Sonntag, 21. Oktober 2012 - 16:46 Uhr
Drei Wochen dauerte es, »dann hat die Mannschaft verstanden, was ich wollte«. Das erzählt Lucien Favre im Rückblick auf seine Anfangszeit in Mönchengladbach. Er fand die richtige Ansprache, traf die richtigen Maßnahmen und stellte eine Fähigkeit unter Beweis, die einen guten Trainer ausmacht: aus dem vorhandenen Spielermaterial das in der jeweiligen Situation Bestmögliche herauszuholen.
Bei der Weiterentwicklung nach dem ‚Wunder Klassenerhalt‘ machte die Mannschaft in der Hinrunde gleich mehrere Schritte auf einmal. Die Spieler strotzten vor Selbstbewusstsein, sie folgten dem Trainer und seiner Philosophie. Es war die viel zitierte Erfolgswelle, auf der alle ritten. Doch schon in der Rückrunde der letzten Saison verlor die Welle an Dynamik. Die Gegner hatten sich auf Borussias Spiel eingestellt und die Gladbacher taten sich schwer, damit umzugehen.
Je nach Gegner oder Spielverlauf fehlte der ‚Plan B‘. Man blieb stets dem gleichen Muster treu, was letztlich die entscheidenden Punkte kostete um den dritten Tabellenplatz und damit die direkte Qualifikation zur Champions-League zu sichern.
Angesichts der Vorgeschichte war natürlich auch der vierte Rang ein Riesenerfolg, doch die Tendenz in der Rückrunde zeigte eindeutig nach unten – trotz Reus, Neustädter und Dante.
Deren Abgänge werden nun gerne als Erklärung genommen, warum sich die Borussia in der neuen Saison so schwer tut. Zum Teil ist das richtig, schließlich wurde zweifelsohne individuelle Qualität abgegeben. Andererseits ist es nicht so, dass die Wechsel plötzlich und unerwartet kamen.
Lucien Favre hatte eine immens lange Vorbereitungszeit und es war klar, dass es keinen ‚Reus-Klon‘ geben würde. So stand auch früh fest, dass das auf Reus zugeschnittene Spielsystem angepasst werden müsste.
Angesichts Favres schon gezeigter Fähigkeit, in einer kurzen Zeit aus vorhandenem Spielermaterial das Optimum herauszuholen, sollte dies bei der Qualität der Neuverpflichtungen – einige kleinere Startschwierigkeiten einkalkuliert – eigentlich keine große Sache sein.
Doch es kam anders. Wohl auch, weil die Champions-League-Qualifikation eine direkt funktionierende Mannschaft erforderte und es schief ging. Die verpasste Qualifikation gab einen Knacks, weil sie das schmerzhafte Ende der letzten Erfolgssaison bedeutete und das Selbstverständnis kostete, das im Vorjahr der große Trumpf war.
Lucien Favre probierte danach einiges aus. Er testete viele Spieler auf unterschiedlichen Positionen, suchte die richtige Mischung. Gefunden hat er sie bis heute nicht. Ans Spielsystem traute er sich nur marginal. Insgesamt höher stehen und etwas mehr Belebung des Offensivspiels durch die 6er, ansonsten weiter mit Kombinationsspiel durch die Mitte und auf die genialen Momente von Arango setzen.
Angesichts der Leistungen in den letzten Wochen erscheint es immer unverständlicher, warum Lucien Favre nicht stärker auf die veränderten Umstände reagiert. Er ist von Natur aus ein Zauderer, was sich aktuell als gewisse Ratlosigkeit interpretieren lässt. Sicher bieten die ständigen englischen Wochen kaum Zeit, im Training etwas Neues einzustudieren. Doch gibt es wirklich keine andere Lösung, als alles laufen zu lassen und sich irgendwie in die Winterpause zu retten?
Lucien Favre hat früh gewarnt, dass die Saison sehr kompliziert wird. Aber ist es nicht seine Aufgabe, hier Lösungen zu präsentieren?
Er hat fast genauso oft durchklingen lassen, dass die Neuverpflichtungen nicht seine Wunschspieler sind. Andererseits hat er sie letztlich alle abgenickt, auch weil er keine (realisierbaren) Alternativen parat hatte. Tolga Cigerci, die einzige Wunschverpflichtung seiner Ära in Gladbach, nominiert Favre nach einigen misslungenen Experimenten im Moment nicht mehr. Um den Spieler zu schützen, vielleicht auch um sich selbst zu schützen.
Lucien Favre ist jetzt gefordert. Im Interesse der Borussia, aber auch in seinem eigenen. Ein Berlin 2.0 kann er in seiner Vita nicht wirklich gebrauchen.