Donnerstag, 12. Mai 2011 - 14:02 Uhr
Als sich vor ein paar Wochen der Blick auf den Spielplan richtete und der letzte Spieltag in Augenschein genommen wurde, werden die meisten Gladbachfans wehmütig geworden sein. Auswärtsspiel in Hamburg, wo man letztes Jahr einen tollen Auswärtssieg feierte. Und diesmal wäre es wohl die Fahrt zur Abschiedsvorstellung aus der Bundesliga, nachdem der Abstieg schon lange besiegelt sein würde.
Dass nun die Karawane der Borussen (rund 8.000 Fans werden erwartet) mit der berechtigten Hoffnung gen Norden zieht, nach dem Schlusspfiff (zumindest vorläufig) weiter der Eliteklasse des deutschen Fußballs anzugehören, ist fast schon eine Sensation. Und dass die Ausgangsposition sogar so ist, dass man den Relegationsplatz aus eigener Kraft sichern kann, hätte wohl niemand wirklich erwartet.
Die wundersame Erweckung der Fohlen wurde in den letzten Tagen von allen Medien großflächig gewürdigt. Manche Lobeshymnen gingen dabei schon arg weit, so dass Lucien Favres Worte für Beruhigung sorgen. »Wir haben noch gar nichts erreicht«, mahnt der Schweizer.
Mit seiner besonnenen Art und großen Fachkenntnis hat er die Mannschaft in diese unerwartet gute Ausgangsposition gebracht. Jetzt gilt es, die Arbeit der letzten Monate zu beenden, indem zumindest der aktuelle Tabellenplatz verteidigt wird. »Wir schauen nur auf uns und es ist und bleibt so, dass wir drei Punkte erreichen müssen«, will sich Lucien Favre überhaupt nicht auf irgendwelche ‚Was-Wäre-Wenn‘-Rechnungen einlassen.
Tatsächlich ist die Sache noch lange nicht durch, wie mancherorts etwas voreilig angenommen wird. In Frankfurt trägt man zwar eine gewisse Depression zur Schau und hinterlässt den Eindruck, als ob man sich schon mit dem Abstieg abgefunden hätte, doch dem ist natürlich nicht so. Denn die Frankfurter wissen ganz genau, dass sie in Dortmund zwar Außenseiter sind, gegen den bierseligen Meister aber alle Chancen haben. Denn auch wenn der BvB mit einem Sieg zu den Feierlichkeiten mit den erwarteten 1 Millionen (Mode-)Fans übergehen will, so wird die Party unabhängig vom Ausgang des Spiels ohnehin stattfinden. Bis an die Schmerzgrenze wird von den Dortmundern keiner mehr gehen – zumindest nicht auf dem Platz.
Es wäre also fatal, wenn sich die Gladbacher darauf verlassen würden, dass Dortmund die Eintracht mal eben so abfertigt.
Hinweise, dass die Verantwortlichen bei Borussia diesem Irrglauben unterliegen, gibt es allerdings nicht. Trainer und Mannschaft haben wie gewohnt intensiv gearbeitet und sämtliche Äußerungen gehen dahin, dass niemand die Konstellation unterschätzt. »Alle können die Tabelle lesen«, sagte Lucien Favre, der mit seinem Team in das x-te Endspiel geht. »Seit dem ich hier bin, zählen in jedem Spiel nur die drei Punkte«.
Damit der 16. Tabellenplatz sicher, und bei einem Wolfsburger Patzer in Hoffenheim sogar die direkte Rettung möglich ist, muss der vierte Sieg in Folge eingefahren werden. »Es wird schwierig«, sagte Favre. »Der HSV hat einen Riesenkader, viel Qualität und Offensivpotential«. Vor allem hat der Schweizer bei seinen ausgiebigen Studien festgestellt, dass der HSV nur schwer auszurechnen ist. Die Mannschaft schwankt zwischen erstklassigen Darbietungen und Vorstellungen, die fast an Arbeitsverweigerung grenzen.
In welcher Verfassung auch immer die Hamburger letztlich in das für sie unbedeutende Saisonfinale gehen, Lucien Favre sollte seine Mannschaft schon richtig einstellen. Vom Grundsatz her wird er ohnehin nicht viel ändern müssen, die auf den Gegner zugeschnittenen Details dürfte er unter der Woche erarbeitet haben.
Und so geht es am Freitag mit voller Konzentration, aber auch einem gewissen Optimismus nach Hamburg. Mit auf die Reise könnte sich auch Igor de Camargo machen, dem es nach Favres Aussage »viel besser« geht. Der Angreifer trainierte gestern und heute ohne Probleme mit und könnte beim HSV eine Alternative sein.