Sonntag, 03. Juli 2011 - 19:15 Uhr
Es ist die erste Vorbereitung, die Trainer Lucien Favre mit Borussia Mönchengladbach absolviert. Eine Woche bot das Trainingslager in Bad Wörishofen die Gelegenheit, die Herangehensweise des Schweizers zu studieren. Auffällig vor allem, dass er seine Mannen so oft wie möglich mit dem Ball arbeiten lässt. Nur beim morgendlichen Waldlauf und bei Kraft- und Koordinationsübungen fehlte die Kugel. Ansonsten war sie immer dabei. »So holen sich die Spieler ebenfalls die körperlichen Grundlagen, aber sie bleiben mit dem Kopf wach, weil es nicht langweilig ist«, erklärt der 53-Jährige. Für ihn ist stupides Konditionsbolzen genauso ein Horror wie für die Spieler selbst.
Die Übungsformen waren lang, sehr intensiv und wirkten zielgerichtet. Die Werte der Spieler werden kontrolliert, nächste Woche steht eine umfassende Leistungsdiagnose an. Ob das so gelegte Fundament ausreichen wird, um in einer kräftezehrenden Saison auch nach hinten heraus zulegen zu können, wird sich zeigen.
Der Fokus liegt bei Lucien Favre eindeutig auf dem fußballspezifischen Bereich. Er verlangt von den Spielern höchste Konzentration, alle Bewegungsabläufe sowie das Passspiel müssen flüssig und in hohem Tempo ausgeführt werden. Von ‚One-Touch-Football‘ wird in Gladbach nicht mehr nur fantasiert, Favre lässt ihn umsetzen. Die Ansprüche des Trainers sind hoch, Stockfehler oder Spieler, die sich in den Übungsformen verzetteln, sind dem Schweizer ein Dorn im Auge. Immer wieder lässt er Aufgaben aus der „Fußballschule“ durchführen um die „Basics“ zu trainieren.
Auch die taktischen Spielformen trainiert Favre sehr ausdauernd. Dass sie umgesetzt werden, zeigte sich in den beiden Testpartien. Dort gab es immer wieder Situationen, in denen das Aufbauspiel genauso aufgezogen wurde, wie zuvor trainiert.
Ungewöhnlich ist, dass eine Mannschaft zu einem so frühen Zeitpunkt der Vorbereitung schon Testspiele gegen ambitionierte Teams durchführt. Das Risiko ist gegeben, manches Einsteigen der Gegner war »am Limit«, wie Favre zugeben musste. Dennoch scheinen solche Spiele gegen Zweit- oder Drittligisten weitaus mehr Sinn zu machen, als ein „Kirmes-Kick“ gegen eine Bezirksauswahl.
Zumindest ließen sich sowohl gegen Fürth als auch gegen Heidenheim die Eindrücke vertiefen, die im Training gewonnen werden konnten. Zum Beispiel, dass die Abwehrkette sehr hoch steht und das Spielfeld noch enger gemacht wird. Oder dass sich die Spieler aus der eigenen Jugend auch unter solchen Bedingungen als vielversprechend präsentieren. Der flinke und technisch beschlagene Julian Korb, der solide Dennis Dowidat, der gegen Heidenheim mit einem frechen Freistoßtor auf sich aufmerksam machte oder aber Alexander Bieler, der als ein Gewinner des Trainingslagers gelten darf. Bieler gefiel nicht nur ob der für sein Alter außergewöhnlichen körperlichen Präsenz, sondern auch mit einer ordentlichen Technik. Dass auch für ihn die Bäume nicht in den Himmel wachsen, zeigte das Spiel in Heidenheim, als ihm einiges misslang. Dennoch dürfte es so sein, dass Bieler erstmal „oben dabei“ ist.
Einen ersten, wenn auch nicht wirklich zu bewertenden Arbeitsnachweis, gaben die Neuzugänge ab. Komplett herausnehmen muss man Lukas Rupp, der nur ganz wenige Einheiten mitmachte. Er wirkte körperlich nach seinem Magen-Darm Infekt noch sehr geschwächt. Als er in einer Übungsform an Martin Stranzl vorbei dribbeln wollte und dann am Österreicher zwei Meter „abprallte“, bekam er einen ersten Eindruck, was noch so auf ihn zukommen wird.
Sein KSC-Kollege Matthias Zimmermann konnte schon etwas mehr zeigen, wobei seine solide, aber letztlich doch unauffällige Leistung als Rechtsverteidiger in Heidenheim keine abschließende Bewertung zulässt. Das gilt genauso für Oscar Wendt, der eine Halbzeit auf der linken Seite verteidigte. Ohne Fehler, jedoch auch ohne große Impulse im Spiel nach vorne. Etwas mehr konnte man von Mathew Leckie sehen, der mit Power und Elan antritt und ordentlich Tempo aufnimmt. Im Training, aber auch in den Testspielen, hatte er einige gute Aktionen, am Spielverständnis muss noch gefeilt werden.
Das gilt ebenso für Rückkehrer Raúl Bobadilla. »Er hat viel Qualität«, lobt Lucien Favre den Argentinier. »Sein Laktattest war okay, er macht im Training alles«. Nach einer Woche will Favre nur soviel sagen: »Er weiß, dass er mit der Mannschaft zusammen arbeiten muss, er will das umsetzen. Einiges muss korrigiert werden, das muss er registrieren«.
Das Stammpersonal der vergangenen Saison präsentierte sich fast durchweg motiviert und aufgeräumt. Lediglich Dante wirkte in Sachen Körpersprache und Mimik nach dem von ihm forcierten Wechseltheater etwas angefressen. Hängen ließ sich der Brasilianer allerdings weder im Training noch in den Testspielen.
Sorgen bereitet der erneut angeschlagene Igor de Camargo, bei dem aufgrund der Vorgeschichte seiner Verletzungen kein Risiko eingegangen wird. Marco Reus wirkte in Heidenheim richtiggehend heiß auf Fußball. Die Nachwirkungen der Verletzung zum Saisonende dürften kein großes Thema mehr sein.
Keine Rolle mehr spielt Tobias Levels, der gegen Heidenheim nicht mal zum Aufgebot gehörte. Gut möglich, dass hier alsbald ein Wechsel ins Haus steht. Aber auch in Sachen Neuzugängen dürfte sich noch etwas tun. Joshua King ist unabhängig von seiner Verletzung weiterhin ein Kandidat für das geplante Ausleihgeschäft, selbst wenn er in den ersten Saisonspielen noch nicht zur Verfügung stehen wird. Darüber hinaus dürften sicher auch noch ein oder zwei weitere Neuverpflichtungen im Bereich des Möglichen liegen.
»Momentan bin ich zufrieden, wir können gut arbeiten«, sagt Lucien Favre. Doch zur neuen Saison wird sich noch etwas tun. »Wir müssen Lösungen finden«, so der Coach. Testspieler Asmir Kajevic wird zumindest kurzfristig nicht diese Lösung sein. »Er ist sehr, sehr interessant und hat etwas«, lobt Favre. Doch der Trainer zweifelt an, dass er »uns sofort weiterhelfen kann. Körperlich muss er zulegen«. So dürfte Kajevic, wenn überhaupt, nur als Perspektivverpflichtung in Frage kommen.
Die nächsten Wochen bis zum Saisonstart werden spannend bleiben. Auf dem Trainingsplatz, aber auch hinter den Kulissen. Es bleibt überall noch einiges zu tun.