Samstag, 26. März 2011 - 11:00 Uhr



Eigentlich war der Weg des heute 18-Jährigen Kim Jeong Baeck von seinen Eltern vorbestimmt, nach Schulbesuch und Studium sollte er den elterlichen Betrieb im südkoreanischen Busan übernehmen. Doch im zarten Alter von sieben Jahren entdeckte Kim den Fußball und in den Folgejahren reifte ihn ihm der Traum, einmal selbst Profi-Fußballer zu werden. Ein erster Versuch im Alter von 13 Jahren nach Portugal zu gehen scheiterte jedoch aus finanziellen Gründen.
»In meiner Heimat ist es sehr schwierig in den Profi-Fußball zu kommen«, erzählt der sympathische Südkoreaner an diesem sonnigen Frühlingstag am Niederrhein, »es gibt zwar ein Nachwuchs-System mit Sportschulen, aber wer nicht im System ist, hat keine Chance professionell zu spielen«. Kim schaffte es zunächst nicht in das 'System' und als dann der Betrieb seiner Eltern in finanzielle Probleme geriet und seine Eltern sich trennten, schien er weiter weg von der großen Fußballwelt als je zuvor.
Trotz wenig Geld und ärmlichen Verhältnissen, in denen Kim und seine Mutter fortan ohne Heizung und ordentlichem Bett lebten, machte Kims Mutter einige Ersparnisse locker, um ihrem Sohn ein Flugticket zu bezahlen und die Chance zu geben, in Europa vorzuspielen.
London war die erste Station, wo sich der gerade 18-Jährige erhoffte, bei einem Profi-Verein ein Probetraining absolvieren zu können. Doch Kim musste schnell feststellen, dass es ohne Berater nahezu unmöglich ist, eine Möglichkeit zu bekommen, sein Können einem Profi-Fußballverein vorzustellen.
So trainierte Kim fleißig in den großzügigen Park-Anlagen Londons und lernte den aus dem Senegal stammenden Ex-Profi Seny kennen, der ihn nicht nur trainierte sondern sogar in seiner kleinen Dachwohnung für einige Monate unterkommen ließ.
Während dieser Zeit schloss sich der junge Südkoreaner einer international-kunterbunten Hobby-Mannschaft des Imperial College London an und hielt sich im Rahmen einer Hochschul-Fußball-Liga fit. Einige Zeit später stieß auch Christoph, der im Rahmen seines Diplomstudiums einen mehrmonatigen Forschungsaufenthalt am Imperial College absolvierte, zu einer der Hochschul-Mannschaften der Liga.
Christoph, in Mönchengladbach aufgewachsen, erkannte dabei während dieser Zeit, dass Kim in Sachen Technik und Effektivität nicht schlecht war. So wunderte er sich zwar, wie es dazu kam, dass Kim in der Hochschul-Mannschaft mitspielte, beließ es jedoch beim Wundern.
Als sich jedoch Kims England-Aufenthalt dem Ende neigte und dieser seinem Ziel noch immer nicht näher gekommen war, wandte er sich in seiner großen Verzweiflung an seine Mitspieler. Kim berichtete allen von seinem großen Traum und erkundigte sich auch bei Christoph nach Kontakten in den Profi-Fußball.
Borussen-Fan Christoph war zwar höchst-fußballinteressiert, hatte aber keine direkten Kontakte. Lediglich an einen alten Schulfreund erinnerte er sich, der zumindest die Kontaktdaten der Ansprechpartner bei Borussia Mönchengladbach vermitteln konnte. Kim schrieb eine E-Mail an die Nachwuchsabteilung der Borussia, erhielt zunächst jedoch keine zufriedenstellenden Rückantwort.
Mittlerweile war Kim schon wieder in die Heimat abgereist und setzte seine Schulzeit fort. »Ich hatte schon nicht mehr damit gerechnet, etwas aus Deutschland zu hören«, erzählt der 18-Jährige. »Als ich dann nachts um vier Uhr plötzlich eine E-Mail bekam und hörte, dass ich im März für eine Woche bei Borussia vorspielen darf, war ich wie elektrisiert und an Schlaf war nicht mehr zu denken«. Christoph hatte in der Zwischenzeit, auf Bitten von Kim, vermittelt und Borussias Verantwortlichen geholfen, die Anfrage aus Südkorea richtig einzuordnen.
So machte sich Kim Mitte März auf den Weg nach Deutschland. Einmal um die halbe Welt flog der Südkoreaner nach Düsseldorf und akklimatisierte sich in der Landeshauptstadt für die Trainingswoche in Mönchengladbach. Frohen Mutes kam er Samstags nach Mönchengladbach und durfte auf Kosten der Borussia während der Trainingswoche eines der begehrten Zimmer im Jugend-Internat im Stadion am Borussia-Park beziehen.
»Von Frau Lintjens und den Spielern wurde ich toll aufgenommen und habe mich dort sehr wohlgefühlt« erzählt Kim nach dem Ende der Trainingswoche mit glänzenden Augen. Mit der U23 der Borussia trainierte er volle fünf Tage und konnte sein Talent unter Beweis stellen. Einige Minuten lang durfte der 18-Jährige gar im Testspiel gegen die U23-Nationalmannschaft Australiens im hellblauen Trikot der Borussia mitwirken.
Für den jungen Südkoreaner ging damit ein großer Traum in Erfüllung und voller Stolz trug er den Trainingsanzug der Borussia. Mit den Nachwuchsspielern Tim Heubach, Moritz Göttel und Julian Korb verstand sich Kim auf Anhieb gut und war erfreut, sich mit diesen über die große Fußballwelt fachmännisch austauschen zu können.
Kim zeigte in den Trainingseinheiten vollen Einsatz, musste sich aber Defizite bei der Fitness selbst eingestehen. »Ohne die physische Stärke und gute Fitness wird es für ihn sehr schwierig, Profi-Fußballer zu werden, auch wenn er bei uns Vollgas gegeben hat«, erzählt Nachwuchsdirektor Roland Virkus, der mit seinem Team den jungen Südkoreaner eine Woche lang aufopferungsvoll umsorgte. »Dennoch wollten wir ihm eine faire Chance geben und erhoffen uns mit solchen Aktionen natürlich auch unter hundert Testspielern das eine große Talent zu finden«.
So dürfen hin und wieder talentierte Spieler bei der U23 der Borussia vorspielen und ihre Visitenkarte bei der Elf von Trainer Sven Demandt abgeben. »Bei Kim sind wir uns aber im Moment einig, dass es derzeit auch nicht für einen Vertrag bei der U23 reicht«, gibt Virkus am Ende der Woche eine ehrliche Einschätzung über den südkoreanischen Testspieler ab.
Kim wird wohl akzeptieren müssen, dass sein großer Traum im Profi-Fußball Fuß zu fassen, zunächst einmal nicht in Erfüllung geht und es stattdessen für ihn auf kurz oder lang wieder zurück in den Alltag einer täglichen 16-Stunden-Schule und anschließendem Studium in der Heimat führt. Mit dem einwöchigen Probetraining am Borussia-Park hat der VfL ihm aber einen Traum erfüllt und ihn wichtige Erkenntnisse für den weiteren Lebensweg gewinnen lassen.
Mit einer Bescheinigung über sein Probetraining bei einem Bundesligisten wird Kim in der Heimat nicht nur seinen Freunden und seiner Mutter voller Stolz von einem »unvergesslichen Erlebnis« bei Borussia Mönchengladbach erzählen können, sondern auch den Wieder-Einstieg in der Schule schaffen können, die ihn extra für das Probetraining am anderen Ende der Welt freigestellt hatte.
»Ich bin der Borussia sehr dankbar, man hat mich hier toll aufgenommen und mich auch um eine ehrliche Einschätzung meines Leistungsvermögens bereichert«, sagt Kim zum Abschied und obwohl er nur schweren Herzens den Borussia-Park an diesem Samstag verlässt, umgibt den jungen Südkoreaner ein zufriedenes Lächeln.