Mittwoch, 26. Dezember 2007 - 11:30 Uhr
Woran erkennt man ein dysfunktionales System? Die beteiligten Elemente passen nicht mehr zueinander und entwickeln Eigendynamiken, deren kleinster gemeinsamer Nenner keinerlei Zielfokussierung zulässt. Woran noch? An der zunehmenden Mühseligkeit der systemimmanenten Elemente, gesteckte Ziele zu erreichen. Auf Borussia Mönchengladbach der vergangenen Saison gemünzt heißt das: die Elemente des Systems (Spieler, Trainer, Verantwortliche) befanden sich durch über Jahre hinweg gepflegtes Missmanagement mit der Frage konfrontiert, auf welche Weise die lauthals eingeforderten Ziele des dauerhaften Aufstiegs in das internationale Fußballgeschäft zu erreichen sein könnten. Regelmäßig installierte und wieder gefeuerte Trainer hinterließen in den Köpfen der Spieler halb angefangene Pläne inklusive deren sportmotorischer Durchführung. Selbstsicherheit bringende Automatismen konnten nicht aufgebaut werden und wurden stattdessen mit sinkender Halbwertzeit immer wieder verändert.
Die Folge dieses Vorgehens ist eine Bewusstseinslage des Abwägens und Abwartens. Raum gewinnender Fußball ist gefährlich weil er schnell ist und von kreativen Ideen lebt. Solche Ideen gedeihen jedoch erst dann, wenn alle Elemente des Systems sich auf eine bestimmte Art der Umsetzung geeinigt haben, sprich: wenn eine Haltung der zielfokussierten Planung etabliert ist. Bleibt eine Mannschaft im Bewusstseinsmodus des Abwägens, wird das Spiel starr und ideenlos. Quergeschiebe und Angst vor dem entscheidenden Pass prägen das Bild – eben genau das Bild der vergangenen vier Jahre, welches sich über mehrere Trainer und viele Spieler hinweg immer deutlicher manifestierte. Unterstützender Nebenaspekt ist außerdem die Tatsache, dass eine dauerhaft abwartende Haltung den freien Fluss der sportmotorischen Bewegungen hemmt und konditionelle Einbußen einfordert.
Wäre es Jos Luhukay und dem Team der vergangenen Saison gelungen, in Liga 1 zu verbleiben, hätte dies altbekannten Mechanismen im Verein eher Auftrieb gegeben und die Möglichkeit verhindert, die Rahmenbedingungen für einen wirklichen Neuanfang auch neu zu setzen. Es wäre darauf hinaus gelaufen, mit einem Team, welches noch mental im alten Bewusstseinsmodus gesteckt hätte, erneut den Abstiegskampf aufzunehmen und sich damit der Gefahr einer erneuten vorzeitigen Trainerdiskussion auszusetzen. Die altbekannten Mechanismen eben…
Der Abstieg in Liga 2 eröffnete die Möglichkeit für substanzielle und langfristige Planung, insbesondere in sportlicher Hinsicht. Die Köpfe frei zu bekommen – also der Wechsel vom zögerlichen Abwägen zum kreativ-planenden Handeln sowohl bei Spielern als auch im Umfeld – war eine der ganz großen Herausforderungen. Mit der Erfolgsbilanz im Rücken ließen sich in der Folge mehr Punkte einfahren, als so mancher erwartet hatte und es darf davon ausgegangen werden, dass die so aufgebauten positiven Automatismen endlich die Energie freisetzen, die notwendig ist um den Aufstieg und die damit verbundene Herausforderung einer weiteren Leistungssteigerung in Liga 1 in Angriff zu nehmen. Der Abstieg war sinnvoll und sowohl für den Aufbau von physischen als auch mentalen Ressourcen absolut notwendig.