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Vor einem Jahr ging der Stern des Tony Jantschke auf

Jantschke: »So bekloppt kann keiner sein«

Marc Basten und Nadine Basten

Sonntag, 15. November 2009 - 17:50 Uhr

Im November 2008 ging der Stern des Tony Jantschke bei Borussia Mönchengladbach auf. Der damals 18-Jährige debütierte in der Bundesliga und überzeugte mit guten Leistungen, verschwand danach jedoch fast in der Versenkung. Ein Jahr später steht Jantschke wieder am Anfang, allerdings um eine Menge Erfahrungen reicher.

Den Fußball im Blick - Borussias Jungprofi Tony Jantschke hat ein bewegtes Jahr mit Höhen und  Tiefen hinter sich. (Foto: Olaf Kozany / TORfabrik.de)
Den Fußball im Blick - Borussias Jungprofi Tony Jantschke hat ein bewegtes Jahr mit Höhen und Tiefen hinter sich. (Foto: Olaf Kozany / TORfabrik.de)

Rückblende. November 2008, Borussia Mönchengladbach steckt tief im Abstiegssumpf fest. Hans Meyer hat Aufstiegstrainer Jos Luhukay schon lange abgelöst, die Mannschaft kommt allerdings nicht auf die Beine. Im Duell gegen den unmittelbaren Konkurrenten Energie Cottbus soll im Borussia-Park endlich der Befreiungsschlag folgen. Doch weit gefehlt. Das Team spielt unterirdisch schlecht, liegt zur Pause mit 0:1 hinten.

Zur zweiten Halbzeit lässt Meyer den Israeli Alberman draußen, bringt für ihn den 18-Jährigen Tony Jantschke. »Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet«, sagt Jantschke heute. »Ich war zwar zuvor in Bielefeld und Schalke schon im Kader, doch es deutete nichts darauf hin, dass ich gegen Cottbus zum Einsatz kommen würde«.

Der Youngster macht seine Sache mehr als ordentlich. »Ich hatte wohl ein wenig Glück, weil ich gegen Skela spielen musste und der nach 60 Minuten schon ziemlich platt war«, gibt sich Jantschke bescheiden. Die 1:3-Niederlage kann er zwar nicht verhindern, doch er spielt so gut, dass Trainer Meyer ihm anschließend die Einsatzgarantie für das folgende Spiel gegen Leverkusen gibt.

Dort steht Tony Jantschke erstmals in der Startelf. Auch diese Partie geht 1:3 verloren, Jantschke überzeugt mit reifem und sicherem Passspiel. Sogar sein erstes Bundesligator gelingt ihm – per Kopf nach Vorarbeit von Marko Marin. »Klar habe ich mich über mein Tor gefreut«, sagt er. »Aber letztlich hat es nichts genutzt, weil wir verloren haben«.

Beim nächsten Spiel in Dortmund gehört er wieder zur ersten Elf. »Ein Riesenerlebnis, in diesem Stadion zu spielen«, schwärmt Jantschke. Verunsichert ob der beeindruckenden Kulisse ist er nicht. »Christian Ziege hat mich vorher zur Seite genommen und mir gesagt, dass ich einfach Fußball spielen soll. Und er hat sich daran erinnert, dass er sein erstes Tor in Dortmund gemacht und anschließend vor der Südkurve gejubelt hat«.

Jubeln kann Tony Jantschke in Dortmund nicht. Schuld hat ein gewisser Jakub Blasczykowski, genannt Kuba. Der rammt dem Gladbacher im Luftkampf den Ellenbogen ins Gesicht und knockt ihn aus. »Es war sicher keine Absicht von ihm, doch ich war kurzzeitig weg«, erinnert sich Jantschke, der noch vor der Halbzeit vom Platz getragen wird. Dass ihn die Dortmunder Fans mit einem höhnischen ‚Auf Wiedersehen‘ verabschieden, bekommt er mit.

Der befürchtete Jochbeinbruch ist es zum Glück nicht, die Kopfschmerzen legen sich mit der Zeit. Tony Jantschke kann in der Winterpause auf bewegte Wochen zurückblicken. Der schon vor seinem ersten Einsatz ausgehandelte Profivertrag bis 2012 tritt am 1. Januar in Kraft, dazu macht er sich nach seinen guten Leistungen die berechtigte Hoffnung, auch in der Rückrunde seine Einsatzzeiten zu erhalten.

Doch noch vor dem Jahreswechsel gibt es einen ersten Dämpfer. Christian Ziege, ehemaliger Sportdirektor und damaliger Co-Trainer, tritt zurück. »Das habe ich sehr bedauert«, sagt Jantschke. Ziege ist eine wichtige Bezugsperson für ihn. »Er war schon mein Jugendtrainer und er hat sich auch später sehr viel um mich gekümmert«.

Der wesentliche Ansprechpartner ist weg und auch die Vorbereitung auf die Rückrunde gestaltet sich für Jantschke nicht gerade erfreulich. Borussia hat mit Galásek die geballte Erfahrung fürs defensive Mittelfeld verpflichtet, der Youngster (O-Ton Hans Meyer: »Jantschke muss eigentlich noch auf die Weide«) spielt in den Planungen offensichtlich keine Rolle. Doch am dritten Spieltag in Bremen steht er plötzlich wieder in der Startelf. »Das kam sehr überraschend. Ich hatte in der Vorbereitung keinen einzigen Einsatz und in Bremen stellte mich der Trainer auf einmal als Bewacher von Mesut Özil auf«.

Eine Maßnahme, die nicht funktioniert. »Özil spielt sehr flexibel und ist wahnsinnig schnell«, räumt Jantschke ein. Er kommt nicht hinterher, zumal er immer wieder woanders aushelfen muss und Özil darüber aus den Augen verliert. Meyer nimmt Jantschke bereits nach vierzig Minuten vom Feld. »Mein Fehler«, gesteht Meyer die Schuld für das misslungene Experiment ein.

Ein schwacher Trost für Tony Jantschke, der für den Rest der Saison förmlich von der Bildfläche verschwindet und nicht mehr zum Einsatz kommt. »Es war schon enttäuschend für mich, aber ich habe in diesem halben Jahr auch eine Menge gelernt«.

Einfach hatte es Tony Jantschke ohnehin nie. Mit 11 Jahren geht er ins Internat des Sportgymnasium von Dresden. »Das war eine teilweise sehr harte Zeit«, erinnert er sich. Dennoch weiß er sich durchzusetzen. Es gibt sicher talentiertere Jungs in seinem Alter, doch kaum jemand geht mit solchem Biss und Willen zu Werke wie Tony Jantschke. Er gilt als Teamplayer, entwickelt schon in der Jugend Führungsqualitäten, spielt in diversen Auswahlteams und wird fast immer als Kapitän bestimmt.

Mit 15 wird er mit Dresden Landesmeister in Sachsen, das Team steigt in die Regionalliga auf. Anstatt der Talentförderung steht schon lange der Wettkampf im Mittelpunkt. Rücksicht wird eher weniger genommen. »Entweder warst du so verletzt, dass du unter keinen Umständen spielen konntest, oder aber du hast gespielt. Dazwischen gab es nichts«, sagt Jantschke, der mehr als einmal vor einer Partie eine Schmerztablette schluckt.

Seine Ambitionen treiben ihn voran. »Ich bin ein ganz schlechter Verlierer und will immer gewinnen«, beschreibt er sich. Die Talentscouts der Bundesligisten werden auf ihn aufmerksam. »Eigentlich war ich schon so gut wie beim HSV«, erzählt er. Im letzten Moment scheitert der Wechsel, er bleibt bis 2006 in Dresden. »In dem Jahr waren einige Vereine interessiert«. Die Wahl fällt schließlich auf Borussia Mönchengladbach. »Max Eberl und Thomas Schumacher bemühten sich sehr um mich. Dann schaute ich mir das Internat hier an und die Entscheidung war gefallen«.

Tony Jantschke setzt in der Jugend von Borussia den eingeschlagenen Weg kontinuierlich fort. »So weit weg von der Familie war das nicht immer leicht, aber ich wollte meinen Traum vom Profifußball unbedingt verwirklichen«. Er wird direkt akzeptiert, übernimmt auch in Gladbach die Rolle des Führungsspielers. Jantschke wird U17-Nationalspieler, ist bei der EM in Belgien dabei und wird mit dem Team bei der WM in Südkorea Dritter.

Im Januar 2008 fährt er unter Jos Luhukay »für mich völlig unerwartet« mit den Profis ins Trainingslager nach Spanien. Zum Auftakt der Rückrunde in der zweiten Liga in Hoffenheim gehört er erstmals dem Profikader an. Bis zu seinem ersten Einsatz dauert es allerdings noch bis zum besagten Spiel gegen Energie Cottbus im November.

Mit dem Wechsel von Hans Meyer zu Michael Frontzeck im Sommer diesen Jahres werden auch für Tony Jantschke die Karten bei Borussia neu gemischt. »In der Vorbereitung habe ich gespielt, in der Bundesliga hatte ich Kurzeinsätze und stand zuletzt wieder zweimal im Kader. Das ist schon in Ordnung«, beurteilt er seine persönliche Ausbeute in dieser Saison.

»Natürlich muss es das Ziel eines jeden Profis sein, regelmäßig zu spielen«, weiß er. Eine ‚Deadline‘ der Art ‚wenn ich bis dahin nicht Stammspieler bin dann ...‘ hat er sich nicht gesetzt. »Ich kann das alles sehr realistisch einschätzen. Gerade im Fußball geht es rasend schnell. Ein Christoph Moritz spielte vor ein paar Monaten noch völlig unbeachtet bei der 2. Mannschaft von Alemannia Aachen und ist heute unter Felix Magath bei Schalke 04 in der Bundesliga Stammspieler«.

Wenn seine Chance kommt, will Tony Jantschke sie beim Schopf packen. Sein Trainer jedenfalls weiß genau, was er da für einen Typen in der Hinterhand hat. »Tony steht mit beiden Beinen auf dem Boden und passt hervorragend in die Mannschaft. Er ist ein guter Fußballer, muss aber auch noch viel lernen«, sagt Michael Frontzeck.

Die Lernbereitschaft bei Tony Jantschke ist vorhanden, sogar im Überfluss. Extraschichten sind für ihn seit Jahren selbstverständlich. »Manchmal denke ich, so bekloppt kann man nicht sein. Aber ich bin halt Fußballverrückt«.

So ist es für ihn auch kein Problem, bei der U23 zu spielen, wenn er nicht für den Profikader nominiert wird. »Spielpraxis ist wichtig«, weiß er. Ohne Schwierigkeiten hilft er dort ebenso als Innenverteidiger aus. Eine Position, die er sich auch ‚oben‘ zutraut, obwohl er mit 1,77 Metern nicht gerade über Idealmaße für einen zentralen Verteidiger verfügt.

»Er kann das«, bestätigt Michael Frontzeck. »Tony hat ein hervorragendes Kopfballspiel mit ausgezeichnetem Timing. Wenn er bei mir spielt, wird er bei gegnerischen Standards auf jeden Fall einem Gegenspieler zugeteilt«.

Woher kommt das gute Kopfballspiel? »Training. Ohne Ende Training, schon immer«, sagt Jantschke. »Man kann fast alles trainieren und sich immer verbessern«. Eine Einschränkung macht er. »Grundschnelligkeit nicht«. Und darum ist die fehlende Schnelligkeit auch das einzige objektive Manko, das man Tony Jantschke attestieren muss.

»Man kann das mit Spielverständnis kompensieren«, ist sich Jantschke sicher und verweist auf Thomas Galásek oder Patrick Paauwe. Letzterer war zu seiner Zeit in Gladbach ein großer Förderer des jungen Tony. »Er ist sehr auf mich eingegangen, hat mir viel erklärt. Patrick ist ein ganz toller Fußballer und Mensch, von dem ich eine Menge lernen konnte«.

Tony Jantschke saugt alles auf, was der Fußball ihm bietet. Während sich viele gleichaltrige Kollegen in der Glitzerwelt des Profifußballs verlieren, bleibt Jantschke bewusst geerdet. »Mir ist klar, wie es in diesem Geschäft läuft. Ich weiß, was gut für mich ist und was ich lieber lassen sollte«.

Für einen so jungen Spieler wirkt er bemerkenswert reif und abgeklärt, selbst wenn er sich innerhalb der Mannschaft als »Spaßvogel« sieht. Wenn er mit seinen 19 Jahren heute sagt, »ich kann mir gut vorstellen, später mal als Trainer zu arbeiten«, stellt sich schnell heraus, dass das keineswegs scherzhaft gemeint ist. »Ich beschäftige mich fast ausschließlich mit Fußball«, sagt er. Den spontanen Test, wie denn der kommende Gegner Eintracht Frankfurt im Mittelfeld personell und taktisch aufgestellt ist, besteht er souverän. Auch die anderen Teams kennt er von A-Z.

In Frankfurt wird Tony Jantschke dessen ungeachtet wohl allenfalls auf der Ersatzbank sitzen. »Wenn überhaupt«, sagt er. »Filip Daems kehrt zurück, Michael Bradley und Thorben Marx machen es vor der Abwehr sehr gut und Marcel Meeuwis steht auch parat«. Zudem konnte sich Jantschke wegen seiner Nominierung zur U20-Nationalmannschaft (45 Minuten gegen Österreich als Linksverteidiger) beim Test in Oberhausen nicht präsentieren. »Das ist schon ein zweischneidiges Schwert«, weiß er.

Dennoch bleibt er mit Blick auf seine nähere Zukunft betont ruhig. »Wie gesagt, im Fußball kann alles sehr schnell gehen. Ich werde weiter an mir arbeiten und mich anbieten, alles andere wird sich ergeben«.

Ein Jahr ist seit dem spontanen Höhenflug des Tony Jantschke vergangen. Er ist nicht durchgestartet, aber auch nicht abgestürzt. Es wird interessant sein, seine Entwicklung weiter zu beobachten. Die Mischung aus fußballerischen Fähigkeiten, großem Ehrgeiz und äußerst klarem Kopf lassen die berechtigte Annahme zu, dass Tony Jantschke seinen Weg im Profifußball machen wird ...

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