Montag, 02. Februar 2009 - 07:59 Uhr

Nehmen wir Mario Gomez. Seines Zeichens fraglos ein talentierter Stürmer, der es am Samstag gegen Gladbach schaffte, den Ball aus zwei Metern haarscharf unter die Latte ins Tor zu ballern. Es war ganz schön knapp, ist aber gut gegangen. Gut für Gomez, positiv für den VfB Stuttgart, der nach keinesfalls überzeugender Leistung drei Punkte einfahren konnte.
Wenn man selbst nur so knapp an einer Blamage vorbei rauscht, sucht man die Schuld gerne woanders. »So ein System hab' ich zuletzt vor 60 Jahren gesehen«, grummelte der 23-Jährige (!) National-Stürmer in Richtung der Gladbacher.
Ein fraglos dummer Spruch, jedoch wie gemalt um Gladbachs Trainer Hans Meyer für die ‚Reaktivierung des Liberos‘ und seine ‚Mauertaktik‘ quasi an die Wand zu stellen. Und es ist nicht nur die nervige Symbiose der ewigen Nörgler unter den sogenannten Anhängern mit der Berichterstattung des Boulevards, die darauf anspringt. Selbst vermeintlich seriöse Journalisten betätigen sich als dankbare Wiederkäuer solchen Unsinns.
Dabei hatte offensichtlich ein Großteil dieser ‚Fachleute‘ schon genug Probleme damit, das eigentlich für jeden Stadionbesucher so offensichtliche Spielsystem der Gladbacher zu deuten. Entsprechend wurden Analysen veröffentlicht, deren Inhalt schwerste Kopfschmerzen verursachen.
Doch es passt halt wunderbar ins Bild, die Mär vom destruktiven Spielsystem des Hans Meyer zu verbreiten. Dabei hatte der 66-Jährige einzig mit der Variante Tomáš Galásek als freien Mann zwischen den Innenverteidigern zu platzieren, eine Sicherung eingebaut. Was allerdings auch keine wirkliche Neuerung war – Patrick Paauwe hatte eben diese Rolle in der Vorrunde bereits einige Male übernommen.
Der Unterschied zum Herbst: Diesmal agierten die Außen (Stalteri, Daems) wirklich weiter vorne, so dass ein klares 3-4-3 System auszumachen war. Borussia Mönchengladbach stand ein gutes Stück ‚höher‘ als in fast allen Partien der Hinrunde. Sie igelten sich keineswegs – wie allgemein suggeriert – tief in der eigenen Hälfte ein und rührten Beton an.
Allein ein Blick auf die Statistik widerlegt die abstruse Behauptung, die Borussen wären mit einer Mauertaktik angetreten. 10 Torschüsse (Stuttgart 14), 48% Ballbesitz – das sind nicht die Werte einer Zerstörertruppe. Der Mann mit den meisten Ballkontakten auf dem Platz war mit Alex Baumjohann ein Gladbacher Offensivspieler (79).
Und wer das Spiel aufmerksam gesehen hat, der wird auch ohne statistische Werte zu der Erkenntnis gekommen sein, dass Borussia – gerade für einen Tabellenletzten – in Stuttgart vieles richtig gemacht hat. Letztlich waren es zwei Szenen, die dafür sorgten, dass am Ende der Mob ungestraft auf Meyer & Co eindreschen darf. Wenn Rob Friend die Hereingabe von Stalteri über die Linie bugsiert und Roel Brouwers nach Maricas Schuss seine Beine richtig hätte ordnen können, dann würde Meyer heute als Trainerfuchs gefeiert werden und es als beschlossene Sache gelten, dass die Borussen fortan durchstarten.
Selbstverständlich ist richtig, dass am Ende – besonders in der Situation, in der sich Borussia befindet – das nackte Ergebnis zählt. Und da steht eine Niederlage, die ärgerlich genug ist. Doch nun in das Geheul einzustimmen und Mannschaft und Trainer 16 (!) Spieltage vor Schluss als destruktive Fußballverweigerer zu beerdigen, ist arm. Es sei denn, alle sind einfach ein bisschen Gomez? Dann passt es wieder ...