Montag, 08. August 2011 - 07:26 Uhr
Man musste sich die Augen reiben in der Münchener Allianz Arena. Ein 0:1 flackerte nach 93 Minuten über die Anzeigetafel. Die so hoch gelobte und mit einer Menge Vorschusslorbeeren in die neue Spielzeit gestartete Truppe von Jupp Heynckes unterlag ausgerechnet gegen Borussia Mönchengladbach im heimischen Stadion.
Die Gladbacher Borussen hüpften derweil über den Rasen und freuten sich über den wahrlich historischen Erfolg. Erst zum zweiten Mal in der langen Bundesligageschichte beider Klubs konnten die Gladbacher einen Sieg in der bayerischen Landeshauptstadt feiern.
»Es war ein ganz hartes Stück Arbeit«, strahlte Abwehrchef Dante nach dem Überraschungscoup seiner Mannschaft. Er selbst jubelte nach dem Abpfiff wie entrückt mit der doppelten ‚Becker-Faust‘ und zeigte nicht nur mit dieser Geste, dass er seine Abwanderungsgedanken tatsächlich ad acta gelegt hat.
»Es war eine tolle Mannschaftsleistung«, so der Brasilianer weiter. »Aber wenn man in München gewinnen will, braucht man auch etwas Glück«.
Das hatten die Borussen, die ohne einen Neuzugang in der Startelf aufliefen und den verletzten Innenverteidiger Martin Stranzl durch Roel Brouwers ersetzen mussten, fraglos. Ein Kopfball von Mario Gomez klatschte an den Pfosten, dazu hatten die Bayern drei, vier wirklich gute Tormöglichkeiten. Doch neben dem Glück warfen die Borussen viel Geschick und eine absolut geschlossene Mannschaftsleistung in die Waagschale. Und sie hatten mit Marc-André ter Stegen einen Torwart in den eigenen Reihen, der in den entscheidenden Situationen tolle Reflexe zeigte und eine große Souveränität ausstrahlte.
Ganz anders als sein Gegenüber. Manuel Neuer, neuer Keeper der Bayern, war maßgeblich beteiligt beim Tor des Tages. Nach einem langen Schlag von Roel Brouwers lief der Nationaltorwart etwas übermotiviert aus seinem Kasten, anstatt Boateng die Bereinigung der Situation gegen Igor de Camargo zu überlassen. Und da Igor keine Sekunde zögerte und sich auch von einem heranrauschenden Torwart nicht beeindrucken ließ, fand der Ball den Weg ins verlassene Bayern-Tor.
»Ich habe natürlich gesehen, dass Igor lang geht«, schilderte Roel Brouwers die entscheidende Szene. »Dass das Tor dann so fällt, da war schon ein wenig Glück dabei«, musste der Niederländer zugeben.
Dass die Münchener Bayern aus ihrer optischen Überlegenheit nicht mehr herausholen konnten, dürfen sich die Borussen anrechnen lassen. »Wir haben alle super gekämpft, das war der Schlüssel zum Erfolg«, erklärte Roel Brouwers. »Bayern hat das Spiel gemacht und hatte auch die besseren Möglichkeiten«, gab Mike Hanke zu. »Aber wir haben auf unsere Chance gelauert und sie genutzt«.
Mike Hanke selbst hatte seinen Anteil, weil er schon früh von der zweiten Spitze zum zusätzlichen Mittelfeldspieler ‚mutierte‘. »Wir haben im flachen 4-4-2 angefangen«, sagte Trainer Lucien Favre. »Doch Bayern hatte Überzahl im Mittelfeld, so dass wir das schnell korrigiert und Mike Hanke ins Mittelfeld gezogen haben«.
Die zusätzliche ‚Verdichtung‘ trug zur Kompaktheit bei und die Bayern fanden kaum einen Weg durch die Gladbacher Reihen. »Dennoch haben wir teilweise zu tief gestanden und es war nicht einfach, den Druck der Bayern zu brechen«, sagte Favre.
»Wir haben uns in Borussias Spinnennetz verfangen«, umschrieb Bayern-Coach Jupp Heynckes das Dilemma seiner Mannschaft treffend.
Mit großem Willen brachten die Gladbacher ‚Spinnenmänner‘ schließlich den knappen Vorsprung über die Zeit. »Am Ende wurde der Druck schon sehr groß«, sagte Kapitän Filip Daems. »Aber wir sind ruhig geblieben und nicht in Hektik verfallen«.
»Wir haben das Glück provoziert«, fasste Lucien Favre zusammen und genoss mit seinen Spielern dieses außergewöhnliche Erfolgserlebnis. »Wir freuen uns riesig, mit solch einem Sieg in die neue Saison zu starten«, sagte Filip Daems. »Aber wir dürfen nicht abheben«, warnte der Kapitän. Und auch Dante trat schon frühzeitig auf die Euphoriebremse. »Ein 1:0-Sieg bei den Bayern ist super fürs Selbstvertrauen, aber er bringt auch nur drei Punkte«.
Aber drei Punkte, die ganz besonders köstlich schmecken …