Sonntag, 10. April 2011 - 23:08 Uhr

Als Håvard Nordtveit in der 67. Minute vor der Nordkurve mit einer simplen Körpertäuschung durch die Kölner Abwehr spazierte und den Treffer zum 5:1 für die Borussia markierte, leerte sich auf der anderen Seite der Gästeblock in rasender Geschwindigkeit. Die Kölner, angereist um die Gladbacher auf dem Weg in die Zweite Liga zu verhöhnen, schlichen wie die geprügelten Hunde von dannen. Es war der Moment, als in Mönchengladbach der Glaube zurückkehrte: Es gibt vielleicht doch einen Fußballgott …
Man konnte vor diesem Derby vieles erwarten – einen 5:1-Kantersieg des Tabellenschlusslichts wohl kaum. Und zunächst hatte an diesem Frühlingsnachmittag auch nur wenig auf ein solch spektakuläres Ergebnis hingedeutet. Borussias Trainer Lucien Favre entschied sich für ein 4-4-2 System mit der Doppelspitze Mike Hanke und Mo Idrissou, verhalf zudem Torwart Marc-André ter Stegen zu seinem Bundesligadebüt.
Während es sich der Gast aus Köln in defensiver Ausrichtung tief in der eigenen Hälfte bequem machte, verliefen sich die Borussen zunächst im Kölner Abwehrlabyrinth. »Es war sehr schwierig«, sagte Lucien Favre anschließend. »Köln stand kompakt und wir haben keine Lücke gefunden«.
Die Gladbacher spielten arg statisch und ohne überraschende Aktionen. »Es war zu einfach zu verteidigen für Köln«, gab Favre zu. Es schlich sich schon ein latentes Grummeln der Zuschauer über die unzureichenden Bemühungen der Fohlenelf ein, als der Führungstreffer gelang. »Das Tor nach einer Ecke fiel zum richtigen Zeitpunkt«, befand Lucien Favre. »Das hat Vertrauen gegeben, die Mannschaft war dann freier«.
Mit der Führung im Rücken fanden die Borussen nun auch fußballerisch in die Spur. »Dem 2:0 geht eine tolle Kombination voraus«, freute sich Favre. »Da hat man das Vertrauen gesehen«. Und nur wenn das vorhanden ist, gelingt ein solches Traumtor wie das von Marco Reus zum 3:0 Pausenstand.
Alle drei Treffer bereitete Mike Hanke vor, der von seinem Coach ein Extralob erhielt. »Hanke hält die Bälle, mit ihm kannst du kombinieren. Er spielt intelligent«.
Dass der Stürmer selbst leer ausging, ist dabei nebensächlich. »Wenn wir drinbleiben und ich habe nicht getroffen, bin ich auch zufrieden«, meinte der Ex-Schalker.
Um drinzubleiben dürfen sich die Borussen allerdings solche Schwächephasen wie nach dem Seitenwechsel nicht mehr leisten. Köln stellte auf zwei Spitzen um und besetzte die Flügel, was bei den Borussen für gehöriges Durcheinander sorgte. »Mit Intelligenz spielen und auf das 4:0 gehen«, so lautete Favres Ansage für die zweite Halbzeit. Doch es kam anders, weil Köln nun früh attackierte und bereits nach fünf Minuten den Anschlusstreffer markierte.
Die Borussen wackelten und vielen schwante Böses. Auch den Spielern. »Die Gedanken an Stuttgart gingen mir schon durch den Kopf«, gab Håvard Nordtveit zu. Damals gaben die Borussen eine 2:0 Pausenführung aus der Hand und verloren. »Doch es gab kein zweites Stuttgart, auch weil nach dem Anschlusstor niemand von uns Angst hatte, den Ball zu bekommen«, sagte Nordtveit.
»Wir hätten zwar auch noch reagieren können, aber wenn das 2:3 fällt, hätte es auch anders laufen können«, erklärte Lucien Favre. Doch das Handspiel von Eichner und der verwandelte Elfmeter von Filip Daems kamen genau im richtigen Moment. Mit dem ersten Bundesligator von Håvard Nordtveit zwei Minuten später war der Deckel drauf oder, wie es der Norweger ausdrückte: »We killed the game«.
Der Rest war nur noch besseres Auslaufen, was Lucien Favre mit Blick auf das nächste Spiel nicht ganz unrecht gewesen sein dürfte. »Wir spielen ja schon am Freitag in Mainz, da ist jetzt die Regeneration wichtig«.
Ein wenig regenerieren muss sicher auch Marc-André ter Stegen. Der 18-Jährige wollte sich nach dem Spiel selbst nicht äußern, wird jedoch die Komplimente seines Trainers und der Kollegen gerne zur Kenntnis genommen haben. »Er hat gut gespielt. Dafür, dass es fast ein Endspiel gewesen ist, war er sehr ruhig und sicher«, lobte Lucien Favre. Die Entscheidung, den Youngster ausgerechnet im Derby ins kalte Bundesligawasser zu werfen, traf Favre vor dem Abschlusstraining am Samstag. »Ich habe gespürt, dass er das beherrschen konnte«, sagte Favre. »Viele Faktoren« hätten eine Rolle gespielt, erklärte der Schweizer. Nennen wollte er letztlich nur einen – den wichtigsten: »Er ist gut«.
Dass ter Stegen jetzt die neue Nummer 1 ist, darauf wollte sich Favre allerdings nicht festnageln lassen. »Ich habe drei gute Torhüter«, sagte er lediglich und verwies darauf, dass sich Logan Bailly im Abschlusstraining am Ellenbogen verletzt hat und deshalb nicht zur Verfügung stand. Die Entscheidung pro ter Stegen fiel wohlgemerkt schon vor dem Training.
So dürfte es klar sein, dass ter Stegen auch ohne die offizielle Ansage seines Trainers auch in Mainz zwischen den Pfosten stehen wird. Für Abwehrchef Dante ist klar: »Das war heute das erste von ganz vielen Spielen für Marc«. Und auch Mike Hanke lobte: »So was brauchen wir. Mit 18 Jahren in so einem Spiel – Hut ab. Gerade nach der Pause, als er gegen Podolski gerettet hat«.
Mit dem Derbysieg und den passenden Ergebnissen der Konkurrenten keimt in Mönchengladbach wieder etwas Hoffnung auf eine Last-Minute-Rettung auf. »Das Restprogramm ist unheimlich schwer. Doch egal gegen wen, wir müssen Punkte machen und das ist möglich«, gab sich Lucien Favre kämpferisch. Seine Hochrechnung bleibt unverändert. »Wir brauchen jetzt noch neun Punkte«.
Die nächste Gelegenheit für einen Dreier gibt es Freitag in Mainz. »Da müssen wir den Fokus drauf richten«, sagte Dante und Tony Jantschke ergänzte: »Der Blick richtet sich jetzt auf Mainz – für uns zählen nur noch Siege«.
Dass man es schon öfter in diese Saison verpasste, nach entsprechenden Vorlagen nachzulegen, möchten die Borussen verdrängen. »Es bringt nichts, zurückzuschauen. Wir nehmen das Positive aus diesem Derby mit nach Mainz und werden dort alles reinwerfen«, sagte Mike Hanke.
Håvard Nordtveit fasste es zusammen: »Heute können wir uns über den Derbysieg freuen, ab morgen gilt die Konzentration dem nächsten Spiel. Vollgas in Mainz …«