Freitag, 27. Mai 2011 - 07:26 Uhr
Ein wenig hat es den Eindruck, also ob Borussia Mönchengladbach in den letzten Wochen dazu übergegangen ist, mit den „magischen Momenten“ in Serienproduktion zu gehen. Mo Idrissous überraschender Treffer zum Sieg gegen Meister Dortmund war so einer, der Knaller von Marco Reus zum 1:0 in Hannover ein noch größerer. Getoppt wurde er noch vom Führungstor durch Mike Hanke gegen Freiburg, ehe Igor de Camargo mit dem ‚Last-Second-Tor‘ im ersten Relegationsspiel gegen Bochum allem die Krone aufsetzte.
Irgendwie war es dann nicht verwunderlich, dass die Produktion dieser besonderen Augenblicke auch im zweiten Relegationsspiel nicht eingestellt wurde. Die Erinnerung an den doppelten Doppelpass zwischen Marco Reus und Igor de Camargo, den unglaublich abgezockten Abschluss von Reus und den anschließenden Emotionsausbruch von 5 000 Borussenfans im Ruhrstadion, 12 000 beim Public-Viewing im Borussia-Park und ungezählten Anhängern vor den Fernsehschirmen wird noch lange für eine kollektive Gänsehaut sorgen.
Dass auch das zweite Duell gegen Bochum lange Zeit einem Tanz auf der Rasierklinge glich, passte wie die Faust aufs Auge zu dieser Saison. Die Borussen fanden nur ganz schwer ins Spiel und zeigten sich zunächst beeindruckt von der Bochumer Aggressivität. Die Funkel-Truppe zog sich komplett in die eigene Hälfte zurück, attackierte dann jedoch gleich mit mehreren Spielern. Die Gladbacher fanden derweil im Aufbauspiel keine Mittel. Entweder ging es im Schneckentempo von hinten heraus und endete mit einem langen Ball der nicht verarbeitet werden konnte, oder aber es wurde durch die Mitte aufgebaut. Geschwindigkeit und Überraschungsmoment fehlten, so dass der ballführende Akteur oft hilflos suchend über die Mittellinie schlich.
Nicht wirklich überraschend, dass aus solch einer Situation der Bochumer Führungstreffer resultierte. Martin Stranzl war es, der den Ball in der gegnerischen Hälfte verlor und den Konter ermöglichte, in dessen Verlauf sich die Borussen nicht sonderlich geschickt anstellten und schließlich durch Nordtveit das unglückliche Eigentor produzierten.
»Als Bochum in Führung ging wurde es schwer für uns«, hatte nicht nur Igor de Camargo erkannt, der zu diesem Zeitpunkt noch auf der Ersatzbank kauerte. Erst gegen Ende des ersten Durchgangs wurden die Borussen besser, bzw. weniger schlecht.
In der zweiten Halbzeit waren sie dann endlich präsent. »Nach der Pause haben wir uns wieder mehr bewegt, in der ersten Halbzeit war ja eigentlich gar nichts«, befand Marco Reus. »Wir haben besser gespielt und es ein bisschen erzwungen, weil wir Druck gemacht haben«.
“Es“ war dieser magische Moment, als Reus traf und alle Dämme brachen. »Es ist eine unglaubliche Last von uns allen abgefallen«, sagte der Torschütze. »Das Tor war in der Situation extrem wichtig«. Nicht nur das, denn der Treffer bedeutete die Entscheidung, weil Bochum das Zutrauen verlor, die nun noch notwendigen zwei Tore zu erzielen.
So konnten die Gladbacher nach dem Schlusspfiff ausgelassen jubeln, selbst Marco Reus humpelte mit in die Kurve und hüpfte so gut es ging auf und ab. Dass der 21-Jährige überhaupt so lange durchgehalten hat, war schon erstaunlich und ist der guten Arbeit der medizinischen Abteilung geschuldet – und der Wirkung der Schmerztabletten, die Reus genommen hatte. »Ich wollte unbedingt spielen und der Mannschaft helfen«, sagte Reus. Gut, dass er es gemacht hat.
Dank seines Treffers konnten die Borussen feiern, während Trainer Lucien Favre nach seiner „Flugeinlage“ noch zwei Stunden nach dem Abpfiff die Fragen der Journalisten mit geduldiger Höflichkeit beantwortete. Nicht nur die Fachkenntnis des 53-Jährigen ist herausragend, auch sein Auftreten ist bemerkenswert. Er ließ sich partout nicht in den Mittelpunkt drängen, sondern verteilte die über ihm ausgeschütteten Lorbeeren. »Wir haben alle zusammen ein Wunder geschafft«, sagte er. »Einer alleine kann da gar nichts machen«.
Und dennoch ist es unbestreitbar, dass der Schweizer einen Riesenanteil an dieser wundersamen Rettung hat. Allein die Zahlen sprechen für sich: 20 Punkte in 12 Spielen unter seiner Führung, dazu nur noch 9 Gegentore, die man zuvor im Schnitt in drei Spielen kassierte. Alle Rädchen, an denen der ‚Tüftler‘ Favre drehte, waren die richtigen. »Nach drei Wochen war die Mannschaft bereit«, sagte Favre. »Wir haben viele taktische Dinge gemacht und die Fehler schnell korrigiert. Dann waren wir solide, seriös und schwer zu schlagen«.
Und so reichte es schließlich zu einem nicht mehr erwarteten Happy-End in einer Saison, die alles parat hatte: Herausragende Siege (6:3 in Leverkusen), Derby-Dominanz (4:0 und 5:1 gegen Köln), bittere Klatschen (0:7 in Stuttgart), eine nicht enden wollende Pleitenserie im Borussia-Park und eine Vielzahl an persönlichen Aussetzern einzelner Spieler, so wie von Logan Bailly bei seinem Slapstick-Tor gegen Kaiserslautern. Dank Lucien Favre und der vielen magischen Momente in den letzten Spielen ist es so gerade noch gutgegangen ...