Montag, 20. Juni 2011 - 20:58 Uhr



Als die Verantwortlichen der Borussia Anfang des Jahrtausends Pläne für ein neues Stadion im Nordpark schmiedeten, verbanden sie damit auch die Hoffnung, einer der Austragungsorte der Herrenfußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland zu werden. Pünktlich wurde das Stadion im Borussia-Park im Sommer 2004 fertig und erfüllte auf Anhieb die Ansprüche der FIFA. Dass die Weltmeisterschaft 2006 nicht in Mönchengladbach stattfand, ist wohl vor allem auf die geographische Lage in unmittelbarer Nähe zu diversen anderen WM-tauglichen Stadien und die begrenzte Infrastruktur Mönchengladbachs zurückzuführen.
Als 'Trostpflaster' stand schon damals eine Berücksichtigung Mönchengladbachs im Falle der Ausrichtung der Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2011 im Raum. Nun finden in den nächsten Wochen drei interessante Weltmeisterschafts-Spiele im Borussia-Park statt. Sicher werden nicht hunderttausende Menschen während des Turniers den Niederrhein besuchen, aber dank der Zuteilung eines Vorrundenspiels der deutschen Nationalmannschaft , einem Halbfinal-Spiel sowie dem Losglück und dem damit verbundenen Auftritt der Brasilianerinnen wird die Welt drei gut besuchte Spiele in Mönchengladbach erleben.
Über 80.000 Tickets sind für die drei Partien eine Woche vor dem Turnierbeginn verkauft. In den letzten Wochen wurde in der Heimat von Borussia Mönchengladbach heftig gewerkelt, um dem Stadion den letzten WM-Schliff zu verpassen. Exakt 45.293 Plätze bietet die Arena, die auch während der WM offiziell 'Borussia-Park' heißen darf. Für das Duell der deutschen Auswahl gegen Frankreich am 5.Juli ist das Stadion bereits ausverkauft, für die beiden anderen Partien sind jeweils über 20.000 Eintrittskarten an den Mann und die Frau gebracht.
Am Ende werden es wohl über 100.000 Menschen sein, die eines der Spiele im Borussia-Park live verfolgt haben. Auch wenn ein Großteil der Zuschauer diesmal aus Deutschland anreisen wird, haben sich schon mehr als 4.000 Franzosen für das Spiel in Mönchengladbach angesagt und auch die brasilianische Seleção um Weltfußballerin Marta wird sicher von zahlreichen Fans begleitet.
Damit die Gäste aus nah und fern nicht nur zu den Spielen pilgern, sondern etwas in Mönchengladbach verweilen, hat die Stadt tief ins eigentlich chronisch leere Stadtsäckel gegriffen und rund 1,2 Millionen Euro in die WM investiert. An neun Tagen zwischen dem Eröffnungsspiel in Berlin und dem Finale in Frankfurt hat auf dem Kapuzinerplatz eine Fanmeile bei freiem Eintritt geöffnet. Neben der Live-Übertragung der wichtigsten Spiele auf einer 43m² großen LED-Leinwand treten dort diverse Live-Bands auf. Ein Highlight dürfte dabei der Auftritt der Band 'Juli' am kommenden Sonntag, im Anschluss an das Spiel Deutschland-Kanada, sein.
Die Fußballbegeisterung vieler Menschen aus der Region dokumentiert sich bei diesem Ereignis nicht nur in dem überdurchschnittlichen Ticket-Absatz, sondern auch in dem regen Interesse, als Volunteer aktiv das Turnier mitzugestalten. Mehr als 1.000 Bewerbungen erhielt Imke Deipenrock, die Volunteer-Managerin der FIFA-Außenstelle Mönchengladbach. 282 Helfer wurden am Ende ausgewählt um in Bereichen wie Logistik, Medien oder Ticketing mitzuwirken.
Wenn die deutsche Mannschaft Anfang Juli im Borussia-Park antritt, dann wird möglicherweise auch die einzige Nationalspielerin der Stadt im Trikot mit dem Adler auflaufen. Lira Bajramaj kam als Flüchtling aus dem Kosovo nach Mönchengladbach und machte ihre ersten fußballerischen Schritte beim DJK/VfL Giesenkirchen. Die heute 23-Jährige schaffte über den FSC Mönchengladbach den Sprung zum FCR Duisburg in die Frauen-Bundesliga, wo sie später auch für Turbine Potsdam auflief und nun im Sommer zum 1.FFC Frankfurt wechselt.
Pünktlich zur Weltmeisterschaft hat die Borussia mit ihrer ersten Frauenfußball-Mannschaft den Aufstieg in die 2.Bundesliga geschafft. Neben der Borussia, die in diesem Sommer parallel den Aufstieg in die Niederrheinliga mit der 2.Mannschaft schaffte, unterhalten mittlerweile 17 weitere Vereine in der Stadt eine Frauen- und Mädchenfußball-Abteilung. In der Breite ist die Sportart gut aufgestellt, in der Spitzenförderung gibt es abseits von Borussias Bemühungen noch viel Luft nach oben.
Im und rund um den Borussia-Park hat sich zum Großereignis einiges verändert, einige Verbesserung enbleiben wohl auch über das Turnier hinaus. Der Medienbereich wurde mit einem großen Zelt erweitert, ein zusätzliches Ticket-Center errichtet und die Pressetribüne aufwendig umgerüstet. Der gesamte Nordpark hat ein komplett neues, elektronisch gesteuertes Verkehrsleitsystem erhalten und die zusätzlichen Straßen nord-östlich des Stadions werden die Verkehrssituation künftig bei allen Veranstaltungen im Nordpark merklich entlasten.
310 orange WM-Fahnen zieren die Anfahrtswege zum Stadion und 17 Großbanner werden in den kommenden Wochen in der Stadt auf das Ereignis hinweisen, auch auf den Autobahnen rund um Mönchengladbach sind große Hinweisschilder angebracht. Pünktlich zur WM wird sich desweiteren der Mönchengladbacher Hauptbahnhof nach einer Renovierung in einem Großstadt-tauglichen und modernen Gewand zeigen.
Das Defizit von rund 300.000 Euro, welches die Stadt Mönchengladbach am Ende wohl hinzunehmen hat, hofft man mit einem hohen Imagegewinn, der nicht mit Geld aufzuwiegen ist, kompensieren zu können. »Das ist enorme Werbung für die Stadt, die unbezahlbar ist«, freut sich Mönchengladbachs Oberbürgermeister Norbert Bude. Auch wenn es kein Ereignis der Größenordnung 'WM 2006' werden wird, so wird sich die Stadt doch in gewissem Rahmen in der Welt präsent sein.
Einen »unbezahlbarer Image-Gewinn« nennt Sportamts-Leiter Harald Weuthen gar die Weltmeisterschaft aus Sicht der Stadt Mönchengladbach. Der Großstadt am Niederrhein, dessen Bürger gerne über die eigene Stadt meckern und dennoch der Region in höchstem Maße verbunden sind, tut das Ereignis merklich gut.
»Wir sind fit für die Weltmeisterschaft«, sagte Borussias Präsident Rolf Königs vor einigen Tagen und meinte damit in erster Linie wohl das Stadion, er spricht aber auch für die Stadt und ihre Einwohner. Neben dem Image-Gewinn für die Borussia darf sich der Verein auch über einen üppigen sechsstelligen Betrag freuen, der über die Vermietung des Stadions eingenommen wird. Für Stadt und Bürger ist allein die Ausrichtung einer Fußball-Weltmeisterschaft ein großer Gewinn und das fußballverrückte Mönchengladbach wird daraus ein besonderes Ereignis machen.