-1 auf, das Stuttgart genauso wie die Bayern in der Vorwoche praktizieren. »Sie wollen das Mittelfeld nicht verlieren. Sie sind dort zu fünft und das Zentrum ist wichtig«.
Dennoch entschied sich Favre bei seiner Mannschaft anders. »Ich wollte mit zwei Stürmern spielen«, sagte er. Natürlich habe er überlegt, nach dem Ausfall von de Camargo im 4-2-3-1 zu spielen, doch »das bringt für mich im Moment nicht viel«, sagte Favre. Wohl auch, weil ihm dafür der Kreativspieler im Mittelfeld fehlt.
Korrigieren musste Favre schließlich doch, um gegen die Überzahl der Stuttgarter etwas zu unternehmen. »Mike oder Raúl sind dann etwas zurück gekommen«, erklärte Favre, der zudem nach einer guten Stunde Lukas Rupp brachte, damit dieser Tony Jantschke etwas mehr unterstützt als Reus zuvor.
Doch es war nicht nur die fehlende Kompaktheit und das nicht so konsequente Defensivspiel, was Trainer und Beobachtern gleichermaßen missfiel. Auch im Spiel nach vorne haperte es – trotz oder gerade wegen der beiden „echten“ Stürmer.
»Wir haben zu kompliziert gespielt, zu viel durchs Zentrum und nicht über Außen. Bei Ballbesitz fehlten oft die richtige Bewegung und der richtige Moment. Manchmal war es etwas zu konfus«. Und die leichten Ballverluste brachten gegen aufmerksame Stuttgarter viele Kontergegenstöße. »Es waren sehr viele Lücken«, sagte Favre. »Das ist nicht das, was ich will«.
Im Spiel nach vorne machte sich das Fehlen von Igor de Camargo bemerkbar, Raúl Bobadilla konnte ihn nicht gleichwertig ersetzen. Dennoch nahm Favre den Argentinier in Schutz. »Es war nicht einfach für ihn«, sagte Favre. »Er hat in den sechs Wochen im Training gut gearbeitet, aber er hat noch enorm viel zu lernen«.
Eine »50:50-Entscheidung« sei die Wahl für Bobadilla und gegen die Variante Reus als zweite Spitze und Rupp auf rechts gewesen. Mathew Leckie oder Joshua King (Favre: »Ich kenne ihn noch nicht so gut«) kamen für die Startelf noch nicht in Frage.
Lucien Favre sieht sich trotz des optisch gelungenen Starts in seiner Aussage bestätigt, dass es »eine sehr, sehr schwere Saison« wird. Nicht nur, weil mit den Verletzungen von Stranzl und de Camargo sowie der Sperre von Brouwers die Erinnerungen an die „Seuche“ der Vorsaison aufkeimen. Sondern wohl auch, weil dem Schweizer nach seinem Empfinden in der Zentrale die Alternativen fehlen.
»Bei einem 1:1 bin ich nicht hyperzufrieden«, sagte Borussias Trainer. »Aber ich habe schon positive Gedanken«. Immerhin.