Samstag, 26. Februar 2011 - 12:56 Uhr

Borussia Mönchengladbach hat in dieser Saison schon einige Grenzerfahrungen mit Schiedsrichtern sammeln können. In sehr vielen Fällen durften sich die Gladbacher in Schlüsselszenen benachteiligt fühlen. Entscheidungen, die den Ausgang einer Partie negativ beeinflusst haben. Auch zum Schiedsrichter vom Freitagabend in Wolfsburg, Dr. Drees, gibt es eine solche Vorgeschichte. Der Referee erkannte in der Hinrunde im Spiel gegen Frankfurt einen Treffer von Mo Idrissou nicht an, nachdem er zunächst auf Tor entschieden hatte. Diese strittige Entscheidung führte letztlich mit dazu, dass die Borussia gegen die Eintracht unterging. Es war gleichzeitig der Kopfsprung in den Negativstrudel, in dem die Gladbacher bis heute gefangen sind.
Ein wenig durfte man in Wolfsburg den Eindruck gewinnen, dass Dr. Drees der These von der sich ausgleichenden Gerechtigkeit in Bezug auf Schiedsrichterentscheidungen im Laufe einer Saison Nachdruck verleihen wollte. Zwar fiel er auf die eine oder andere Flugeinlage von Diego herein, doch dass er den Kopfballtreffer von Kjaer zum möglichen 3:1 aberkannte, war schon ein kleines Geschenk an die Borussen. Das weitaus größere war der Elfmeterpfiff in der 73. Minute, als er ein alltägliches leichtes Aufstützen von Polak bei Stranzl ahndete.
»Im Mittelfeld wird sowas auch gepfiffen«, sagte Martin Stranzl. Wohl wissend, dass kaum ein Schiedsrichter in vergleichbaren Situationen auf den Punkt zeigt. Dr. Drees tat es und hauchte damit einer leblosen und apathischen Gladbacher Mannschaft neues Leben ein.
Dass die Borussen das Geschenk nicht dazu nutzten, den plötzlich immer mehr aus den Fugen geratenen Wolfsburgern noch einen Punkt abzuluchsen, war schlichtweg Pech. Zweimal Reus, Nordtveit und Stranzl verpassten nur knapp.
Die Schlussviertelstunde darf allerdings nicht davon ablenken, dass die Gladbacher Borussen zuvor auf ganzer Linie enttäuschten. »Wir hatten nicht die Sicherheit im Ballbesitz und bekamen die Wolfsburger nicht in den Griff«, gab Tobias Levels zu. »Nach vorne war zu wenig Bewegung, hinten war alles zu weit auseinander«, wollte auch Martin Stranzl gar nicht nach Ausflüchten suchen. »Die Angst war da und man hat gesehen, was schief gelaufen ist in den letzten Wochen und Monaten«.
Tatsächlich war das Spiel ein Musterbeispiel für den Zustand der Mannschaft. Wenn alle richtig mitmachen und der Gegner bearbeitet wird, ist etwas möglich. Fehlen jedoch ein paar Prozente an Bissigkeit und gesellt sich dann noch eine fußballerische Lässigkeit dazu, sieht es so aus wie in Wolfsburg und den vielen Partien zuvor. Einfach mitspielen reicht nicht – begriffen haben die VfL-Profis das augenscheinlich immer noch nicht.
Lucien Favre bekam aus erster Hand Anschauungsunterricht, warum sein neuer Verein das Tabellenende ziert. Wolfsburg machte viel Betrieb über die Außenbahnen, deckte die Schwächen der Gladbacher Außenverteidiger gnadenlos auf. Dazu ein Diego, der mit seinen flinken Haken nicht einzufangen war und immer wieder energisch nachrückende Wolfsburger Mittelfeldspieler, auf die der Defensivverbund der Borussen keinen Zugriff bekam.
Favre versuchte früh einzugreifen, beorderte Arango in die Mitte und zog Reus nach links, nachdem sich Wolfsburg zuvor mehrmals auf Borussias linker Seite ungestört austoben durfte. Noch vor der Pause wurde der völlig überforderte Roman Neustädter erlöst und auch Patrick Herrmann blieb in der Halbzeit draußen.
Doch weder Thorben Marx noch Igor de Camargo und die Umstellung im zweiten Durchgang (Reus auf rechts, de Camargo und Idrissou als Doppelspitze) brachten grundlegende Änderungen. Erst der Pfiff von Dr. Drees sorgte dafür, dass das Spiel nochmal in eine andere Richtung ging.
Für den Kopf der Gladbacher Profis – wobei es nach wie vor ein Rätsel ist, was sich da eigentlich abspielt - ist es sicherlich gut, dass es keine wirkliche Klatsche gesetzt hat. Lucien Favre wird zudem aus diesem Auftritt weitaus mehr Erkenntnisse gewonnen haben, als aus dem Schalke-Spiel. Der Coach wird nach der Methode „trial and error“ (Versuch und Irrtum) einiges einordnen und abhaken können.
»Wir müssen Lösungen finden«, ist dem Schweizer bewusst. »Wir haben schlecht gespielt, das ist klar. Unsere Balleroberung war nicht gut, wir haben viele Fehler gemacht, standen zu weit weg von den Gegenspielern und kamen zu spät in die Zweikämpfe«, sagte er. Eine treffende Aussage, die allerdings fast wortwörtlich den Statements gleicht, die sein Vorgänger Michael Frontzeck Woche für Woche abgegeben hat. Doch in Zeiten, wo Plagiate gesellschaftsfähig werden, darf man getrost darüber hinwegsehen. Was soll Lucien Favre auch sonst sagen?
Viel wichtiger wird sein, dass er die richtigen Schlüsse zieht und die treffenden Maßnahmen ergreift. Denn wenn schon das Glück (Pfostenschuss, verschossener Elfmeter) und der Schiedsrichter auf Seiten der Borussia stehen, muss mehr herauskommen als solch eine Minusleistung wie in Wolfsburg.