Donnerstag, 09. Februar 2012 - 09:02 Uhr
Es ist nicht einfach, sich ein abschließendes Urteil über die Szene des Abends im Berliner Olympiastadion zu bilden. Grundsätzlich haben theatralische Einlagen im Fußball nichts verloren und sie sollten auch bei der eigenen Mannschaft nicht toleriert werden. Andererseits hat sich der Berliner unfassbar dämlich verhalten und ist dafür nach geltenden Fußballregeln mit aller Härte bestraft worden.
Igor de Camargo ist ein Spieler, der provoziert. Er hängt ständig am Schiedsrichter und liegt genauso oft lamentierend am Boden. Er ist der Typ, den die gegnerischen Fans hassen und dessen Getue die eigenen Anhänger nicht mögen. Andererseits weiß jeder, dass man nur mit artigen Musterschülern im Haifischbecken Profifußball keine Chance hat.
Das wissen auch die Berliner, die sich jetzt als Opfer sehen. Dabei wird ausgeblendet, dass einige von ihnen zuvor bei jedem noch so harmlosen Luftkampf zu Boden gingen und sich das Gesicht hielten, als ob die Gladbacher Ellenbogen reihenweise ihre Jochbeine zertrümmert hätten. Die Einlage von Stürmer Lasogga (nach seinem abgepfiffenen Handspiel im Gladbacher Strafraum), der wie vom Blitz getroffen umfiel, als Hanke ihn kurz am Trikot zupfte, war ebenfalls Theatralik pur.
Die Darbietung von de Camargo soll damit nicht entschuldigt werden. Den Brasil-Belgier aber nun als bösen Buben in einer ansonsten heilen Fußballwelt hinzustellen, ist heuchlerisch.
Ein Matthias Lehman hat sich vor fast exakt einem Jahr als große Nummer feiern lassen, als er de Camargo auf St. Pauli für einen vermeintlichen Kopfstoß die Rote Karte besorgte. Damals lag noch nicht mal eine Berührung vor.
Und dass de Camargo in Berlin vor der fraglichen Szene bereits verwarnt war, sollte auch nicht außer Acht gelassen werden. Zumal die Gelbe Karte für eine angebliche Schwalbe unberechtigt war, wie die Fernsehbilder zeigten. De Camargo wurde am Fuß getroffen, doch weil er so effekthaschend abhob, ging der Schiedsrichter von einem Täuschungsversuch aus.
Der vorbelastete de Camargo konnte also ahnen, was auf ihn zukommen könnte, als Hubnik auf ihn zukam. Wäre er nach der Berührung stehen geblieben und hätte er Hubnik mannhaft im wahrsten Sinne des Wortes die Stirn geboten, so wäre wohl eine Gelbe Karte für beide und damit Gelb-Rot für de Camargo die Folge gewesen. Eine gewisse Standhaftigkeit de Camargos hätte Borussia das Halbfinale kosten können.
Nochmals: Schauspielerei gehört nicht auf den Fußballplatz und de Camargos Einlage war alles andere als eine Heldentat. Ihn jetzt aber als Betrüger an die Wand zu stellen, ist zu eindimensional gedacht.