Freitag, 20. Mai 2011 - 13:58 Uhr

Es dauerte etwas, bis Friedhelm Funkel sich beruhigt hatte. Fürchterlich aufgeregt war Bochums Trainer nach dem Schlusspfiff auf den Platz gestürmt und beschimpfte Schiedsrichter Günter Perl. Der hatte kurz vor Ende der angezeigten Nachspielzeit noch einen Einwurf für die Gladbacher Borussen ausführen lassen. Weil dies ‚Weitwerfer‘ Håvard Nordtveit übernahm, geriet der Wurf zu einer langen Hereingabe in den Strafraum, in dessen Folge Igor de Camargo das Goldene Tor markierte.
Als etwas Zeit ins Land gegangen war, hatte sich Funkel wieder im Griff. Der Ärger über die fragliche Szene war zwar bei allen Bochumern nicht verraucht und eine andere Sichtweise mochten sie nicht wahrhaben. Dass der Abpfiff schlecht in den Einwurf hinein erfolgen konnte, der VfL in der Nachspielzeit nochmals das Spiel verzögerte und überhaupt die zwei Minuten angesichts der Unterbrechungen in der regulären Spielzeit zu knapp bemessen waren – all das wollten die Gäste nicht hören.
Diese – ein stückweit verständliche – Uneinsichtigkeit blieb jedoch das einzig irritierende am Bochumer Auftritt in Mönchengladbach. Denn was der Zweitligist während der 90 Minuten bot, war durchaus überraschend. »Das hat man uns wohl nicht zugetraut«, sagte Friedhelm Funkel. »Wir haben der Borussia das Leben richtig schwer gemacht«.
Und das nicht nur mit der erwarteten stabilen Defensivarbeit oder einem über sich hinauswachsenden Torwart Andreas Luthe, sondern auch mit fußballerischen Mitteln. »Bochum war sehr gut organisiert und hat Spieler, die den Ball zirkulieren lassen können«, gestand Borussias Trainer Lucien Favre anschließend anerkennend ein. Nach einem anfänglichen Offensivwirbel tat sich seine Mannschaft immer schwerer gegen den Gast. »Sie hatten mit ihrem 4-3-3 im Mittelfeld Überzahl und es war schwer, sie zu beherrschen«, erklärte Favre, der wie die 54.300 Zuschauer im Stadion mit ansehen musste, wie vor allem seine beiden defensiven Mittelfeldspieler Nordtveit und Neustädter trotz aller Laufarbeit immer einen Schritt zu spät kamen.
Und bei eigenem Ballbesitz ging es oftmals drunter und drüber. »Es war zu überhastet«, monierte Favre, was auch Abwehrrecke Martin Stranzl ausgemacht hatte. »Phasenweise waren wir zu hektisch«, sagte der Österreicher. »Wir haben versucht, fast jeden Ball schnell nach vorne zu spielen. Das war nicht immer gut. In gewissen Situationen müssen wir ruhiger spielen und warten, bis sich die Lücken ergeben«.
Eine gewisse Nervosität konnten die Borussen nicht verleugnen und mit dem Publikum im Rücken wollten sie manches zu sehr erzwingen. »Klar, die Zuschauer haben uns gepusht«, sagte Stranzl. »Da war jeder so engagiert und teilweise auch übermotiviert«.
Doch die Fans bewiesen diesmal ein Gespür für die besondere Situation, hielten sich mit Missfallenskundgebungen fast komplett zurück und unterstützten die Mannschaft schließlich überragend. »In der Phase nach der Pause, als wir etwas unruhiger und unsicherer wurde, haben die Fans noch mal richtig Gas gegeben. Das hat die Mannschaft gespürt«, sagte Sportdirektor Max Eberl. Es entwickelte sich eine Symbiose zwischen dem Team und den Fans auf den Rängen. »Die Leute spüren, dass sich die Jungs auf dem Platz zerreißen«, erklärte Eberl. »Sie wollen das Ding ziehen, das Unmögliche noch schaffen. Das ist eine Wechselwirkung«.
»Die Stimmung war phantastisch, das hilft«, ergänzte Lucien Favre und auch die Spieler zeigten sich unisono beeindruckt von der Atmosphäre. »Überragend«, sagte Martin Stranzl. »Das war wie Europapokal«. »Es war unglaublich«, befand auch Håvard Nordtveit. »Wir können unseren Fans nicht genug danken. Sie standen fast während des gesamten Spiels hinter uns und peitschten uns nach vorne. Sie waren der zwölfte Spieler«. Und so war es zu erklären, dass in dieser ominösen 93. Minute der Borussia-Park förmlich zu explodieren schien.
Als sich nicht nur Friedhelm Funkel wieder gefasst zeigte, sondern auch die Gladbacher Borussen dieses emotionale Highlight etwas sacken lassen konnten, folgte der besonnene Blick auf den nächsten Mittwoch. »Es ist nur eine Etappe«, sagte Lucien Favre. »Wir dürfen nicht träumen«.
»Das nächste Spiel fängt wieder bei 0:0 an, die Chancen stehen immer noch 50:50«, schätzte Håvard Nordtveit die Lage vor dem Rückspiel ein. »Es ist noch alles offen«, bestätigte Siegtorschütze Igor de Camargo und auch Martin Stranzl mahnte gleich zur Bedachtsamkeit: »Wir haben zu Null gespielt, das war unser primäres Ziel. Und wir haben einen Sieg eingefahren. Darüber freuen wir uns, doch wir dürfen nicht leichtsinnig werden. Wir haken es ab, konzentrieren uns auf das Rückspiel und geben da nochmal neunzig Minuten Vollgas«.
Was bis dahin auf dem Programm steht, erläuterte Håvard Nordtveit: »Jetzt gilt es zu regenerieren und fit zu werden. Genug Schlaf, genug Essen – dann sind wir bereit für kommenden Mittwoch«.