Montag, 14. März 2011 - 07:31 Uhr
Gegen Hoffenheim am vergangenen Samstag änderte Lucien Favre das Spielsystem vom 4-2-3-1 recht zügig auf ein 4-4-2 mit Raute. In Bremen wiederholte sich diese Prozedur, ebenfalls sehr zeitig im ersten Durchgang.
Denn wie schon vor Wochenfrist kamen die Gladbacher in der Start-Grundordnung nicht sonderlich gut zurecht. Im Gegensatz zum Hoffenheim-Spiel brachte die Systemänderung jedoch keine spürbare Verbesserung. »Schon nach 25 Minuten in der ersten Halbzeit haben wir offensiver gespielt. Gesehen hat man das nicht«, musste Lucien Favre später eingestehen.
Bremen war den Borussen in allen Belangen überlegen. Bissiger in den Zweikämpfen, gradliniger im Spiel nach vorne und einfach überzeugter im Handeln. Wie schon in Wolfsburg fanden die Gladbacher kein Mittel gegen den kämpferisch zu Werke gehenden Gegner. »Werder war engagiert und sehr aggressiv. Das müssen wir in Zukunft besser beherrschen«, erkannte Favre.
In der Rückwärtsbewegung fehlte trotz allem Bemühen oft der letzte Tick, im Spiel nach vorne gab es kaum Ballsicherheit. »Wir haben zu langsam und nicht flach gespielt«, monierte Favre. »Es waren viel zu viele Ballverluste«.
Dadurch bedingt stand der Defensivverbund im ersten Durchgang fast permanent unter Druck. »Wenn so viele Angriffe auf dich zurollen, dann passiert es halt mal, dass einer ein paar Meter nicht richtig steht«, erklärte Martin Stranzl. »Nichtsdestotrotz glaube ich, dass wir angesichts des großen Drucks gut verteidigt haben«.
Tatsächlich retteten Dante, Stranzl & Co mehrmals schon fast tollkühn im letzten Moment. Dazu kam mit Logan Bailly ein Torwart, der wie vor zwei Jahren einen „Bremer Glanztag“ erwischte. »Logan hat uns immer wieder gut im Spiel gehalten«, lobte Roman Neustädter den Belgier, der mehrfach herausragend parierte. »Das hat er heute gut gemacht, keine Frage«, ergänzte Martin Stranzl. »Dafür ist ein Torhüter da«.
So retteten sich die Borussen mit viel Glück mit nur einem Tor Rückstand in die Pause. »Wir waren wirklich nicht gut in der ersten Halbzeit«, gestand Lucien Favre ein. »Wir hatten Angst zu spielen und den Ball zirkulieren zu lassen. Es hätte auch 3:0 für Werder stehen können«.
Zur zweiten Halbzeit brachte Favre mit Nordtveit für Marx, der vor dem Gegentreffer schlecht aussah, einen neuen Mann ins defensive Mittelfeld. Das System blieb unverändert und funktionierte nun etwas besser, was jedoch hauptsächlich am Gegner lag. Bremen vermochte den Druck des ersten Durchgangs nicht aufrecht zu erhalten und die Borussen bekamen in der Defensive etwas mehr Luft zum Atmen. Freilich ohne eigene nennenswerte Offensivaktionen initiieren zu könne. Das spielerische Niveau des Tabellenletzten blieb weiterhin grenzwertig.
»Wir sind ruhig geblieben und haben etwas intelligenter gespielt«, befand Favre zwar, relativierte jedoch gleichzeitig: »Es war auch nicht schwer, besser zu spielen als in der ersten Halbzeit«.
»Wenn du ein Tor in Rückstand liegst, kannst du immer hoffen«, so Favre weiter. Die Hoffnung konnten die Borussen bis in die Schlussphase aufrecht erhalten, während bei Werder parallel die Verunsicherung wuchs. In dieser Phase wurde deutlich, dass die Bremer in dieser Saison eben nicht das gewohnt souveräne Team mit europäischen Ambitionen sind.
Lucien Favre erhöhte das Risiko, brachte mit Herrmann für Fink eine offensivere Option und stellte schließlich auf Dreierkette um – Tony Jantschke schob sich weiter nach vorne. »Das war nicht „Alles oder Nichts“, aber wir waren in Rückstand und mussten etwas probieren«, erklärte Favre. »Kein Harakiri, aber mehr versuchen«.
Und endlich kamen die Gladbacher zu Tormöglichkeiten. Reus mit einem schönen Schuss nach glänzendem Anspiel von Neustädter oder Stranzl nach Arango-Flanke an den zweiten Pfosten hätten den Ausgleich markieren können. Gleichzeitig verpasste Werder in Person von Arnautovic (Außenpfosten) bei einem Konter in der 89. Minute die Entscheidung.
In der Nachspielzeit erzwangen die Borussen durch Dantes Kopfball den unter dem Strich glücklichen Ausgleich. »Der Punkt war wichtig, die Spieler haben daran geglaubt«, sagte ein erleichterter Lucien Favre. »Ein Tor in der letzten Minute fühlt sich an wie eine Befreiung«.
Der Punkt in letzter Sekunde dürfte daher besonders »wichtig für den Kopf« gewesen sein, wie Lucien Favre anmerkte. Vor allem, weil im nächsten Abstiegsgipfel am Freitag mit Kaiserslautern ein Gegner kommt, der durch einen dreifachen Punktgewinn Selbstvertrauen tanken konnte. »Durch ihren Sieg über Freiburg können sie nach Gladbach fahren um auf Unentschieden zu spielen«, orakelte Favre. »Das ist ein Vorteil für sie, weil es für uns nicht so einfach ist, das Spiel zu beherrschen«.
»Wir müssen nachlegen mit einem Sieg vor eigenem Publikum«, forderte Martin Stranzl. Die so oft zitierte „Serie“ ist greifbar nahe, darüber palavern wollte allerdings niemand. »Wir wollen nicht so viel reden, sondern uns aufs nächste Spiel konzentrieren«, sagte Roman Neustädter. Das wird wahrlich nötig sein, denn allzu oft sollte man sich nicht auf das Last-Minute-Glück verlassen …