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Ein Talent startet durch

Cuisance nach vorne?

von Marc Basten

Montag, 13. November 2017 - 15:57 Uhr

Michaël Cuisance hat bei Borussia Mönchengladbach einen vielversprechenden Start hingelegt. Offen bleibt die Frage, auf welcher Position der junge Franzose am besten zur Geltung kommt. Als Sechser eher nicht.

Es war im Sommer 2013, als ein 17-Jähriger bei Borussia Mönchengladbach auf sich aufmerksam machte. Mo Dahoud hieß das Leichtgewicht, dass da während des Telekom-Cups Begeisterung auslöste und anschließend noch ein paar Monate das heiße Thema in den Diskussionsforen war.

Vier Jahre später erlebte man in Gladbach fast ein Deja-Vu. Da war wieder ein 17-Jähriger, der in der Vorbereitung mit seinem unbekümmerten Stil für Entzücken sorgte: Michaël Cuisance, eigentlich als Talent mit Perspektive ›für irgendwann mal in ein paar Jahren‹ geholt, drängte sich in den Vordergrund.

Der Shootingstar von 2013, Mo Dahoud, kam erst im April 2015 zu seinem Bundesligadebüt. Ein Grund dafür war neben Verletzungsproblemen auch der damalige Trainer Lucien Favre, der junge Spieler zwar sehr förderte, sie aber erst doppelt und dreifach präpariert sehen wollte, bevor er sie tatsächlich ins kalte Wasser warf.

Mo Dahoud ist immer noch auf der Suche

Bei Dahoud zögerte Favre lange, schließlich gab es in seinem 4-4-2 zentral nur die Rolle auf der Doppel-6, für die Dahoud infrage kam. Und diese Position ist halt besonders anspruchsvoll hinsichtlich der Balance zwischen Defensive und Offensive. Mo Dahoud erlebte deshalb seinen richtigen Durchbruch erst unter André Schubert, der deutlich risikobehafteter spielen ließ, als sein Vorgänger.

Welche Position für Mo Dahoud die richtige ist, darüber müssen sie sich mittlerweile in Dortmund Gedanken machen. Wirklich weiter gekommen sind sie in den vier Monaten nicht, die Anpassungsphase läuft immer noch.

Die Euphorie um Cuisance hat sich etwas gelegt

In Mönchengladbach spricht man derweil kaum noch von Dahoud. Denis Zakaria erfüllt die Aufgaben eines Sechsers klarer und für die kreativen Momente gibt es ja Michaël Cuisance. Dieter Hecking setzt zwar auf das Favre’sche 4-4-2, die Zögerlichkeit seines Vor-Vorgängers bringt er jedoch nicht mit. Daher konnte Michaël Cuisance bereits sein Bundesligadebüt feiern - mit 17 Jahren als zweitjüngster Spieler in der Vereinsgeschichte.

Die Fans wählten den jungen Franzosen zum Spieler des Monats September und die Begeisterung war groß. Doch nachdem Borussia mit Cuisance als Sechser in der zweiten Halbzeit gegen Leverkusen untergegangen war und der mittlerweile 18-Jährige Franzose im Pokal in Düsseldorf zu viel auf einmal wollte und dabei kaum etwas geregelt bekam, hat sich die Euphorie etwas gelegt.

Großes Potenzial, aber auch noch Defizite

Als es gegen Hoffenheim ging, vertraute Hecking doch lieber der Erfahrung eines Matthias Ginter als Sechser und zuletzt gegen Mainz begann Ginter ebenfalls im Mittelfeld, weil Kramer noch nicht fit für 90 Minuten war. Michaël Cuisance ist zwar nicht weg vom Fenster - er wurde gegen Mainz eingewechselt - aber doch ein wenig ausgebremst.

Seine Einsätze haben gezeigt, dass er über richtig viel Potenzial verfügt. Starke Technik, gutes Auge, viel Intuition und Unbeschwertheit. Aber es wurden auch Schwächen im Zweikampfverhalten und im defensiven Positionsspiel deutlich. Die allerdings grundlegende Voraussetzungen für einen Sechser sind.

Zentral in der Rolle von Raffael oder Stindl?

Natürlich wird Cuisance diesbezüglich noch hinzulernen. Gerade in diesem Bereich, wo es auch auf die körperliche Komponente ankommt, steht er erst am Anfang seiner Entwicklung. Klar ist auch, dass praktische Erfahrungen unter Wettkampfbedingungen mit nichts aufzuwiegen sind. Dennoch stellt sich die Frage, ob Cuisance zumindest für eine Übergangszeit nicht nach vorne ›versetzt‹ werden sollte.

Von seinen Anlagen her ist der Franzose ein 8er oder 10er - diese klassischen Rollen gibt es im 4-4-2 bei Borussia nicht. Entweder man ließe Cuisance auf einer Halbposition spielen und würde ihn mit der Freiheit ausstatten, in die Mitte zu ziehen. Oder aber er könnte in der Raffael/Stindl-Rolle zentral spielen. Beides mit dem Vorteil, dass nicht gleich jeder Ballverlust einen gefährlichen Gegenangriff zur Folge hätte, wie es auf der Sechserposition fast zwangsläufig ist.

Vorne ist das Gedränge größer

Andererseits ist da die Konkurrenzsituation, die für derartige Experimente wenig Raum lässt. Hazard drängt mit Vehemenz in die zentrale Rolle als Kronprinz zur Raffael/Stindl, auf den Halb- bzw. Außenpositionen herrscht trotz der Ausfälle von Hofmann und Traoré Gedränge. Als Sechser ist es da scheinbar einfacher. Hier gibt es zu Kramer und Zakaria nur Notlösungen, zumindest bis Tobias Strobl wieder soweit ist.

Es ist also nicht ganz einfach, die Idealposition für Michaël Cuisance zu finden. Klar ist, dass sich der Spieler jetzt nicht damit zufriedengeben wird, vollständig ins zweite oder gar dritte Glied zurückzutreten. Er hat natürlich Blut geleckt und will weiter kommen. Es wird sehr interessant zu beobachten sein, wie sich Michaël Cuisance in den nächsten Monaten entfaltet und auch, wie nachhaltig Dieter Hecking ein solches Talent im laufenden Pflichtspielbetrieb entwickeln kann.

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