Dienstag, 19. Juli 2011 - 07:36 Uhr

TF: Wie viel Urlaub braucht ein Fußballprofi im Sommer, um richtig abzuschalten?
Håvard Nordtveit: Optimal wären vier Wochen. Ich hatte 12 Tage, weil ich noch bei der Nationalmannschaft war.
TF: Also war die ‚Verlängerung‘ der Saison eher negativ?
Håvard Nordtveit: Auf keinen Fall! Es ist eine große Ehre für mich, jetzt A-Nationalspieler zu sein. Ich bin zur Halbzeit gegen Litauen eingewechselt worden, als es torlos stand. Am Ende haben wir 1:0 gewonnen und unser Nationaltrainer Egil Olsen, der mich bislang noch nicht wirklich kannte, bezeichnete mich als „guten Typ und Fußballer“. In meinen Augen war es eine gelungene Premiere.
TF: Wie hast Du die 12 Tage Urlaub genutzt?
Håvard Nordtveit: Bei meiner Familie in Norwegen. Ich habe den Fußball komplett ausgeblendet, bin mit dem Quad durch die Berge gebrettert und zum Angeln gegangen. Und jetzt freue ich mich auf die neue Saison. Ich bin bereit.
TF: Du bist bei Borussia in dem halben Jahr quasi von Null auf Hundert durchgestartet. Wie hast Du die 6 Monate erlebt?
Håvard Nordtveit: Es war eine unglaublich intensive Zeit. Für mich als 20-Jähriger war es eine außergewöhnliche Situation. In fast jedem Spiel ging es um alles, am Ende hätte jede Niederlage den Abstieg bedeutet. Das war hammerhart. Aber wir sind positiv geblieben und es war ein wahnsinniges Gefühl, als wir es tatsächlich geschafft haben.
TF: Ab wann hast Du dran geglaubt, dass das Unmögliche doch noch möglich ist?
Håvard Nordtveit: Für mich war das Spiel gegen Dortmund der Wendepunkt. Wie wir da alle gemeinsam gearbeitet und um den Sieg gekämpft haben, das hat uns den Glauben an uns selbst gebracht.
TF: Du kamst von der Beschaulichkeit der zweiten Mannschaft von Arsenal in den brutalen Existenzkampf in der Bundesliga. Wie bist Du damit umgegangen?
Håvard Nordtveit: So einfach ist es nicht, im Reserveteam von Arsenal zu spielen. Du hast zwar nicht ganz so großen Druck, aber du repräsentierst Arsenal London! Da musst du 100% konzentriert bei der Sache sein. Aber es war natürlich schon eine große Herausforderung bei Borussia. Ich hätte im Winter nicht gedacht, dass ich so viele Spiele machen würde.
TF: Zu Beginn stimmte Deine Leistung fast ausnahmslos, am Ende wirktest Du etwas überspielt. Stimmt unsere Einschätzung?
Håvard Nordtveit: Ja, sicher. Da waren vor allem die mentalen Anstrengungen spürbar.
TF: Und dann war da die Sache mit dem Eigentor im zweiten Relegationsspiel in Bochum …
Håvard Nordtveit: Da musste ich kurz schlucken. Und dann sagte ich mir, dass ich zwei Möglichkeiten habe: Entweder ich ziehe meine Fußballschuhe aus, gehe in die Kabine und haue ab. Oder aber ich krempel die Ärmel hoch und fange an, noch härter zu arbeiten. Zum Glück habe ich mich für die zweite Variante entschieden und es hat funktioniert.
TF: Du hast bei Borussia zu Beginn einmal Innenverteidiger, dann einmal Rechtsverteidiger und schließlich als einer von zwei „6ern“ gespielt. Welche ist denn nun „Deine“ Position?
Håvard Nordtveit: Eigentlich bin ich „gelernter“ Innenverteidiger. In Nürnberg spielte ich zumeist auf der „6“, bei Arsenal zuletzt als Rechtsverteidiger. Die meiste Erfahrung habe ich sicher als Innenverteidiger, aber die Position im Mittelfeld passt. Dort bekomme ich mehr Ballkontakte und zu mehr Offensivaktionen und auch in der Nationalelf spielte ich im zentralen defensiven Mittelfeld. Wahrscheinlich werde ich im Laufe der Jahre, je älter ich werde, wieder weiter nach hinten rücken …
TF: Bei Borussia hast Du gemeinsam mit Roman Neustädter die „Doppel-6“ gebildet. Das war schon erstaunlich, dass diese wichtigen Positionen mit zwei jungen und verhältnismäßig unerfahrenen Spielern besetzt wurden …
Håvard Nordtveit: Es hat aber funktioniert. Auch weil wir mit Martin Stranzl oder Dante hinter uns erfahrene Leute hatten. Das gibt uns jungen Spielern Sicherheit. Wir können von ihnen lernen, sie aber auch von uns. Das ist es, was den Fußball ausmacht. Die Mischung im Team muss stimmen.
TF: Wie klappt das Verständnis mit Roman Neustädter?
Håvard Nordtveit: Richtig gut. Roman Neustädter ist ein sehr guter Freund, wir machen außerhalb des Platzes viel zusammen. Es ist wichtig, sich zu kennen und zu wissen, wie der andere tickt. Wir kommunizieren viel, die Abstimmung passt und wir wissen voneinander, was wir machen.
TF: Wie sind die Aufgaben bei euch verteilt?
Håvard Nordtveit: Meistens spielt Roman die offensivere Rolle und ich sichere ab. Mir liegt es, zu attackieren und den Ball zu erobern. Aber wir variieren, ich gehe mit, wenn sich die Gelegenheit ergibt. So wie gegen Köln, als ich mein erstes Tor für Borussia erzielte.
TF: Wir fanden, dass gerade in Deinem Spiel nach vorne noch einiges rauszuholen ist. Einige Antritte aus der eigenen Hälfte waren im Ansatz sehr vielversprechend…
Håvard Nordtveit: Sicher, da ist noch viel Luft nach oben. Als erste Option muss der schnelle und sichere Pass stehen. Wenn die Mitspieler zugedeckt sind, es aber Raum für den Antritt gibt, will ich den nutzen. Ich hoffe, dass mir das in der neuen Saison mit einem vernünftigen Abschluss öfter gelingt.
TF: Du bist die komplette Rückrunde ohne Verwarnungskarte geblieben …
Håvard Nordtveit: Tatsächlich? Wirklich keine Gelbe Karte? Keine Ahnung, warum. Gegen Kaiserslautern hätte ich eine Rote Karte sehen können, als ich den Gegenspieler trat, der auf dem Boden lag. In London habe ich öfters Gelb gesehen und ich denke, dass ich in der neuen Saison nicht mit weißer Weste durchkommen werde. Natürlich möchte ich den Ball lieber ablaufen und sauber erobern. Aber ich habe keine Angst, mit vollem Risiko zu tackeln.
TF: Wobei es schon so gewirkt hat, als ob ihr unter Lucien Favre insgesamt etwas besonnener agiert, damit nicht - wie in der Hinrunde teilweise geschehen - so viele dieser unsäglichen Freistöße im Halbfeld verursacht werden.
Håvard Nordtveit: Natürlich müssen wir aufpassen, dürfen nicht fahrlässig sein und zu viel her schenken. Aber du darfst auch nicht ständig denken, „bloß kein Freistoß, bloß kein Freistoß“. Dann passiert es garantiert. Wenn du Zugriff auf den Ball haben kannst, musst du attackieren.
TF: Da Du ohne Verwarnung ausgekommen bist, hast Du Dich wohl ganz gut auf die deutschen Schiedsrichter eingestellt, oder?
Håvard Nordtveit: Du musst in der Bundesliga lernen, einzuschätzen, wie die Schiedsrichter die Zweikämpfe beurteilen. Bei einigen kannst du intensiver tackeln, als bei anderen, die jeden leichten Kontakt direkt abpfeifen. Im Vergleich zu England ist es ganz deutlich so, dass hier viel früher gepfiffen wird.
TF: Du hast mit Deinen langen Einwürfen eine neue Variante ins Spiel gebracht. Hast Du Dir das antrainiert?
Håvard Nordtveit: Nein, ich habe das nie speziell trainiert. Es ist eine sehr gute Möglichkeit, zwar nicht wie ein Eckball, aber du sorgst für Unruhe am Elfmeterpunkt. Und das mag ein Torwart gar nicht. Gegen Bochum hat es ja zum wichtigen Siegtor geführt. Ich muss aber noch etwas mehr Schärfe hereinbekommen, manche geraten mir noch etwas zu hoch.
TF: Wie kam es dazu, dass Dein „Wurf-Talent“ entdeckt wurde?
Håvard Nordtveit: Als ich nach Mönchengladbach kam, testeten wir mit Manni Stefes aus, wer am weitesten einwerfen kann. Das war ich, ich glaube vor Filip Daems. Seit dem machen wir das: Alle in die Box, Howie wirft …
TF: Wobei nicht alle Stadien ideal dafür sind. Auch der Borussia-Park nicht …
Håvard Nordtveit: Stimmt, die Werbebanden stören. Aber ich kicke sie einfach weg.
TF: Trainiert ihr die Einwürfe? Wer den Ball weiterleitet und wie sich die Spieler dahinter staffeln?
Håvard Nordtveit: Am Anfang unter Michael Frontzeck haben wir das mal gemacht. Zuletzt unter Lucien Favre aber nicht mehr.
TF: Lucien Favre hat es geschafft, die Mannschaft auf Kurs zu bringen. Was hat er gegenüber seinem Vorgänger anders gemacht? Die taktische Grundformation ist eigentlich ziemlich ähnlich geblieben...
Håvard Nordtveit: Wir haben angefangen, Fußball zu spielen! Jeder Trainer hat eine andere Herangehensweise, eine andere Philosophie. Ich möchte nichts Schlechtes über Michael Frontzeck sagen, wir haben auch unter ihm Spiele gewonnen. Doch mit der Ausrichtung jetzt kommen wir besser zurecht, wie die letzten Monate gezeigt haben.
TF: Was hat Favre denn in der täglichen Arbeit verändert?
Håvard Nordtveit: Als er kam, dauerte eine Trainingseinheit drei Stunden. Er hat unheimlich viel korrigiert, alles war neu und wir haben viele taktische Dinge gemacht. Aber am Ende zählt, dass du als Spieler bereit bist, das anzunehmen und umzusetzen.
TF: Favre ist sehr aktiv auf dem Trainingsplatz, macht viel vor. Wie nimmt man es als Profi auf, wenn der Coach einen zum individuellen Techniktraining bittet?
Håvard Nordtveit: Ich sehe das sehr positiv. Besonders für uns junge Spieler ist es sehr lehrreich, wenn er dir nach dem Training noch eins zu eins vormacht, was du verbessern kannst. Wenn Lucien Favre die Trainingseinheit unterbricht, hören alle aufmerksam zu. Er weiß, was er will. Er verlangt viel, besonders im technischen Bereich.
TF: Glaubst Du, dass sich seine Arbeitsweise jetzt ändern wird, nachdem der Abstiegskampf ja eine Ausnahmesituation war?
Håvard Nordtveit: Nein, ich glaube nicht. Der Trainer hat seine Philosophie im Kopf und die wird er nicht ändern. Das wäre auch nicht gut, denn zu viele Änderungen verunsichern. Ich denke, er wird weiter so arbeiten.
TF: Hat sich eigentlich Dein ehemaliger Coach Arsene Wenger nochmal bei Dir gemeldet?
Håvard Nordtveit: Er hat mir ausrichten lassen, dass er sich über mein gutes halbes Jahr in Mönchengladbach freut und dass er meine Entwicklung weiter aufmerksam beobachten wird.
TF: Das ist sicher auch ein gutes Gefühl, dass man Dich bei Arsenal nicht aus den Augen verliert, oder?
Håvard Nordtveit: Ja, denn Arsenal ist wirklich ein ganz besonderer Klub.
TF: Inwiefern?
Håvard Nordtveit: Sie kümmern sich dort wirklich um ihre Spieler. Ich war ja zum Beispiel einige Male ausgeliehen. Und dennoch hielten sie ständig Kontakt. Alle drei, vier Tage erkundigten sie sich bei mir. Nicht nur über die sportliche Entwicklung, sondern auch über das Drumherum. Viele Klubs leihen ihre Spieler nach dem Motto „aus den Augen, aus dem Sinn“ aus . Anders Arsenal. Sie achten auf die Spieler genauso, als ob sie bei Arsenal spielen würden.
TF: Und wenn etwas nicht stimmt, reagieren sie sofort…
Håvard Nordtveit: Richtig. So wie bei mir, als ich zum spanischen Zweitligisten UD Salamanca ausgeliehen war. Da passte es nicht und sie holten mich nach drei Monaten zurück. Sie riefen an, ob ich meine Sachen packen könne. Ich sagte ja und am nächsten Tag war ich auf dem Weg nach London. Arsene Wenger meinte dann zu mir, „schlechte Erfahrungen sind gute Erfahrungen“ und lachte.
TF: Wie verarbeitest Du die Erfahrungen, die Du machst? Du hast mal gesagt, dass Du nach einem Spiel nicht gut schlafen kannst…
Håvard Nordtveit: Stimmt, das ist immer noch so.
TF: Auch nach gewonnen Spielen nicht?
Håvard Nordtveit: Gerade nach Siegen nicht. Nach den Spielen schlafe ich meistens erst um vier oder fünf Uhr ein. Ich spiele alles nochmal in Gedanken durch, jede Situation. Ich analysiere mein Spiel genau, bis ins letzte Detail, gehe es fünf-, sechsmal im Kopf komplett durch. Die vielen Kleinigkeiten, bei denen ich weiß, dass sie nicht so gut waren. Ich fühle mich dann so, als ob ich den ganzen Tag Energy-Drinks in mich hineingeschüttet hätte. Aber es ist wohl das Adrenalin, das mich nicht schlafen lässt. Besonders nach dem letzten Heimspiel gegen Bochum, als der Borussia-Park explodiert ist, war es extrem. Einer der größten Momente in meinem Leben.
TF: Wenn Du so genau über Dein Spiel und Deine Fehler grübelst – schleppst Du das dann tagelang mit Dir herum?
Håvard Nordtveit: Nein. Wenn wir am nächsten Tag Regeneration haben, dann hake ich das für mich ab. Ich nehme die positiven Dinge heraus und richte den Fokus auf das nächste Spiel.
TF: Bist Du eigentlich so ein „Fußballbesessener“, der sich im Fernsehen keine Partie entgehen lässt?
Håvard Nordtveit: Nein, im Gegenteil. Ich bin kein großer Freund davon, drinnen zu sitzen und Fußball zu schauen. Ich bin nicht derjenige, der Fußballspiele im Fernsehen analysiert, sondern bin viel lieber draußen und unternehme etwas. Und wenn ich nur mit meinem Hund durch den „Bunten Garten“ gehe. Sonntagsabends schaue ich manchmal die norwegische Liga. Aber nur zur Entspannung.
TF: Wenn Du kein Stubenhocker bist, dann bist Du wohl auch kein typischer Vertreter der Playstation-Generation?
Håvard Nordtveit: Ich kann natürlich spielen. Aber seit ich in Gladbach bin, habe ich insgesamt vielleicht eine Stunde davor gesessen.
TF: Wenn Du mit dem Hund spazieren gehst oder sonst in Mönchengladbach unterwegs bist – wirst Du erkannt?
Håvard Nordtveit: Gelegentlich. Aber meistens kann ich mich ganz ungestört bewegen. Das ist angenehm, denn ich mag es nicht so, im Mittelpunkt zu stehen oder fotografiert zu werden.
TF: Hast Du eigentlich ein spezielles Ritual vor den Spielen?
Håvard Nordtveit: Ich kenne Spieler, die haben viele Rituale. Mir wäre es zu stressig, das jede Woche zu machen. Ich versuche nur, vor dem Spiel so viel wie möglich zu schlafen und zu essen. Mehr, als ich eigentlich will, weil ich weiß, dass ich die Energie in einem anstrengenden Match brauche.
TF: Und was geht Dir in den letzten Stunden vor einem Spiel so durch den Kopf?
Håvard Nordtveit: Ich rufe mir ins Bewusstsein, dass es für einen Jungen aus Norwegen keine Selbstverständlichkeit ist, in der Bundesliga vor 50.000 Menschen zu spielen. Ich denke daran, wie viel Glück ich habe und an die Zeit, in der mich meine Eltern immer zum Training gefahren und stundenlang im Regen standen und zugeschaut haben. Norwegen ist nicht der wärmste Ort auf der Welt, müsst ihr wissen. Aber all die Mühen haben sich gelohnt.