Sonntag, 24. April 2011 - 12:52 Uhr
Eigentlich beschäftigten die zahlreichen Medienvertreter im Gladbacher Borussia-Park am Samstag nur zwei Fragen: Gibt es die Meisterfeier des BvB schon an diesem Wochenende und wie hoch gewinnt der Tabellenführer beim Letzten?
Dass nach den 90 Minuten die Fußballwelt gewissermaßen Kopf stand, lag zum einen an Bayer Leverkusen, das gegen Hoffenheim seine Hausaufgaben erledigte und vor allem an Borussia Mönchengladbach. Die Fohlen gefallen sich offenbar in der Rolle des ‚Stehaufmännchen‘ und meldeten sich zum wiederholten Male zurück im Existenzkampf, nachdem sie eigentlich schon abgeschrieben waren.
»Wir haben immer gesagt, dass wir einen langen Atem brauchen«, betonte Sportdirektor Max Eberl nach dem 1:0-Erfolg über die beste Mannschaft Deutschlands. »Andere hätten sich schon aufgegeben, doch wir machen bis zum Ende weiter. Wir wussten, dass es ein langer und beschwerlicher Weg ist, doch wir werden den Kopf oben behalten bis es nicht mehr geht. Momentan trägt es seine erste Frucht: wir sind nicht mehr Letzter«.
Mit dem unerwarteten Sieg über den BvB hat Mönchengladbach tatsächlich ein echtes Ausrufezeichen im Abstiegskampf gesetzt. »Für die anderen ist es nicht angenehm zu sehen, dass eine Mannschaft, die sie nicht mehr auf der Rechnung hatten, wieder da ist«, sieht Max Eberl die Konkurrenz zusätzlich unter Druck gesetzt.
Doch Borussias Sportdirektor weiß auch, dass die letzten beiden Heimsiege nur statistischen Wert haben, wenn die restlichen drei Partien in die Hose gehen. »Wenn wir absteigen waren die Siege gegen Köln und Dortmund nichts wert«.
Trainer Lucien Favre stieß ins gleiche Horn. »Wir müssen weiter punkten, sonst bringt der Sieg gegen Dortmund nichts«, sagte der Schweizer. Dass der Erfolg gegen den BvB überhaupt zu Stande kam, war für Favre keine Hexerei. »Details machen den Unterschied«, sagte der 53-Jährige und verwies auf die letzten beiden Auswärtsspiele. »Auch in München und in Mainz haben wir ordentlich gespielt, doch da lief es in den entscheidenden Momenten gegen uns«.
Und auch die Partie gegen den Tabellenführer hätte ohne Frage ganz anders ausgehen können. Schon nach wenigen Sekunden kam Götze frei zum Kopfball, Lewandowski vergab später zwei Riesenchancen und Götze und Schmelzer trafen im zweiten Durchgang ans Aluminium.
Doch die Gladbacher überstanden diese Situationen mit Glück, Geschick und einem starken Torwart. Roel Brouwers, der den verletzten Dante vertrat, betonte die Bedeutung des sicheren Rückhalts Marc-André ter Stegen: »Das ist sehr wichtig. Er hat wieder ein paar gute Bälle herausgeholt und ich hatte ein gutes Gefühl mit ihm im Rücken«. Auch Innenverteidiger-Kollege Martin Stranzl lobte den jungen Keeper. »Wichtig ist, dass er gut mitspielt, bei langen Bällen rausläuft und Flanken runterpflückt. Er ist schon ziemlich abgezockt«.
Dem VfL spielte natürlich das Führungstor durch Mo Idrissou in die Karten. »Gegen Dortmund ist es besonders wichtig, in Führung zu gehen«, sagte Lucien Favre. »Es ist ohnehin schwer gegen sie, aber wenn du zurückliegst, wird es noch viel komplizierter«. So aber brachte das Tor seiner Mannschaft den Glauben, dass gegen die vermeintlich übermächtigen Dortmunder doch etwas möglich sei. »Die Mannschaft hat mit Leidenschaft, Kampf und Intelligenz agiert und zeitweise sehr gut Fußball gespielt«, lobte Favre.
Tatsächlich war es im ersten Durchgang teilweise bemerkenswert, wie sich die Gladbacher mit ansehnlichem Direktspiel befreiten. »Leider konnten wir das oft nicht zu Ende spielen«, bedauerte Favre. Doch immerhin beschäftigte es die Dortmunder, deren Trainer Jürgen Klopp anschließend anmerkte, dass »Gladbach nicht mal im Ansatz so gespielt hat wie eine Mannschaft, die ganz unten in der Tabelle steht«.
Nach dem Seitenwechsel sah das dann allerdings etwas anders aus. »Wir haben nachher nur noch verteidigt«, musste Favre eingestehen. »Es war schwer, hinten rauszurücken. Wir konnten den Ball nicht mehr so zirkulieren lassen und ihn auch nicht mehr halten. Es war nicht einfach, Dortmund zu beherrschen«.
»Die Ballverluste im Aufbau dürfen so nicht passieren«, monierte Martin Stranzl. »Normalerweise brechen die dir das Genick«.
Doch der Genickbruch und das wohl endgültige Aus im Abstiegskampf blieben aus. Die Fohlen retteten den knappen Sieg über die Zeit, die Partystimmung der Dortmunder wich einer gewissen Ernüchterung und die Medienvertreter mussten ihre Lobhudeleien auf den neuen Deutschen Meister flugs umstricken, um nun wieder Geschichten vom wankenden Tabellenführer und dem spannenden Titelkampf zu konstruieren.
Für die Gladbacher Borussen zählten derweil nur die Fakten. »Es war ein Sieg, das ist schön. Aber das reicht noch nicht«, sagte Lucien Favre. »Wir können es kurz genießen, werden aber realistisch bleiben. Wir brauchen mindestens noch sechs Punkte und wir alle wissen, wie schwer das ist«.
»Die Hoffnung ist da, das ist klar«, sagte der Schweizer, der sich von Borussias Fans beeindruckt zeigte: »Am Ende war es so unglaublich laut. Ich dachte nur: „Was ist denn hier los?«. Diese Unterstützung benötigt die Borussia auch in der nächsten Woche, wie Martin Stranzl betonte. »Die Fans, die Stimmung waren unbeschreiblich. Das brauchen wir in Hannover auch …«.